Politik

Wie schnell ist zu schnell? "Sinnvolles Tempolimit liegt zwischen 120 und 140"

0a2f8f272e1c05089242d14629eb8f6a.jpg

imago/blickwinkel

Ein Tempolimit wäre sinnvoll, sagt der Unfallexperte Siegfried Brockmann - aber nur dann, wenn es eine gesellschaftliche Akzeptanz dafür gibt. "Für den Unfallforscher ist nicht entscheidend, welche Geschwindigkeit angeordnet wird, sondern welche tatsächlich von der Mehrheit der Autofahrer befolgt wird."

n-tv.de: 3180 Menschen kamen 2017 im Straßenverkehr ums Leben. Gibt es eine Statistik, die zeigt, ob bei einem Tempolimit auf deutschen Autobahnen weniger Menschen getötet oder verletzt würden?

siegfried-brockmann.jpg

Siegfried Brockmann ist Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV)

(Foto: UDV)

Siegfried Brockmann: Zunächst muss man sagen: Nur elf Prozent der Getöteten sind auf Autobahnen ums Leben gekommen. Das heißt, die großen Potentiale liegen auf der Landstraße und im innerstädtischen Bereich. Das heißt aber nicht, dass wir auf der Autobahn untätig sein müssen. Durch die hohen Geschwindigkeiten haben wir hier teilweise sehr schwere Verletzungen. Und auch wenn es keine Studie gibt, die beziffert, wie viele Unfälle genau verhinderbar wären, ist eines klar: Wenn man die Geschwindigkeiten reduziert, verkürzen sich die Anhaltewege. Im idealen Fall passiert der Unfall dann gar nicht erst, und wenn doch, ist die Crash-Energie geringer. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung wird also unweigerlich Auswirkungen auf das Unfallgeschehen auf der Autobahn haben.

Warum gibt es dazu keine Studien?

Es ist nicht ganz trivial, die notwendigen Forschungsbedingungen herzustellen. Man bräuchte mehrere Strecken, auf denen es bislang kein Tempolimit gab und die möglichst repräsentativ sind. Dort müsste man eine Geschwindigkeitsbegrenzung einführen. Gleichzeitig bräuchte man im selben Zeitraum Vergleichsstrecken ohne Tempolimit, weil es ja zufällige Schwankungen im Unfallgeschehen geben könnte - etwa durch einen besonders nassen Sommer. Die Landesregierung von Baden-Württemberg wollte so etwas vor einigen Jahren mal machen. Aber das Bundesverkehrsministerium hat die Geschwindigkeitsbegrenzung zu Forschungszwecken nicht zugelassen.

Was wäre aus Ihrer Sicht eine vernünftige Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen?

100 wäre zu gering. Die Psychologie lehrt, dass wir unser Leistungszenit erreichen, wenn wir weder unterfordert noch überfordert sind. Wenn alle sich einigermaßen an ein Tempolimit von 100 km/h hielten, gäbe es kaum noch Überholvorgänge. Die Autofahrer hätten einfach zu wenig zu tun und wären im Ernstfall nicht reaktionsbereit. Eine sinnvolle Geschwindigkeitsbeschränkung würde irgendwo zwischen 120 und 140 liegen. Aber es geht ja auch um eine Homogenisierung der Geschwindigkeiten. Den Effekt erreichen wir auf jeden Fall, gleich bei welcher Geschwindigkeit.

Das bedeutet?

Im Moment haben wir das große Problem der Differenzgeschwindigkeiten zwischen den drei Fahrspuren. Wegen der vielen Lkw wird auf der rechten Spur im Wesentlichen 80 gefahren, auf der mittleren 130 bis 140 und auf der linken teilweise deutlich mehr. Wenn man von der mittleren Spur nach links fährt, um zu überholen, und von hinten kommt einer mit 200 km/h angerauscht, ist das durchaus gefährlich. Deshalb spricht viel dafür, die Geschwindigkeiten anzugleichen.

Spricht etwas dagegen, in einem ersten Schritt ein Tempolimit von 160 oder 180 einzuführen, um das exzessive Rasen wenigstens etwas einzudämmen?

180 ist bereits eine Geschwindigkeit, die ein Kleinwagenfahrer als exzessiv betrachten würde. Trotzdem gäbe es dafür derzeit genauso wenig eine gesellschaftliche Akzeptanz wie für geringere Geschwindigkeiten. Für den Unfallforscher ist nämlich nicht entscheidend, welche Geschwindigkeit angeordnet wird, sondern welche tatsächlich von der Mehrheit der Autofahrer befolgt wird. Wir sollten daher eine gesellschaftliche Debatte darüber führen, was flinkes Reisen bedeutet. 140 etwa wären faktisch, wenn man ehrlich ist, 150 km/h. Das ist eine zügige Geschwindigkeit, die Reaktions- und Bremswege ausreichend verkürzt. Für Tempo 180 würde sich die Debatte nicht lohnen.

Wie ist es mit 100 km/h auf Landstraßen - zu schnell oder angemessen?

Grundsätzlich gilt: Es gibt natürlich ein gewisses Fortbewegungsinteresse. Ländliche Kommunen ohne Autobahnanschluss legen in der Regel großen Wert darauf, dass auf den Bundesstraßen in ihrer Nähe ein zügiges Tempo gehalten werden kann. Auch darauf muss man Rücksicht nehmen. Der Verkehrsgerichtstag 2015 war dem Thema Tempolimit auf Landstraßen gewidmet. Dort waren sich alle Verkehrssicherheitsorganisationen einig, dass auf schmalen Landstraßen - also Straßen mit einer Breite unter 6,50 Meter - ein Tempolimit von grundsätzlich 80 km/h angemessen wäre.

Und in Ortschaften?

In der öffentlichen Debatte über Geschwindigkeitsbeschränkungen in Innenstädten geht es derzeit nicht darum, häufiger Tempo 30 anzuordnen, sondern um eine Umkehrung von Regel und Ausnahme. Sobald Sie ein Ortsschild passiert haben, gilt 50 - das weiß jeder Verkehrsteilnehmer. Wenn grundsätzlich 30 gilt und nur in Ausnahmefällen 50, sehe ich die Gefahr, dass das weitestgehend missachtet wird. Heute haben wir in gefährlichen Bereichen Tempo-30-Schilder mit entsprechendem Appellcharakter. Die wären dann weg.

Können Sie sich vorstellen, dass die Geschwindigkeit von Fahrzeugen irgendwann von außen gesteuert wird, so dass es gar nicht mehr möglich wäre, zu schnell zu fahren?

Diese Debatte läuft bereits unter dem Stichwort ISA. Früher wurde das mit "intelligent speed adaptation" übersetzt und ist downgesized worden zu "intelligent speed assistance". Das soll so funktionieren, dass das Fahrzeug weiß, welche Geschwindigkeitsbegrenzung gerade gilt und das dem Fahrer durch einen haptischen Widerstand im Gaspedal deutlich macht. Es wäre dabei immer noch möglich, schneller zu fahren. So etwas halte ich für sinnvoll und unproblematisch, denn eine Warnung geht immer. Das Problem ist bislang, dass die Verkehrszeichenerkennung der Fahrzeuge noch nicht wirklich gut ist.

Mit Siegfried Brockmann sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema