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Mit dem Grundgesetz in der Hand geriert sich Adrian U. vor den Richtern in der Rolle des Opfers.
Mit dem Grundgesetz in der Hand geriert sich Adrian U. vor den Richtern in der Rolle des Opfers.(Foto: dpa)
Montag, 09. Oktober 2017

Bizarrer Auftritt von Adrian U.: Reichsbürger stellt sich als Opfer dar

Der einstige Mister Germany Adrian U. zahlt seine Rechnungen nicht, irgendwann rücken Gerichtsvollzieher an. Da U. jedoch den deutschen Staat nicht anerkennt, glaubt er, auf die Beamten schießen zu dürfen.

Adrian U. ist sich keiner Schuld bewusst. "Auf mich wurde geschossen, es war eine gemeinschaftliche Verschwörung zum Mord", sagt der adrett gekleidete ehemalige Mister Germany und reckt wie zum Beweis seinen rechten Arm nach vorn, aus dem ein Metallgestell ragt. Der mutmaßliche Reichsbürger soll im August vergangenen Jahres einen Polizisten durch Schüsse verletzt haben. Zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Halle stellt er sich jedoch als Opfer dar.

Maximale Sicherheit: Adrian U. wurde in Fußfesseln vor gericht gebracht.
Maximale Sicherheit: Adrian U. wurde in Fußfesseln vor gericht gebracht.(Foto: dpa)

Der mit dunkelgrauem Anzug, Schlips und schwarzem Hemd bekleidete Angeklagte gibt sich vor Gericht selbstsicher. Während der gut dreistündigen Verhandlung am ersten Prozesstag, die der 42-Jährige komplett stehend in Fußfesseln verbringt, zitiert U. immer wieder demonstrativ aus dem Grundgesetz und der Verfassung.

Als "deutscher Staatsbürger" habe er das Recht zum "Widerstand, wenn mich jemand zu Hause überfällt", sagt er. Seine reichlich krude Lesart der Ereignisse, die sich im August vergangenen Jahres auf U.s Grundstück in Reuden abspielten, gipfeln schließlich in Mordvorwürfen gegen die Polizei.

"Direkt auf den Kopf geschossen"

Der von Oberstaatsanwalt Uwe Damaschke verlesenen Anklage zufolge wehrte sich U. allerdings "mit Gewalt" gegen eine gerichtlich angeordnete Zwangsräumung. Er sollte sein Haus räumen, weil er Verbindlichkeiten für das Grundstück nicht bedient hatte.

Als der Gerichtsvollzieher am 25. August 2016 schließlich mit Unterstützung von rund 200 Polizisten anrückte, nachdem am Vortag ein erster Versuch gescheitert war, wurden die Beamten aus einer Menschengruppe heraus angegriffen, mit Pflastersteinen beworfen und von U. mit einem Revolver bedroht. Bei einem darauf folgenden Schusswechsel wurde ein Beamter des Spezialeinsatzkommandos verletzt.

Der Angeklagte habe "direkt auf den Kopf des Polizeibeamten geschossen und nahm dessen Tod zumindest billigend in Kauf", sagt Damaschke. Er wertet dies als Versuch, einen Menschen "aus niederen Beweggründen zu töten". Nur dank der Schutzausrüstung sei es nicht zu einer tödlichen Verletzung gekommen. U. selbst wurde anschließend durch Schüsse schwer verletzt.

"Habe zu keinem Zeitpunkt geschossen"

U. weist alle Vorwürfe zurück. Er spricht von einer "widerrechtlichen Anklage" und antwortet noch vor Prozessbeginn auf die Frage einer Journalistin im Gerichtssaal: "Ich habe eine Waffe in der Hand gehalten, ich habe aber zu keinem Zeitpunkt geschossen."

Den Gerichtssaal nutzt der einstige Schönheitskönig und selbsternannte Gründer des Ministaats "Ur" gleichsam als Bühne, um seine Abscheu gegen staatliche Institutionen deutlich zu machen. Gericht und Staatsanwaltschaft wirft er in einer von ihm selbst verlesenen handschriftlichen Erklärung "vorsätzliches und rechtswidriges Handeln" vor, die Richter bezeichnet er als "Spinner" und Justizvollzugsanstalten als "Konzentrationslager". Der Vorsitzende Richter Jan Stengel bewahrt Ruhe, unterbricht U. aber wiederholt in dessen verschwörungstheoretischem Redefluss.

Der Angriff von Reuden war der Beginn einer Serie von Gewaltattacken sogenannter Reichsbürger in Deutschland. Die in etliche Kleinstgruppen zersplitterten Reichsbürger erkennen die Bundesrepublik nicht an, entsprechend verweigern viele Zahlungen wie Steuern oder Bußgelder an den Staat. Der Verfassungsschutz warnt inzwischen vor einer zunehmenden Gefährlichkeit der Bewegung, auch weil viele Reichsbürger Waffen besitzen.

Ein Urteil gegen U. wird frühestens im November erwartet. Für den nächsten Verhandlungstag ist zunächst seine Frau, ebenfalls eine ehemalige Schönheitskönigin, als Zeugin geladen.

Quelle: n-tv.de

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