Politik

Konflikt im Norden eskaliert Offenbar Massaker in Äthiopien

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Truppen der Zentralregierung liefern sich Gefechte mit Einheiten der früheren Regierungspartei.

(Foto: REUTERS)

Im Norden Äthiopiens eskaliert der Konflikt zwischen der ehemaligen Regierungspartei und der Zentralregierung. Nun meldet Amnesty, dass in einem Ort möglicherweise Hunderte Menschen brutal getötet worden seien. Noch ist unklar, wer das mutmaßliche Massaker verübte.

Im Konflikt in der äthiopischen Region Tigray sollen nach Angaben von Amnesty International zahlreiche Zivilisten beim Überfall auf eine Stadt getötet worden sein. Die Menschenrechtsorganisation teilte unter Berufung auf von ihr geprüfte Augenzeugenberichte, mit Fotos und Videos, mit, dass "Dutzende" und "wahrscheinlich Hunderte" Menschen in der Stadt Mai-Kadra im Südwesten von Tigray einem "Massaker" zum Opfer gefallen seien.

Die Leichen trügen klaffende Wunden, die offenbar von scharfen Waffen wie Messern und Macheten stammten, erklärte Amnesty. Wer für den Angriff verantwortlich war, konnte die Organisation nach eigenen Angaben zunächst nicht herausfinden.

Laut Augenzeugen soll der Überfall von Verbänden verübt worden sein, die mit der Regierungspartei in Tigray, der Volksbefreiungsfront TPLF, verbündet sind. In dem Konflikt um die Region im Norden des Landes bekämpfen sich die TPLF und die Armee der äthiopischen Zentralregierung in Addis Abeba. Die TPLF äußerte sich zunächst nicht zu dem Angriff auf Mai-Kadra.

TPLF regierte ein Vierteljahrhundert

Äthiopiens Regierung hatte nach Monaten der Spannungen mit der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) vor einer Woche eine Offensive gegen die Rebellengruppe und Regierungspartei von Tigray begonnen. Seither erzielten die Truppen der Zentralregierung nach Angaben von Ministerpräsident Abiy Ahmed weitere Geländegewinne. Inzwischen kündigte er an, ein Ende des Armeeeinsatzes sei "in Reichweite". Indes ist wenig über die Lage vor Ort bekannt, da Internet und Telefonverbindungen unterbrochen und laut UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) die Straßen blockiert und die Stromversorgung gekappt sind.

Die TPLF war die dominante Partei in der Parteienkoalition, die Äthiopien mehr als 25 Jahre lang mit harter Hand regierte. Doch als Abiy 2018 an die Macht kam, entfernte er im Zuge von Reformen viele Funktionäre der alten Garde und gründete eine neue Partei ohne die TPLF. Die TPLF und viele Menschen in Tigray fühlen sich von der Zentralregierung nicht vertreten und wünschen sich größere Autonomie. Unter Abiy - der im Vorjahr den Friedensnobelpreis erhielt - haben die ethnischen Konflikte in dem Vielvölkerstaat Äthiopien mit seinen rund 112 Millionen Einwohnern zugenommen.

Warnungen vor humanitärer Katastrophe

Die Vereinten Nationen appellierten unterdessen an die Regierung in Addis Abeba, einen "sofortigen und ungehinderten" Zugang für humanitäre Hilfe in Tigray zu ermöglichen. Darüber führe die UN-Beauftragte in dem ostafrikanischen Land, Catherine Sozi, Gespräche mit der Regierung, teilte UN-Sprecher Stephane Dujarric am Hauptsitz der Weltorganisation in New York mit.

Dujarric appellierte zudem an die zentralen und regionalen Behörden, Flüchtlinge aus Tigray sicher passieren zu lassen und auch die Sicherheit von Mitarbeitern der Hilfsorganisationen zu gewährleisten. Nach UN-Schätzung sind mehr als zwei Millionen Menschen in Tigray auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Angesichts der Kämpfe warnte auch die EU-Kommission vor einer humanitären Katastrophe in dem Land. "Die militärische Eskalation in Äthiopien bedroht die Stabilität des ganzen Landes und der Region", sagte der EU-Kommissar für Krisenmanagement, Janez Lenarcic, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Das Risiko, dass die Gewalt sich ausbreite, sei sehr real. "Ich fürchte, dass diese Krise katastrophale humanitäre Folgen für das ganze Land hat."

Schon vor der Krise seien rund drei Millionen Menschen in Tigray und 15 Millionen Menschen im gesamten Land auf humanitäre Hilfe angewiesen gewesen, sagte der EU-Kommissar. Er verwies auch auf 100.000 Flüchtlinge, die Äthiopien aufgenommen habe. Lenarcic forderte die äthiopische Regierung auf, den Hilfsorganisationen Zugang zur Region Tigray zu gewähren. In einer gemeinsamen Mitteilung erklärten der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell und Lenarcic, sofortige Deeskalation sei notwendig. Die Äthiopien-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, Annette Weber, verwies zudem auf die Gefahr einer Destabilisierung im Nachbarland Sudan.

Quelle: ntv.de, jwu/AFP/dpa