Politik
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Mittwoch, 07. Januar 2015

Das war "Charlie Hebdo": Religionskritisch, unerschrocken, streitbar

Von Christian Rothenberg

Den Islam und seinen Gründer Mohammed nahmen sich die Zeichner von "Charlie Hebdo" seit jeher besonders gern vor. Die Karikaturen und Comics verkauften sich schlichtweg zu gut. Die Reaktionen fielen jedoch schon immer heftig aus.

Für Michel Houellebecq hätte es PR für sein neues Buch sein können, für das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" nur ein weiterer Coup. In der neuesten Ausgabe hob die Zeitschrift, die mit der deutschen "Titanic" vergleichbar ist, den Schriftsteller auf seine Titelseite. Dessen neuer Roman "Unterwerfung" handelt von der Islamisierung Frankreichs unter einem islamischen Präsidenten. Die Blattmacher von "Charlie Hebdo" malten also ihr Gemälde eines sichtlich angeschlagenen Houellebecq auf den Titel, dazu die Sätze: "Die Vorhersagen des Magikers Houellebecq. 2015 verliere ich meine Zähne, 2022 feiere ich Ramadan."

Doch das Lachen dürfte nicht nur den Anhängern der linken Zeitschrift vergangen sein. Am 7. Januar verübten zwei Männer einen Anschlag auf die Pariser Redaktionsräume. Dabei starben mindestens 12 Menschen. Die Autoren und Zeichner von "Charlie Hebdo" standen seit jeher im Ruf, die Grenzen der politischen Korrektheit gern zu überschreiten. Zu den Opfern zählten Politiker, aber auch Rechtsextreme und religiöse Gruppen. Für besonderes Aufsehen sorgte die 1970 gegründete Zeitschrift, die 1981 zunächst eingestellt und 1992 wiederbelebt wurde, aber vor allem mit ihrer islamkritischen Haltung.

Chefredakteur "Mohammed"

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Zum Beispiel im Februar 2006: Damals hatte das Blatt die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" nachgedruckt. Eines der Comics zeigte Mohammed unter anderem mit einer Bombe als Turban. Auf dem Titel der "Charlie Hebdo"-Sonderausgabe, die 400.000 Mal verkauft wurde, prangte ein Abbild Allahs mit dem Ausspruch "C’est dur d'être aimé par des cons." Übersetzt heißt dies so viel wie: "Es ist hart, von Idioten geliebt zu werden." Einige Wochen später veröffentlichte das Magazin ein Manifest. Verschiedene Intellektuelle um Salman Rushdie und Bernhard-Henri Levi riefen darin zum gemeinsamen Kampf auf: "gegen den neuen Totalitarismus, den Islamismus".

Muslimische Organisationen mobilisierten damals mehr als 7000 Menschen für eine Kundgebung unter dem Motto "Respekt der Religionen, Meinungsfreiheit - kein Widerspruch". Dabei blieb es nicht. Der nationale Rat der französischen Muslime klagte gegen "Charlie Hebdo". Das Blatt wurde jedoch freigesprochen. Das Gericht sah lediglich einen Angriff auf Terroristen, nicht aber auf alle Muslime. Doch die Drohungen hielten an. Nach Angaben des Anwalts Richard Malka hat das französische Innenministerium die Redakteure deshalb sogar unter Polizeischutz gestellt.

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Im November 2011 gab es erneut Ärger. Die Zeitung publizierte damals das Sonderheft "Scharia Hebdo" zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien. "100 Peitschenhiebe, wenn Sie nicht vor Lachen tot umfallen", stand auf der Titelseite. Als Chefredakteur war scherzhaft "Mohammed" benannt worden. Noch am selben Tag verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktion. Ein Mitglied der Verlagsleitung betonte später, dass niemand das Scharia-Sonderheft vor dem Brandanschlag gelesen haben konnte, da es erst Stunden später an die Kioske kam.

"Extremisten warten nicht auf Charlie"

Diese Titelseite der "Charlie Hebdo" sorgte 2012 für Ärger. In der Karikatur schiebt ein orthodoxer Jude einen Muslim im Rollstuhl vor sich her. In Anspielung auf den gleichnamigen Kinofilm steht darüber: "Ziemlich beste Freunde 2".
Diese Titelseite der "Charlie Hebdo" sorgte 2012 für Ärger. In der Karikatur schiebt ein orthodoxer Jude einen Muslim im Rollstuhl vor sich her. In Anspielung auf den gleichnamigen Kinofilm steht darüber: "Ziemlich beste Freunde 2".(Foto: imago stock&people)

Im September 2012 geriet "Charlie Hebdo" wieder in die Schlagzeilen, als es Karikaturen des islamischen Propheten abdruckte.  Die Titelseite zeigte eine Zeichnung, auf der ein orthodoxer Jude einen bärtigen Muslim im Rollstuhl vor sich herschiebt - in Anspielung auf den gleichnamigen Kinofilm "Ziemlich beste Freunde". Die Auflage wurde zum Verkaufsschlager, stieß jedoch auf erheblichen Widerstand. Für Aufsehen sorgte etwa eine Zeichnung, die den Propheten nackt in Gebetshaltung mit hoch aufgerecktem Hintern zeigte, darüber ein großer gelber Stern. Wieder gab es heftige Reaktionen. Hacker legten die Internetseite des Satire-Blatts kurzzeitig lahm, weltweit protestierten strenggläubige Muslime. Die Polizei sicherte damals auch die Redaktionsräume. Die französische Regierung sah sich schließlich sogar dazu gezwungen, Einrichtungen in einigen Ländern aus Sicherheitsgründen zeitweise zu schließen.

Auch Anfang 2013 veröffentlichte "Charlie Hebdo" wieder ein Islam-Sonderheft, indem es mit Comics die ersten 40 Lebensjahre Mohammeds nacherzählte. Ein Tabubruch? Nein, sagte Herausgeber Stéphane Charbonnier damals. Seine Zeichnungen provozieren nicht automatisch. Sie würden nur diejenigen schockieren, die auch schockiert sein wollten. In einem Editorial schrieb er dazu: "Malst Du einen glorreichen Mohammed, stirbst Du, zeichnest Du ihn lustig, stirbst Du." Er selbst glaubt nicht an die "Öl ins Feuer"-Theorie. "Religiöse Extremisten warten nicht auf 'Charlie', um gewalttätig zu sein", sagte er, "und sie brauchen 'Charlie' dafür auch nicht als Vorwand."

Für Charbonnier, Spitzname Charb, ist das nun kein Trost mehr. Er ist einer der vier Zeichner, die bei dem Anschlag ermordet wurden.

Quelle: n-tv.de