Politik

Den Feind im Visier Wie die USA Bin Laden aufspürten

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In Peschawar liest ein Pakistaner eine Ausgabe der englischsprachigen Zeitung "The News".

(Foto: dpa)

CIA-Verhöre in Geheimgefängnissen, Hinweise auf einen Kurier von Osama bin Laden, zwei Top-Terroristen, die den Kurier angeblich nicht kennen, eine zufällige Begegnung nahe Peschawar, wochenlange Observierung, Satellitenbilder des Verstecks. Die Jagd auf den meist gesuchten Terroristen der Welt könnte in Hollywood geplant worden sein.

Nur langsam kommen Details der Tötung von Osama bin Laden ans Licht. Informationen gibt es genug - nur sind sie nicht immer korrekt. Das Weiße Haus wolle die Presse einerseits zügig über den Einsatz informieren, sagt der oberste Anti-Terror-Berater von US-Präsident Barack Obama, John Brennan. Andererseits würde der genaue Ablauf erst mit der Zeit deutlicher.

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Der US-Fernsehsender ABC strahlte erste Videoaufnahmen aus dem Innern des Anwesens in Abbottabad aus.

(Foto: dpa)

Hinter den Kulissen sind allerdings zahlreiche Mitarbeiter aus Weißem Haus, Geheimdiensten und Pentagon damit beschäftigt, ihr Wissen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Bereits in der Nacht von Sonntag auf Montag fand ein telefonisches Hintergrundgespräch statt, das die Basis für die erste Berichterstattung wurde. Moderiert wurde das Gespräch von Tommy Vietor, dem Sprecher des nationalen Sicherheitsrats der USA. Alle anderen Regierungsvertreter, die an der Runde teilnahmen, blieben namenlos. (Eine Abschrift findet sich in diesem Blog.)

Bei den Nachfragen der Journalisten halten die Informanten sich sehr bedeckt. Deutlich wird, dass einige Informationen nicht gesichert sind, andere bewusst zurückgehalten werden. "Während der Operation haben wir einen Hubschrauber wegen technischen Versagens verloren", sagt einer der "senior administration officials", offenbar ein Vertreter des Pentagon. Auf die Frage eines Journalisten, welcher Art dieses technische Versagen war, gibt es zwei Antworten: "Wir können zu diesem Zeitpunkt nichts weiter dazu sagen." Ein Kollege ergänzt: "Wir haben nicht gesagt, dass es technisches Versagen war."

Auf Basis solcher Gespräche und eigener Recherchen haben drei Journalisten der "New York Times" die Ereignisse um die Nacht vom 1. auf den 2. Mai nachgezeichnet. Ihre Geschichte beginnt lange bevor das World Trade Center zusammenstürzt. Denn schon in den 1990er Jahren sieht die US-Regierung Bin Laden als Drahtzieher hinter Anschlägen, die sich gegen die USA richten. Präsident Bill Clinton nennt Bin Laden den größten Feind Amerikas und befiehlt Luftangriffe gegen mutmaßliche Terror-Zentren im Sudan und in Afghanistan.

Verhöre in Geheimgefängnissen

Nach dem 11. September 2001 nehmen die USA mehrere Al-Kaida-Kämpfer fest. Es ist die Zeit der Verhöre in Geheimgefängnissen in Afghanistan und Osteuropa, die Zeit von Waterboarding und anderer Verhörmethoden, die zwar schon in der Amtszeit von George W. Bush hoch umstritten sind, aber erst von seinem Nachfolger Barack Obama - übrigens unmittelbar nach Amtsantritt - beendet werden. "Ich nehme an, dass das erweiterte Verhör-Programm, das wir eingeführt haben, einige Ergebnisse hervorgebracht hat, die schließlich zur Ergreifung von Bin Laden geführt haben", sagt Bushs früherer Vizepräsident Dick Cheney nach dem Tod des Terrorchefs dem Sender Fox News. Cheney gilt als die treibende Kraft für die Einführung der neuen Methoden 2002.

