Politik
Das Wort "Töchter" ist auf dem Notenblatt eingefügt.
Das Wort "Töchter" ist auf dem Notenblatt eingefügt.(Foto: dpa)
Donnerstag, 14. Juli 2011

Nationalrat: Männer sabotieren Frau: Österreichs Kampf um die Hymne

von Matthias Bossaller

Die Regierungsparteien in Österreich verständigen sich auf die Änderung der Nationalhymne. Künftig sollen im Text auch die Töchter besungen werden. Jahrzehntelanges Gezänk begleitet diesen Konflikt um Gleichberechtigung. Sogar Popstar Christina Stürmer muss sich vor Gericht verantworten.

Das österreichische Parlament hätte sich einiges an kuriosen Debatten und kindischen Inszenierungen ersparen können, wenn es einem Urteilsspruch des Obersten Gerichtshofes vom vergangenen Jahr gefolgt wäre. Die Richter in Wien entschieden damals, dass die Popsängerin Christina Stürmer den Text der österreichischen Nationalhymne im Sinne der Gleichberechtigung verändern darf. Über die Rock-Version war eine Urheberrechts-Klage entbrannt. Die Erben der Textdichterin Paula von Preradovic stießen sich an den beiden Wörtern "und Töchter", die Stürmer der Zeile "Heimat bist du großer Söhne" hinzugefügt hatte. Wie das Gericht diesem Streit ein Ende setzte, verständigten sich auch Österreichs Regierungsparteien nach jahrelangem Gezänk in dieser Woche darauf, die Töchter künftig in die Bundeshymne mit aufzunehmen.

Der jahrzehntelange, schwelende Konflikt erreichte seinen vorläufigen Höhepunkt in der vergangenen Woche. Im Nationalrat, dem österreichischen Bundesparlament, eskalierte der Geschlechterkampf. Die Frauen der ÖVP hatten in einer Geheimaktion zusammen mit den roten und grünen Mandatsträgerinnen den Antrag auf eine Textänderung der Hymne verfasst. "Heimat großer Töchter, Söhne" sollte es statt "bist du großer Söhne" heißen. Den Antrag wollte die Ex-Frauenministerin Maria Rauch-Kallat dem Parlament präsentieren. Jene Rauch-Kallat, die bereits 2005 einen Vorstoß gewagt hatte, die Hymne zu verändern, weil sie den Text als diskriminierend empfand.

ÖVP-Männer hindern Rauch-Kallat am Reden

In ihrer Partei, der ÖVP, war der Plan jedoch durchgesickert. Die ÖVP-Männer hinderten Rauch-Kallat, über die Änderung der Bundeshymne zu reden, indem sie eine Reihe Abgeordneter an das Pult schickten, die in Endlosreden über Süßstoff oder Mastschweine schwadronierten. Für ihre Kollegin blieb anschließend keine Redezeit mehr.

Die Taktik des Filibustern ist aus dem US-amerikanischen Senat bekannt: Durch Dauerreden soll eine Beschlussfassung der Mehrheit verhindert oder verzögert werden. Auf die ÖVP wirft sie freilich kein gutes Licht, illustriert sie doch die internen Probleme in der Partei und deren Zerrissenheit in Frauenfragen. Weibliche Wählerstimmen gewinnt die ÖVP so bestimmt nicht hinzu. Die Politologin Kathrin Steiner-Hämmerle spricht gar von einer Selbstdemontage.

Alpenrepublik weit zurück

Nach der öffentlichen Entrüstung lenkte der männliche ÖVP-Flügel schließlich doch noch ein. Parteichef und Vizekanzler Michael Spindelegger stellte sich auf die Seiten der Frauen. Im ORF sagte er sinngemäß: Wenn die Änderung ein Zeichen der Wertschätzung der Frauen und ihrer Leistungen sei, dann sei er dafür. Einen Tag später verkündeten die Frauensprecherinnen der ÖVP, SPÖ und Grünen die Erweiterungen der Hymne um die "Töchter". Wie die Textpassage genau lauten soll, ist noch nicht geklärt. Es könnte etwa heißen: "Heimat bist du großer Töchter und großer Söhne." Die entsprechende Gesetzesänderung soll im Herbst verabschiedet werden. Wenn alles glattläuft, könnte der neue Text vom kommenden Januar an gelten.

Formal käme die Gleichberechtigung der Geschlechter in Österreich zumindest in der Nationalhymne zu ihrem Recht. In der Praxis hängt die Alpenrepublik emanzipatorisch noch weit zurück. Im "Gender Gap Report" des World Economic Forum des Jahres 2010 landete Österreich beim Kriterium der ökologischen Teilhabe auf Position 92 – von 134 Staaten. Aus der EU schnitt nur Italien noch schlechter ab. Deutschland belegte Rang 37. Die Rüge aus Brüssel wegen der Gehälterunterschiede erfolgte im März. In Österreich verdienen die Frauen im Durchschnitt 25 Prozent weniger als die Männer. In Deutschland sind es 23 Prozent. EU-weit lag der Durchschnitt bei 17,5 Prozent.

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Quelle: n-tv.de