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"Bin Laden kaltblütig erschossen" Pakistan erhebt schwere Vorwürfe

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Das Foto zeigt Bin Ladens fünfte Frau, die von den US-Soldaten verletzt wurde. Amal Ahmed al-Sadah befindet sich derzeit in einem Krankenhaus in Karachi.

(Foto: dpa)

Vier Tage nach der Erschießung Osama bin Ladens durch US-Elitesoldaten auf seinem Anwesen in Pakistan erhebt das Land schwere Vorwürfe gegen die USA. Niemand in dem Haus sei bewaffnet gewesen, es habe keinen Widerstand gegeben. Die Menschen seien kaltblütig erschossen worden, urteilen Regierungsvertreter in Islamabad. Die Armee droht mit dem Ende des gemeinsamen Anti-Terror-Kampfes, sollte sich ähnliches wiederholen.

Das auf Osama bin Laden angesetzte US-Kommando soll den unbewaffneten Al-Kaida-Chef und vier seiner Vertrauten kaltblütig erschossen haben. Das erklärten zwei Vertreter der pakistanischen Sicherheitsbehörden mit Blick auf die Erstürmung des Anwesens von bin Laden in der pakistanischen Stadt Abbottabad. "Die Bewohner des Hauses waren unbewaffnet. Es gab keinen Widerstand", sagte einer von ihnen.

Damit widersprach er US-Darstellungen, mehrere Bewohner der Anlage seien bewaffnet gewesen und einer habe das Feuer auf die Spezialeinheit eröffnet. US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte in Rom, weitere Details der Kommando-Aktion würden nicht veröffentlicht.

Die beiden hochrangigen Beamten, die das Geschehen in dem Anwesen in der Nacht zum Montag untersuchen, erklärten dagegen, es habe kein Feuergefecht gegeben. Die Bewohner seien kaltblütig umgebracht worden. Beide Männer wollten nicht sagen, wie sie zu diesen Erkenntnissen gekommen sind. Allerdings haben die Sicherheitskräfte die überlebenden Bewohner der Anlage festgenommen. Von Reuters erworbene Fotografien aus dem Gebäude zeigen Nahaufnahmen von drei Männern in Blutlachen. Waffen sind nicht zu erkennen. Die Aufnahmen wurden von einem Mitglied pakistanischer Sicherheitskräfte kurz nach Ende des US-Einsatzes gemacht.

Clinton will keine Einzelheiten nennen

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Clinton beschwichtigt die Regierung in Islamabad.

(Foto: REUTERS)

Im Rom weigerte sich Clinton am Rande eines Außenminister-Treffens, weitere Einzelheiten über den Einsatz bekanntzugeben. Die USA hatten ihre Darstellungen mehrfach geändert. Ursprünglich hatten Mitarbeiter der US-Regierung erklärt, bin Laden sei bewaffnet gewesen und es habe ein 40-minütiges Gefecht gegeben. Später räumte ein Sprecher des Präsidialamtes ein, bin Laden sei unbewaffnet gewesen, habe sich aber gewehrt. Der US-Sender NBC berichtete unter Berufung auf Mitarbeiter der US-Regierung, vier der fünf Getöteten seien unbewaffnet gewesen. Die "New York Times" meldete, nur der Kurier des Al-Kaida-Chefs habe aus einem Gästehaus heraus geschossen.

Pakistan warnt vor Alleingängen nach US-Vorbild

Die Regierung in Islamabad warnte andere Staaten vor ähnlichen Alleingängen im Kampf gegen Terroristen. Wenn ein Land glaube, es könne die USA nachahmen, dann schätze es die Lage in Pakistan völlig falsch ein, sagte Außenstaatssekretär Salman Bashir in der pakistanischen Hauptstadt.

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Anti-amerikanische Proteste in der Stadt Multan in Pakistan.

(Foto: dpa)

Der Diplomat reagierte damit auf Aussagen ranghoher indischer Militärs. Diese hatten erklärt, auch Indien könne einen gezielten Militäreinsatz gegen Extremisten im Nachbarland führen. "Es gab Stellungnahmen von jenseits der Grenze, dass eine solche Aktion wiederholt werden könnte", sagte Bashir. "Wir glauben jedoch, dass eine solche Fehleinschätzung zu einer Katastrophe führen kann."

Gleichzeitig wies er darauf hin, dass die US-Operation gegen Bin Laden in der Nacht zum Montag die staatliche Souveränität Pakistans und das Ansehen der Streitkräfte beschädigt habe. Sollten ähnlich Vorfälle wiederholen, werde Pakistan die Zusammenarbeit mit den USA im Antiterror-Kampf überdenken, teilte die Armee in der ersten Stellungnahme mit.

USA setzen weiterhin auf Pakistan

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Das Haus in Abbottabad ist versiegelt.

(Foto: REUTERS)

IS-Außenministerin Hillary Clinton versuchte die Wogen zu glätten und kündigte an, auch weiterhin gemeinsam mit Pakistan den Kampf gegen Al-Kaida fortsetzen zu wollen. Sie räumte ein, die Beziehungen zwischen beiden Ländern seien nicht immer einfach, aber die US-Regierung werde das pakistanische Volk und die Demokratie unterstützen.

Pakistan war nach eigenen Angaben nicht vorab über die Tötung Bin Ladens in der Stadt Abbottabad informiert worden. Zudem bestritt die Regierung, von der Anwesenheit des Topterroristen gewusst zu haben. Unter Sicherheitsexperten gibt es jedoch starke Zweifel, dass Bin Laden ohne Wissen von Geheimdiensten und anderen Behörden jahrelang unbehelligt in Pakistan leben konnte.

Die in Pakistan einflussreiche islamistische Partei Jamaat-e-Islami rief für Freitag zu Massenkundgebungen auf, um gegen die Zusammenarbeit der Regierung mit den USA im Kampf gegen gewaltbereite Extremisten zu protestieren. Die USA hätten mit ihrer Kommando-Aktion die pakistanische Souveränität und Unabhängigkeit verletzt. Obwohl antiamerikanische Ressentiments in Pakistan verbreitet sind, rechnet der Analyst Hasan Askari Rizvi nicht mit großem Zulauf, da die von Al-Kaida propagierte radikale Form des Islam nicht besonders populär sei.

Quelle: n-tv.de, dpa/AFP/rts

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