Politik

Die Pläne der "Gruppe S." Sie wollten den Massenmord

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Mutmaßliche Terrorzelle: Acht Verdächtige befinden sich derzeit in Untersuchungshaft.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die mutmaßliche Terrorzelle um Werner S. will mit ihren Anschlägen für ein Fanal sorgen. Angeblich zehn Anschläge zur gleichen Zeit sind geplant. Bevor die Pläne Realität werden, greift die Polizei ein. Sie hört seit Monaten mit.

In kleinen Kommandos wollten sie vermutlich mehrere Moscheen stürmen und Betende töten. Nicht in Berlin, Hamburg oder Köln, sondern in kleineren Städten oder Gemeinden sollte es geschehen - das soll der Anführer Werner S. vor wenigen Tagen bei einem Treffen der Gruppe in Minden bestimmt haben. Dort, wo schnelle und mobile Einsatzkommandos eine Zeit brauchen, ehe sie vor Ort und zur Gegenwehr bereit sind. Noch aber hatten sie keine konkreten Ziele ausgesucht. Als Vorbild diente der "Gruppe S." wahrscheinlich der Anschlag im neuseeländischen Christchurch. Im März 2019 hatte dort der Rechtsterrorist Brenton Tarrant 51 Menschen erschossen und weitere 50 zum Teil schwer verletzt bevor er verhaftet werden konnte.

Vermutlich auf ähnliche Weise wollte die Terrorzelle auch hier in Deutschland vorgehen. Dazu hatten sie sich selbstgebaute Handgranaten besorgt, eine Armbrust, eine Neun-Millimeter-Pistole, Dolche und Messer. Was sie aber nicht wussten: Schon seit Monaten hatten die Ermittlungsbehörden die Zelle im Visier. Das würde bedeuten, dass die Behörden schon kurz nach der Gründung im September 2019 Informationen und Hinweise erhalten haben. Und so hörten die Beamten auch an diesem Abend Anfang Februar in Minden mit.

Bei ihren Treffen gingen die zwölf mutmaßlichen Rechtsextremisten immer konspirativ vor. Handys waren bei ihren Treffen nicht erlaubt und über die Anschläge durfte nur in Privaträumen geredet werden. Gebracht hat es nichts, wie wir heute wissen.

Werner S. und Tony E. sollen die Köpfe der rechtsextremistischen Terrorzelle sein. Die anderen sind Michael B., Thomas N. Thorsten W., Ulf R., Wolfgang W., Markus K., Frank H., Marcel W., Stefan K. und Steffen B. Schaut man sich ihre Profile in den sozialen Netzwerken an, dann wird schnell klar, welcher Gesinnung sie folgen. Steffen B. zum Beispiel empfindet es als Perversion, wenn ein Ehepaar für herausragende Leistungen in der Integration von Migranten geehrt wird, und Angela Merkel ist für ihn die Terrorkanzlerin, die im "Blut der Deutschen badet".

Stefan K. schmückt sein Profil mit der "Schwarzen Sonne", einem Symbol, mit dem die SS den Boden im Nordturm in der Wewelsburg dekorierte und in dem drei versetzt übereinandergelegte Hakenkreuze zu sehen sind. Der Anführer Werner S. gibt an, bei den Carabinieri zu arbeiten und in Savona zu wohnen. Einer seiner Freunde präsentiert sich auf seinem Profil mit einer Waffe. Viele andere hegen die gleiche Gesinnung. Und Thorsten W. liebt, wie andere der Gruppe auch, alles germanisch Rustikale.

Hass gegen Ausländer, Liebe für Hunde

Was sie alle eint: Sie hassen Ausländer, Linke, Juden, Fridays-for-Future-Aktivisten, Asylbewerber, Polizisten. Und natürlich Politiker und die EU. Den aus ihrer Sicht elitären Kreis von Verschwörern, die von Multikulti träumen und am liebsten die weißen Deutschen gegen nicht weiße Ausländer und Juden austauschen wollen. (Eine Idee, die erstmalig um 1900 in Frankreich von den Schriftstellern Jean Raspail und Maurice Barrès publiziert wurde und nun von der "Neuen Rechten" wieder aufgegriffen wird). Aber sie haben auch ein Herz für Hunde. Nahezu auf jedem Profil in den sozialen Netzwerken setzen sie sich für verwahrloste Vierbeiner ein, posieren mit ihnen, suchen neue Besitzer für Streuner oder unterstützen Tierschutz-Initiativen.

