Politik

Fahne der Aufständischen weht über Bab al-Asisja Rebellen erobern Gaddafis Residenz

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Rauch steigt in der Nähe der Residenz von Gaddafi auf.

(Foto: REUTERS)

Die Aufständischen in Tripolis stehen offenbar kurz vor dem entscheidenden Sieg: Fernsehbilder zeigen, wie Kämpfer immer weiter in die schwer befestigte Residenz von Machthaber Gaddafi vordringen. Ob die Truppen den Diktator vorfinden, ist unklar. Allerdings bestätigt dessen Sohn Saif al-Islam, dass sich sein Vater in Tripolis befindet. Berlin verspricht den Rebellen 100 Millionen Euro Soforthilfe.

In der Residenz von Muammar al-Gaddafi in Tripolis haben die Rebellen nach eigenen Angaben bereits ihre Fahne gehisst. Die Anlage Bab al-Asisija sei fast vollständig unter Kontrolle. Der Fernsehsender Al-Dschasira zeigt Bilder von jubelnden Truppen, die eine Statue vor einem mit Einschusslöchern übersäten Haus stürzen.

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Der Ausschnitt von Al-Dschasira zeigt, wie Kämpfer eine Statue stürzen.

(Foto: AP)

Um die Residenz gab es seit dem Vormittag schwere Gefechte. Unklar war, ob sich Gaddafi in der Anlage aufhielt, über der in Fernsehbildern schwarze Rauchwolken zu sehen waren.

Nach Darstellung internationaler Nachrichtensender tobten am Nachmittag schwere Kämpfe um den internationalen Flughafen von Tripolis. Der Airport werde inzwischen von den Aufständischen kontrolliert, berichtete der Sender CNN. Ferner wurden heftige Schießereien und schwere Explosionen in unmittelbarer Nähe des Hotels Rixos gemeldet, in dem ausländische Journalisten untergebracht sind.

Die Aufständischen haben nach eigener Darstellung in blutigen Kämpfen auch die strategische wichtige Küstenstadt Bin Dschawad eingenommen. Rebellenkämpfer seien nun bis auf 30 Kilometer auf Sirte, die Heimatstadt Gaddafis, vorgerückt, berichteten die Aufständischen. Bei den Kämpfen um Bin Dschawad habe es 700 Tote gegeben. Von unabhängiger Seite konnten diese Opferzahlen nicht bestätigt werden.

Gaddafi nicht geflüchtet

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Rebellen feuern von einem Pick-Up aus.

(Foto: REUTERS)

Gaddafi befindet sich nach Angaben seines Sohnes Seif al-Islam zumindest in der Hauptstadt. "Gaddafi und die ganze Familie sind in Tripolis", behauptete er im Rixos-Hotel, in dem zahlreiche ausländische Journalisten untergebracht sind. Genauere Angaben zum Aufenthaltsort machte er nicht. Über den Verbleib Gaddafis wird seit Tagen spekuliert. Sogar eine Flucht war schon vermeldet worden, doch das US-Verteidigungsministerium sieht dafür keine Beweise.

Die NATO bestritt, ihre Flugzeuge hätten das Gaddafi-Anwesen angegriffen. "Wir haben das Gelände nicht bombardiert", sagte ein Militärsprecher in Neapel. Das Bündnis habe aber von Freitag bis Sonntag Flugblätter über Tripolis abgeworfen. Darin seien die Gaddafi-treuen Soldaten aufgefordert worden, die Kämpfe einzustellen. Es habe auch entsprechende Aufrufe gegeben, die auf Radiofrequenzen ausgestrahlt worden seien.

Rebellen melden 2000 Todesopfer

Bei den Gefechten in der Hauptstadt sind nach unbestätigten Informationen der libyschen Rebellenführung bisher bis zu 2000 Menschen getötet worden. Genaue Angaben zu den Opfern beider Seiten gebe es aber noch nicht, räumte ein Sprecher des Übergangsrates in Bengasi ein. Der Sprecher sagte weiter, Kämpfer der Aufständischen hätten viele wichtige Einrichtungen in Tripolis eingenommen, darunter auch den internationalen Flughafen der Hauptstadt sowie fast alle Krankenhäuser.

Der Übergangsrat gehe inzwischen davon aus, dass sich Gaddafis Sohn Saif al-Islam nie in den Händen von Rebellen befand, wie noch am Vortag erklärt wurde. Es sei ein Fehler gewesen, die Meldung verbreitet zu haben, ohne von den eigenen Kämpfern einen sicheren Beweis zu verlangen.

Zweifel an Aussagen der Rebellen

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Saif al-Islam lässt sich in Tripolis feiern.

(Foto: AP)

Das Auftauchen von Saif al-Islam war ein schwerer Rückschlag für die Glaubwürdigkeit der Rebellen: Völlig fuhr er in der Nacht zum Dienstag vor dem Hotel "Rixos" vor, in dem mehrere Auslandskorrespondenten Quartier bezogen haben. Umjubelt von Anhängern verbreitete er lächelnd Durchhalteparolen, schüttelte Hände und machte mit seinen Fingern das Victory-Zeichen.