Einige der Gefangenen erwähnen einen Mann, der als Bote für Bin Laden arbeitet. Seinen Namen erfahren die Ermittler nicht, nur ein Pseudonym. Dass der Kurier von Bedeutung sein könnte, merken die Ermittler, als zwei Top-Terroristen vorgeben, ihn nicht zu kennen: Chalid Scheich Mohammed, der mutmaßliche Chefplaner von 9/11, sowie dessen Nachfolger als Nummer 3 bei Al-Kaida, Abu Faradsch al-Libi. Die Logik der Ermittler: Wenn diese beiden leugnen, den Kurier ihres Anführers zu kennen, muss es sich um einen wichtigen Mann handeln.

Erst in der Rückschau wird deutlich, dass dies der erste Schritt auf dem Weg zum Ziel ist. Zunächst kann von Erfolgen bei der Jagd nach Bin Laden keine Rede sein. 2005 organisiert die CIA ihre Arbeit neu und schickt mehr Agenten nach Pakistan und Afghanistan. Mit der Folge, dass der Geheimdienst den Nachnamen des Kuriers herausfindet. Den Vornamen ermitteln die Kollegen des amerikanischen Militärgeheimdienstes NSA, zuständig für die weltweite Überwachung der elektronischen Kommunikation.

"Vielleicht Bin Laden persönlich"

Dann hilft der Zufall. Im Juli 2010 sehen pakistanische Agenten, die für die CIA arbeiten, den Kurier in einem weißen Suzuki in der Nähe von Peschawar. Sie notieren sein Nummernschild. Über Wochen wird der Mann observiert. Schließlich führt er seine Verfolger zu einem großen Grundstück in der Stadt Abbottabad, gut eine Autostunde nördlich der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Es ist der unwahrscheinlichste Ort für ein Versteck von Osama bin Laden - Abbottabad ist ein Relikt der Kolonialzeit, gegründet Mitte des 19. Jahrhunderts von einem britischen Offizier namens James Abbott. Bis heute ist die Stadt eine Idylle im Grünen.

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Pakistanische Soldaten vor dem Versteck von Osama bin Laden.

(Foto: AP)

Als der Kurier seinen Wagen auf das Grundstück lenkte, so schreibt die "New York Times", fühlten seine Verfolger, "dass sie etwas Großem auf der Spur waren, vielleicht sogar Bin Laden persönlich". Das Haus war alles andere als eine Höhle im pakistanischen Stammesgebiet, sondern ein dreistöckiges Wohnhaus umgeben von einer dreieinhalb bis fünfeinhalb Meter hohen Mauer mit Stacheldraht.

Nach Angaben aus der bereits erwähnten Telefon-Konferenz stießen die Ermittler im August 2010 auf das Areal in Abbottabad. Ein Regierungsvertreter sagte bei dem Briefing, die Ermittler seien "schockiert" gewesen von der Größe des Grundstücks und des Gebäudes. Offiziell lebten dort der Kurier, sein Bruder und ihre beiden Familien. "Geheimdienstanalysten folgerten, dass diese Anlage maßgeschneidert war, um jemanden von Bedeutung zu verstecken", sagte der Beamte weiter. "Wir fanden bald heraus, dass dort mehr Menschen lebten als nur die beiden Brüder und ihre Familien. Eine dritte Familie lebte dort - eine, deren Größe und Zusammensetzung den Familienmitgliedern entsprach, von denen wir annahmen, dass sie bei Osama bin Laden waren." Schließlich kamen die Geheimdienst-Leute zu einem zweifachen Schluss: "Wir waren sehr sicher, dass ein ranghohes Ziel von den Brüdern in dem Areal versteckt wurde, und wir nahmen an, dass diese Person Osama bin Laden war."

"Wow, hier ist er"

Auf dieser Basis begannen im September 2010 Gespräche zwischen CIA-Chef Leon Panetta und Obama sowie anderen Mitgliedern der US-Regierung, darunter Vizepräsident Joe Biden, Außenministerin Hillary Clinton und Verteidigungsminister Robert Gates. "Es war elektrisierend", zitiert die "New York Times" einen Teilnehmer der Runde. "Wir hatten so lange versucht, diesen Kerl zu bekommen. Und auf einmal war es so wie, wow, hier ist er." Die Folge waren lange Debatten über die richtige Strategie. Der klassischen Spionagearbeit waren enge Grenzen gesetzt: Das Anwesen verfügte weder über Telefon noch über Internetverbindung. Selbst der Müll wurde nicht an die Straße gestellt, sondern auf dem Gelände verbrannt.

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Auf der Grundlage von Satellitenbildern entwarf das US-Verteidigungsministerium diese Skizze.

