Politik

"Wir verlieren einen freien Geist" SPD-Politiker Scheer ist tot

Hermann Scheer, ehemaliges Mitglied des SPD-Bundesvorstands, stirbt im Alter von 66 Jahren. Vor kurzem war der Umweltpolitiker noch auf einer Demonstration der Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 aufgetreten. Sozialdemokraten und Grüne sind bestürzt. Wegen seiner Positionen war Scheer auch in der eigenen Partei teilweise umstritten.

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(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete und Träger des Alternativen Nobelpreises, Hermann Scheer, ist tot. Scheer starb im Alter von 66 Jahren. Nähere Einzelheiten waren zunächst nicht bekannt. Scheer war seit 1980 Mitglied des Bundestages für die SPD Baden-Württemberg und von 1993 bis 2009 Mitglied des SPD-Bundesvorstandes. Wegen seines Engagements für Solarenergie erhielt er im Jahr 1999 den Alternativen Nobelpreis.

Im derzeitigen Konflikt um Stuttgart 21 war der SPD-Abgeordnete vor kurzem noch bei einer Demonstration gegen das Milliarden-Bahnprojekt aufgetreten und hatte sich für einen Volksentscheid ausgesprochen. Bei der Landtagswahl in Hessen 2008 war er designierter Wirtschafts- und Umweltminister im Schattenkabinett von SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti.

Bestürzung in Hessen

SPD-Chef Sigmar Gabriel zeigte sich "tief erschüttert" über den Tod Scheers. Er würdigte ihn als "einen engagierten Kämpfer für die dringend notwendige Energiewende." Er sei ein Politiker gewesen, "der politische Wirkung auch ohne formale Ämter in Regierung oder Parteien entfaltete - durch seine klaren Argumente, durch seine visionäre Kraft und seine charismatische Erscheinung", erklärte der SPD-Chef. Scheer sei ein politischer Visionär gewesen, "der kein Träumer war."

Auch die Sozialdemokraten in Hessen reagierten auf die Nachricht bestürzt. "Wir haben ihm sehr viel zu verdanken", sagte Generalsekretär Michael Roth. Scheer habe sich wie nur wenige andere im Wahlkampf gegen die CDU-geführte Regierung in Hessen eingesetzt und dort maßgeblich zum SPD-Wahlergebnis beigetragen. Das Konzept der Energiewende, mit dem die SPD angetreten sei und viel Profil gewonnen habe, sei vor allem auf Scheer zurückgegangen.

"Vordenker des solaren Zeitalters"

Auch nach dem Scheitern der Regierungsübernahme habe Scheer den Kontakt nach Hessen gehalten, hieß es. "Er hat sich auch mit den Grundlagen und Werten der Politik befasst und darüber auch Bücher geschrieben", sagte Roth. "Er war im besten Sinne ein politischer Mensch."

Auch die Grünen zeigten sich vom Tod Scheers betroffen. "Mit ihm verlieren wir einen leidenschaftlichen Politiker, einen freien Geist, der mit großem Intellekt und aufrechtem Gang für seine Ideale gekämpft hat und nie den 'einfachen Weg' gegangen ist", teilten die Parteivorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir mit. "Er war Vordenker und Architekt des solaren Zeitalters und so auf ganz besondere Weise als Sozialdemokrat mit uns Grünen verbunden."

Konflikt mit Schröder

Scheer galt als herausragender Umweltpolitiker seiner Partei. Er trat zudem als Herausgeber auf und schrieb auch selbst zahlreiche Bücher, etwa "Anwalt der Sonne" oder "Der energetische Imperativ". Als Alternativen zu Kernkraftwerken noch allgemein belächelt wurden, setzte er sich vor allem für Sonnenenergie ein. In den 80er Jahren machte der SPD-Linke sich für eine aktive Friedenspolitik und Abrüstung stark.

Im SPD-Vorstand brachte Scheer Ende der 90er Jahre mit Äußerungen, das NATO-Vorgehen im Kosovo sei ein "Kriegsverbrechen", den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) gegen sich auf. Dieser meinte seinerzeit sogar, Scheer gehöre aus der Partei geworfen.

Quelle: ntv.de, rpe/dpa/AFP