Auch Gaddafis ältestem Sohn, Mohammed, soll die Flucht aus der Hand der Rebellen gelungen sein. Er hatte sich den Angaben zufolge beim Einmarsch der Aufständischen am Sonntagabend ergeben und war unter Hausarrest gestellt worden. Später sei er mit Hilfe einer Eliteeinheit der Regierungstruppen entkommen, hieß es von Seiten der Rebellen. Der Gaddafi-Sohn hatte am Vortag in einem Telefoninterview des Fernsehsenders Al-Dschasira gesagt, eine Gruppe von Rebellen habe sein Haus umstellt. Während des Gesprächs war Gewehrfeuer zu hören, danach brach der Telefonkontakt ab.

Unklar ist der Aufenthaltsort von Al-Saadi al-Gaddafi, einem weiteren Bruder. Auch diesen haben die Rebellen nach eigenen Angaben gefangen genommen. Über seinen Verbleib gibt es bisher keine Informationen.

Libyen-Kontaktgruppe plant bereits

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Westerwelle versprach 100 Millionen Euro Soforthilfe.

(Foto: dapd)

Trotz der unklaren Lage laufen die Vorbereitungen für den Wiederaufbau bereits auf Hochtouren. Der Übergangsrat der bisherigen libyschen Rebellen soll innerhalb der nächsten Tage aus Deutschland das erste Geld aus einem Regierungsdarlehen über insgesamt 100 Millionen Euro erhalten. Dies kündigte Außenminister Guido Westerwelle an. Zur Begründung sagte der FDP-Politiker: "Das Land darf jetzt nicht in der Zeit nach Gaddafi in Chaos versinken, sondern muss zurückfinden zu geordneten Verhältnissen."

Im Grundsatz hatte die Bundesregierung das Darlehen bereits im vergangenen Monat zugesagt. Das entsprechende Abkommen wurde in Bengasi unterzeichnet. Mit dem Geld soll die Arbeit der Übergangsregierung unterstützt werden, bis das im Ausland beschlagnahmte Milliardenvermögen des Gaddafi-Regimes freigegeben ist. Allein in Deutschland wurden mehr als 7,2 Milliarden Euro eingefroren.

Westerwelle sprach sich zugleich für eine neue Libyen-Resolution des UN-Sicherheitsrats aus, damit die Milliarden dem libyschen Volk zugutekommen können. Die Entschließung solle "so schnell wie möglich" verabschiedet werden. Die Vereinten Nationen müssten beim nun fälligen Wiederaufbau des nordafrikanischen Landes die "Schlüsselrolle" spielen.

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Davotoglu sprach von einem "historischen Tag" für Libyen.

(Foto: REUTERS)

Für kommenden Donnerstag kündigte die Libyen-Kontaktgruppe ein Treffen in Istanbul an, um über die schwierige Lage in dem nordafrikanischen Land zu beraten. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu will zuvor zu Gesprächen mit dem Nationalen Übergangsrat der Rebellen nach Bengasi fliegen. Er hatte am Montag von einem "historischen Tag für Libyen" gesprochen. "Das neue Libyen sollte ein demokratischer, freier und geeinter Staat sein, wie es die Bürger fordern", sagte er.

US-Politiker wollen Lockerbie-Attentäter

Der Nationalen Übergangsrat sieht sich derweil mit Forderungen aus den USA konfrontiert, die ihm den Status erster internationale Beziehungen einbringen könnten: US-Politiker fordern die Auslieferung des wegen des Lockerbie-Anschlags verurteilten Libyers Abdelbaset el Megrahi. Der Drahtzieher des Anschlags auf die Pan-Am-Passagiermaschine über dem schottischen Lockerbie 1988 müsse festgenommen und ausgeliefert werden, damit es "endlich Gerechtigkeit" geben könne, erklärte der republikanische Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney. Eine Auslieferung wäre auch ein Signal an die Welt, dass das neue Libyen an Gerechtigkeit glaube und die Absicht habe, sich an internationales Recht zu halten, sagte der Senator des US-Bundesstaats New Jersey, Robert Menendez, dem Magazin "Foreign Policy".

Weitere Senatoren schlossen sich den Forderungen an. Die Freilassung Megrahis aus schottischer Haft 2009 sei ein "völliges Fehlurteil" gewesen, hieß es. Zwischenzeitlich sei Megrahi bei bester Gesundheit auf Pro-Gaddafi-Demonstrationen gesichtet worden. Dies sei ein "Schlag ins Gesicht" für die Familien der Lockerbie-Opfer. Megrahi war im August 2009 aus humanitären Gründen von der schottischen Regionalregierung begnadigt worden, weil er aufgrund einer Krebserkrankung im Endstadium angeblich nur noch drei Monate zu leben hatte. Eine Auslieferung an die USA hatte Gaddafi stets verweigert.

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Quelle: ntv.de, cba/ppo/dpa/AFP/rts