In Minden, so berichtet "Der Spiegel", skizziert Werner S. dann vor wenigen Tagen seine Pläne. Und man bespricht die Aufgabenverteilung. Einige Männer sollen sich um die potenziellen Ziele kümmern, andere um die Beschaffung der Waffen. Zusammen wollen sie etwa 50.000 Euro auftreiben. Zehn Männer, so ihre Idee, sollen in zehn Bundesländern zeitgleich zuschlagen. Ein Fanal soll es werden. Laut ihrer kruden Logik würde es nach dem Anschlag zu Gegenangriffen und letztlich zu einem Bürgerkrieg kommen.

Vier der zwölf Personen sehen die Ermittler als festen Bestandteil der "Gruppe S" an, die anderen eher als Unterstützer. Mit dabei ein Polizeibeamter aus NRW, der in der Verwaltung tätig war. Nach dem Treffen in Minden und einem weiteren abgehörten Telefonat gab die Bundesanwaltschaft grünes Licht für die vorläufige Festnahme der zwölf Mitglieder. Der Anführer Werner S. war ihnen durchaus bekannt, wurde er schon vor Monaten als Gefährder registriert. Danach begannen die Vorbereitungen in sechs Bundesländern für die bevorstehenden Razzien.

Gefahr von rechts ist groß

Lange warten, um genügend gerichtsverwertbare Beweise zu sammeln - das wollten die Behörden nicht. Zu frisch sind noch die Erinnerungen an den islamistisch motivierten Anschlag auf der Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016, bei dem der Tunesier Anis Amri zwölf Menschen tötete und 55 Besucher verletzte. Nun schlagen die Bundes- und Landeskriminalämter sowie die jeweiligen Staatsanwaltschaften lieber früher als zu spät zu.

Und die Gefahr von rechts ist groß. Auf dem Europäischen Polizeikongress vor wenigen Tagen in Berlin warnte der oberste Verfassungsschützer Thomas Haldenwang noch eindringlich vor der Gewalt. "Wir haben in Deutschland 24.100 Rechtsextremisten, davon schätzen wir mehr als die Hälfte, also 12.700, als gewaltbereit ein", sagte Haldenwang. Deutlich gestiegen ist auch die Zahl der rechtsextremistischen Gefährder, also Personen, denen man Anschläge zutraut. Waren es 2018 nur 26 so ist die Zahl auf inzwischen 53 angestiegen. "Und sie wird vermutlich noch weiter steigen", sagte BKA-Chef Holger Münch. "Wir haben auch einen Anstieg im Bereich Hasskriminalität auf über 8000 Fälle in 2018. Rassistische Straftaten sind in 2018 zu 2017 um 30 Prozent angestiegen und antisemitischen Straftaten um knapp 20 Prozent", sagte Münch.

Das liegt nicht nur daran, dass die Szene gewaltbereiter geworden ist. Vor allem aber schaut man sich die rechtsextreme Klientel jetzt genauer an. Gerade nach den Angriffen auf Politiker, den Hassmails im Netz, den zahllosen Mordaufrufen, Anschlagsplanungen von Gruppen wie der "Revolution Chemnitz" und dem Mord an Kassels Regierungspräsidenten Walter Lübcke sowie dem Doppelmord in Halle durch Rechtsterroristen hat sich das Blatt gewendet. Mehr Personal, mehr Geld, neue Technik wurde bewilligt. Wie erfolgreich die Zusammenarbeit der Behörden ist, wurde am vergangenen Freitag deutlich.

Morgens griffen die Einsatzkräfte in sechs Bundesländern zeitgleich zu. Die Festgenommenen aus Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, Nordrhein- Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sind allesamt Deutsche im Alter von 30 bis 60 Jahren. Noch am Nachmittag wurden sie dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofes vorgeführt. Sie alle kamen in Untersuchungshaft.

Angeblich soll es auch zahlreiche weitere Verbindungen der Zelle geben. Nach Nordeuropa etwa zu den "Soldiers of Odin", die sich 2015 gründeten, um gegen Migranten zu kämpfen.

Nun schlägt die Stunde der Bundesanwaltschaft und der jeweiligen Strafverteidiger. Es wird Monate dauern, ehe mit einer Anklageerhebung zu rechnen ist. Dann wird sich zeigen, ob die Beweise in allen zwölf Fällen reichen. Die Bundesanwaltschaft jedoch ist sich sicher: Die Männer hatten einen tödlichen Plan. Sie wollten den Massenmord.

Quelle: ntv.de