(Foto: dpa)

Drei mögliche Alternativen präsentiert der Chef des für Spezialeinsätze zuständigen Joint Special Operations Command, Vizeadmiral William H. McRaven: einen Hubschraubereinsatz mit US-Kommandotruppen, eine Bombardierung des gesamten Geländes und eine Operation zusammen mit dem pakistanischen Geheimdienst.

Am 14. März findet das erste einer Reihe von Treffen im Weißen Haus statt, bei denen die vorliegenden Möglichkeiten diskutiert werden. Der gemeinsame Einsatz mit pakistanischen Kräften ist vermutlich schnell vom Tisch - das Vertrauen der Obama-Regierung in die Zuverlässigkeit der pakistanischen Verbündeten gilt als nicht übermäßig ausgeprägt. Ein Bombardement würde das Risiko ziviler Opfer erhöhen - als die Anlage 2005 errichtet wurde, lag sie am Rande von Abbottabad. Mittlerweile gibt es in der Umgebung jedoch weitere Wohnhäuser. Auch würden weder die USA noch Bin Ladens Anhänger wirklich wissen, ob der Terroristenführer wirklich tot ist - eine Unsicherheit, die viel Platz für Mythen bieten würde.

"Wir machen es"

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Beim Dinner der Korrespondenten begrüßt Obama den Mehrheitsführer John Boehner - ein Republikaner, mit dem er normalerweise intensiv streitet.

(Foto: dpa)

Das Areal in Abbottabad wird von Satelliten aus fotografiert, die Geheimdienste wollen eine Routine der Bewohner ermitteln. Auf Stützpunkten in den USA werden Teile des Gebäudes nachgebaut. Eine Gruppe von Navy Seals - eine Elitetruppe der US-Marine - beginnt, sich auf den Einsatz vorzubereiten. Die endgültige Entscheidung fällt am 29. April, einem Freitag. "It's a go", sagt Obama, wir machen es. Am Samstagabend findet im Weißen Haus ein Essen mit den dort akkreditierten Journalisten statt. Zentrales Thema ist die von dem skurrilen Milliardär Donald Trump aufgewärmte Frage, ob Obama tatsächlich in den USA zur Welt gekommen ist - nur ein gebürtiger Amerikaner darf Präsident werden. Eigens für Trump, der an dem Dinner teilnimmt, kündigt Obama die Vorführung seines "offiziellen Geburtsvideos" an - und zeigt auf einer Leinwand den Beginn des Trickfilms "König der Löwen".

Zwischendurch verschwindet Obama, um McRaven anzurufen und ihm viel Glück zu wünschen. Während der Diskussionen um einen Hubschraubereinsatz in Pakistan war im Weißen Haus häufig das Stichwort "Black Hawk Down" gefallen - der Abschuss eines US-Helikopters in Somalia 1993. Auch an die gescheiterte Geiselbefreiung 1980 in Teheran war erinnert worden, die zur Wahlniederlage von US-Präsident Jimmy Carter geführt hatte.

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Navy Seals beim Kampftraining in einem simulierten Haus im Training Center Moyock in North Carolina (Foto vom 6. November 2010).

(Foto: dapd)

Die Operation beginnt am Sonntagabend. Vier US-Hubschrauber mit insgesamt 79 Soldaten an Bord fliegen von einem Stützpunkt in Dschalalabad im Osten Afghanistans über die pakistanische Grenze ins rund 250 Kilometer entfernte Abbottabad. Kurz nach Mitternacht hören die Bewohner der Stadt einen lauten Knall. Der Blogger und IT-Berater Sohaib Athar schreibt als vermutlich Erster über die Operation: "Hubschrauber schwebt über Abbottabad um 1 Uhr morgens (kommt selten vor)."

"Und er wurde getötet"

Die Soldaten stürmen das Gebäude, es kommt zu Schusswechseln. Am Ende sind vier Männer und eine Frau tot, darunter Osama bin Laden. Zunächst heißt es, ein Mann habe die Frau als Schutzschild benutzt. Präsidentenberater Brennan revidiert diese Darstellung später. Die Frau sei offenbar eine der vier Ehefrauen Bin Ladens. Ihr Mann sei bei dem Einsatz in einem anderen Teil des Gebäudes mit einer anderen Frau zusammen gewesen. Diese sei verletzt worden.

Brennan sagt, die US-Regierung habe nicht von vornherein die Absicht gehabt, Bin Laden zu töten. "Wenn wir die Gelegenheit gehabt hätten, ihn lebend zu fassen, hätten wir das getan." Im Vordergrund habe die Sicherheit der Einsatzkräfte gestanden. Nach Darstellung der bereits zitierten Regierungsvertreter widersetzte sich Bin Laden den Angreifern. "Und er wurde in einem Feuergefecht getötet." Brennen sagt, er wisse nicht, ob Bin Laden selbst Schüsse abgab. Laut "New York Times" traf ihn eine Kugel über dem linken Auge. Die übrigen Toten sind der Kurier und sein Bruder sowie ein Sohn Bin Ladens, Hamsa.

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Mitglieder der US-Regierung verfolgen im Situation Room die Operation im Abbottabad. Links Vizepräsident Biden neben Präsident Obama, rechts Verteidigungsminister Gates neben Außenministerin Clinton.

(Foto: dpa)

Die Navy Seals machen ein Foto des toten Bin Laden. Ein Programm zur Gesichtserkennung bestätigt seine Identität mit 95-prozentiger Sicherheit. Auch eine Ehefrau Bin Ladens identifiziert den Leichnam. Später vergleichen US-Ermittler DNA des Toten mit der von Angehörigen. Dadurch wird seine Identität mit 99,9-prozentiger Sicherheit bestätigt.

Obama und seine engsten Mitarbeiter, darunter wiederum Biden und Clinton, verfolgen den gesamten Einsatz live vom "Situation Room" aus, dem Lagezentrum im Westflügel des Weißen Haus. Per Videokonferenz ist auch CIA-Chef Panetta zugeschaltet. "Sie sind in Pakistan", berichtet Panetta aus der Geheimdienstzentrale im nahen Langley. Dann: "Sie haben das Ziel erreicht." Dann: "Wir haben ein Bild von Geronimo" - der Name des legendären Indianerhäuptlings ist die Code-Bezeichnung für Bin Laden. Und dann: "Geronimo EKIA", die Abkürzung für "enemy killed in action", Feind im Gefecht getötet.

Brennan erzählt später, dass im Lagezentrum eine Zeit lang absolutes Schweigen herrschte. Dann sagt Obama: "Wir haben ihn."

"Alles still nach dem Knall"

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Das Wrack des Hubschraubers auf einem Foto vom 2. Mai. Der Helikopter wurde später von pakistanischen Soldaten abtransportiert.

(Foto: dpa)

Rund 40 Minuten nach Beginn der Operation ist alles vorbei. Lediglich einer der Hubschrauber kann nicht wieder starten. Um ihn nicht in feindliche Hände fallen zu lassen, sprengen die Soldaten ihn. Blogger Athar glaubt, der Knall komme aus der nahe gelegenen Garnison. Er verschickt einen weiteren Tweet: "Ein großer, Fenster erschütternder Knall hier am Standort in Abbottabad. Ich hoffe, es ist nicht der Anfang von etwas Fiesem." Danach ist Ruhe: "Alles still nach dem Knall (...). Der Hubschrauber ist auch weg." Um 1.10 Ortszeit hebt die Gruppe ab. Im Gepäck haben sie einen Computer und mehrere Festplatten.

Osamas Leichnam wird auf den Flugzeugträger "Carl Vinson" gebracht, der im Arabischen Meer liegt. Der Körper wird gewaschen, in weißes Tuch gehüllt und auf offener See beigesetzt. Nach Darstellung des Pentagon werden dabei die islamischen Gebote eingehalten - dies bezieht sich vor allem darauf, dass Tote im Islam rasch beerdigt werden müssen. Seebestattungen sieht der Islam grundsätzlich nicht vor.

Nach Informationen der Online-Zeitung "Politico" sind die Festplatten mittlerweile an einem geheimen Ort in Afghanistan. "Hunderte Leute arbeiten sich jetzt da durch", sagt ein Regierungsvertreter.

Nachtrag, 4. Mai: Die US-Regierung hat mittlerweile einige Details revidiert. Diese Meldung finden Sie hier.

2. Nachtrag, 4. Mai: Auch CIA-Chef Panetta hat die Geschichte in etwas veränderter Form erzählt.

Quelle: ntv.de