Politik

Türkische Presse macht weiter Satiriker lassen sich Lachen nicht verbieten

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Satire lässt man sich in der Türkei nicht verbieten.

(Foto: picture alliance / dpa)

In der Türkei gibt es noch immer Journalisten, die Witze über Präsident Erdogan oder den Islam machen. Sie finden auch das Schmähgedicht von Böhmermann lustig. Angst vor staatlicher Verfolgung haben sie trotzdem.

Das Gute zuerst: Es gibt noch Satire in der Türkei. Noch hat Präsident Recep Tayyip Erdogan nicht alle kritischen Journalisten mundtot gemacht, und es darf auch noch gelacht werden - immer seltener. Aber einige wenige wagen es - sogar über den Präsidenten. "LeMan", "Penguen" und "Uykusuz" - das sind die bekanntesten türkischen Satirezeitungen. Und dann ist da noch "Zaytung" - nur online, aber das meistgelesene Satire-Portal mit einer halben Million Follower bei Facebook und drei Millionen bei Twitter.

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Hakan Bilginer von "Zaytung"

(Foto: Nadja Kriewald)

Der 37-jährige Hakan Bilginer hat "Zaytung" im Jahr 2010 gegründet. Er lacht, wenn man ihn auf Böhmermanns Schmähgedicht anspricht: "Natürlich hätte man das auch in der Türkei machen können. Im besten Fall würde man dafür im Gefängnis landen. Für ein paar Jahre", fügt er hinzu. Auf seinem Laptop zeigt er die Homepage von "Zaytung". Fünf festangestellte Redakteure, dazu noch einige freie Autoren arbeiten an der satirischen Nachrichtenseite. Feste Redaktionsräume gibt es nicht, die Journalisten arbeiten zuhause oder in Cafés. Polizeirazzien, die es bei anderen kritischen Zeitungen in der Türkei öfter mal gibt, sind damit schwierig. Themenabsprachen finden via Skype statt. Bei Bilginer und seinen Kollegen läuft eben alles anders.

Kann Bilginer verstehen, dass sich Türken beleidigt fühlen wegen des Böhmermann-Gedichts, obwohl es ja an Erdogan gerichtet war? "Nein, selbst wenn es an mich persönlich gerichtet gewesen wäre, dann hätte ich es ignoriert", er lacht wieder. Und wird dann ernst: "Es gibt viele fanatische Fans von Erdogan, die sich aber deshalb beleidigt fühlen."

"Wir töten deine Kinder"

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Bahadir Baruter arbeitet für "Penguen".

(Foto: Nadja Kriewald)

Wie stark die fanatische Erdogan-Fangemeinde ist, das musste auch der Karikaturist Bahadir Baruter feststellen. Er arbeitet für das Satiremagazin "Penguen" und wird immer wieder bedroht. "Wir töten deine Kinder", war wohl einer der schlimmsten Sätze, der ihn über die sozialen Netzwerke erreicht hat. Baruter lacht bitter: "Ich habe gar keine Kinder". Doch seine Bekanntheit macht ihm zu schaffen. Es hat längst eine regelrechte Hetzjagd begonnen. Und das Titelbild von "Penguen" zur Amtseinführung Erdogans als Präsident vom August 2014 hätte ihn fast ins Gefängnis gebracht. Da fragt die Erdogan-Karikatur, ob denn zur feierlichen Amtseinführung auch Journalisten geschlachtet würden?

Aber nicht um diesen Satz ging es in der Klage, sondern um die Geste einer anderen Person auf dem Bild, erklärt Baruter: "Hier in der Türkei gibt es ein Zeichen für schwul." Er formt Daumen und Zeigefinger zu einem O. "Aber der Typ da schließt nur seinen Knopf, und sie sagen, dass ich damit zeigen will, dass Erdogan schwul wäre. Aber das ist Quatsch." Zu elf Monaten und einer Geldstrafe wurden er und sein Kollege Özer Aydogan verurteilt wegen Präsidentenbeleidigung. In höherer Instanz wurde ihnen die Gefängnisstrafe zwar erlassen, doch der Druck ist groß

Tabuthemen: Präsident und Religion

Besonders aufpassen muss man, wenn es um Erdogan geht, und beim Thema Islam. Das haben auch die beiden Journalisten der Tageszeitung "Cumhuriyet", Ceyda Karan und Hikmet Cetinkaya, spüren müssen. Sie hatten nach den Anschlägen auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" aus Solidarität eine Zeichnung übernommen, die den Propheten Mohammed unter der Überschrift "Alles ist vergeben" zeigt. Wegen Gotteslästerung wurden sie zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Karan und Cetinkaya wollen bis zum Europäischen Gerichtshof gehen: "Wir werden das Land nicht in islamische Gewänder gekleideten Faschisten überlassen", schrieb Karan auf Twitter.

"So komisch das klingt, aber wir sind noch nie verklagt worden, also jedenfalls nicht von der Regierung oder Erdogan", sagt Bilginer. "Zaytung" ist zwar sehr populär, aber die einzelnen Autoren sind unbekannt. Unter den Artikeln stehen keine Namen, vielleicht liege es daran, meint Bilginer. Aber sie seien auch sehr vorsichtig in der Wortwahl, Beleidigungen seien tabu. Und wenn es besonders heikel wird, lassen sie die Artikel vorher von Anwälten prüfen. "Es gibt eben viele Kollegen, die verklagt, eingesperrt wurden oder sogar das Land verlassen mussten", sagt Bilginer. "Im günstigsten Fall verlierst du nur Deinen Job, Tausenden Kollegen geht es so." Dann lacht er wieder: "Vielleicht komme ich dann nach Deutschland!"

Quelle: n-tv.de

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