Politik

"Gott beobachtet euch!" Syrische Greisin weist Dschihadisten zurecht

Wenn jemand IS-Dschihadisten einfach mal ein Dutzend Koran-Verse um die Ohren haut, sehen die ganz schön alt aus. In einem Youtube-Video aus Syrien begeistert eine alte Frau mit ihrer Kenntnis und Furchtlosigkeit.

Es ist kein Zufall, dass es ausgerechnet eine alte Frau ist, die den Dschihadisten des Islamischen Staates ordentlich die Meinung geigt. Mit einer furchtlosen Schimpftirade am offenen Autofenster eines mutmaßlichen Dschihadisten beeindruckt die alte Syrerin auf Youtube. Dessen Beifahrer hat die Szene gefilmt und offenbar im Internet hochgeladen. Die sehr korankundige Greisin haut den jungen Männern Verse aus dem Heiligen Buch um die Ohren und verflucht den IS als gottlose Teufel.

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Der IS hat in Syrien und im Irak Elend über Millionen Menschen gebracht. Minderheiten und Andersgläubige werden systematisch umgebracht.

(Foto: AP)

Das Video der vermeintlich umherkeifenden alten Frau ist jedoch - anders als vielleicht beabsichtigt - vor allem für die Adressaten ihres Zorns peinlich. Immerhin haben die Männer im Auto einen letzten Funken Respekt vor dem Alter oder hören einfach nur aus Überrumpelung minutenlang zu. Die Einwürfe der Männer zeigen jedoch, dass sie keine Ahnung von ihrer eigenen Religion haben. Damit ist das Video auch ein Dokument für die vielen tiefgläubigen Muslime in der Welt, wie sie der dschihadistischen Koranauslegung begegnen könnten. Es ist allerdings nicht klar, ob es sich bei den beschimpften Männern tatsächlich um Dschihadisten des IS oder um andere Islamisten handelt.

Wie ein Mantra wiederholt die alte Dame vor dem heruntergelassenen Fenster immer wieder einen Satz: "Kehrt zu Gott zurück, ihr Teufel, kehrt zu Gott zurück!" Anfangs lassen sich die Männer - der Fahrer ist im Profil zu sehen und trägt den für Islamisten typischen Vollbart - auf eine Diskussion ein. "Was meinst Du damit, Großmutter", fragt er. "Zwischen uns ist doch alles in Ordnung, oder?" Da wird die Frau richtig wütend: "Schlachtet ihr niemanden ab, dann schlachtet auch euch niemand ab."

"Keiner wird diesen Krieg gewinnen"

Einer der Islamisten bringt daraufhin den syrischen Machthaber ins Spiel. "Ich will den kriegen, der Kinder schlachtet", sagt er und meint damit Baschar al-Assad. Das lässt die alte Frau nicht gelten. "Es ist alles der gleiche Scheiß. Keiner von euch ist gut. Ihr seid nicht gut und er auch nicht", ruft sie aufgebracht. "Und was ist mit all denen, die ihr umgebracht habt? Das ist alles verboten! Ich schwöre: Nichts von dem, was ihr getan habt, war in Gottes Sinne."

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Syrische Regierungssoldaten in Daraa: "Es ist alles der gleiche Scheiß", findet die alte Frau aus dem Video und meint damit das Regime und die verschiedenen Islamistengruppen im Land.

(Foto: imago/Xinhua)

Danach wird es den Männern zu unangenehm: "Großmutter, wir haben keine Zeit, verzieh dich!" sagt einer grob. Der Frau ist die Aufforderung herzlich egal. Sie bezichtigt die Dschihadisten, die Worte bedeutender Imame zu ignorieren. Keiner von ihnen werde jemals diesen Krieg gewinnen, niemand werde gewinnen, ist sie überzeugt. "Ihr werdet euch weiter gegenseitig wie Esel umbringen. … Geh zurück auf Gottes Weg, Enkel! Gott wird weder das Regime stoppen, noch euch zu Erfolg verhelfen. Ihr seid alle gleich."

Als die Männer ihre Worte als "Poesie" verspotten, legt die Greisin noch einen drauf und bombardiert sie mit Koranzitaten, die ihr offenbar spontan in den Sinn kommen. Daraus lässt sich schließen, dass die Frau den Koran auswendig kann. Solche Menschen sind in der islamischen Welt sehr geachtet und werden "Hafiz" beziehungsweise "Hafiza" genannt, was "Bewahrer" bedeutet. "Euer Staat sei verflucht", schimpft sie und meint damit das IS-Kalifat.

"Wenn zwei Gruppen von Gläubigen sich bekriegen, so sorge für Frieden zwischen ihnen", zitiert sie einen Koranvers, hier frei übersetzt. "Aber wenn eine Fraktion sich der anderen gegenüber falsch verhält, so bekämpfe diese, bis sie sich wieder unter Gottes Kommando stellt. Wenn das passiert, sorge für Frieden zwischen ihnen", fährt sie fort und spielt damit auf die unterschiedlichen dschihadistischen Gruppen an, die in Syrien gegeneinander kämpfen. "Gott liebt die, die gerecht handeln."

"Wir sind gekommen, um zu schlachten"

Die Frau geht auch darauf ein, dass der IS Muslime umbringt, die nicht ihr verschrobenes und unvollständiges Koran-Verständnis teilen. Es gebe 50 schiitische Ehefrauen in ihrem Dorf, beschwört die Frau. Dann folgt der nächste Koranvers: "Die Gläubigen sind Brüder, also sorge für Beilegung (von Konflikten) zwischen deinen Brüdern." Und setzt hinzu: "Fürchte Gott, dann wirst du Gnade erfahren."

Zum Ende der Sequenz ist die alte Frau schon merklich erschöpft, doch sie schreit immer lauter: "Kehrt zu Gott zurück! Fürchtet Gott! Ihr wollt dieses Schlachten doch nicht und auch nicht all diese Morde." - "Wir sind gekommen, um zu schlachten", ruft einer höhnisch und zitiert damit einen Schlachtruf der IS-Dschihadisten. Es ist trotzdem denkbar, dass es sich um andere Dschihadisten handelt, denn die Alte spielt in ihrem Wutanfall auch auf die "Waffen aus Amerika" an. Diese sollen - jedenfalls dem US-Plan nach - nur sogenannte gemäßigte Rebellen erhalten. "Jetzt kriegt ihr auch noch Geld und Waffen aus Amerika und wollt euch gegenseitig umbringen. Die (USA) freuen sich darüber."

Obwohl die Männer ihr hier einmal Recht geben, lässt sich die tiefgläubige Frau nicht beirren und gibt ihnen noch einen mit: "Die Tore des Himmels werden sich nicht denen öffnen, die unsere Verse leugnen und sich arrogant verhalten. Und sie kommen auch nicht ins Paradies, bevor ein Kamel durch ein Nadelöhr geht. So belohnen wir die Missetäter. Sie sollen in der Hölle lagern", zitiert sie abermals den Koran. Drohend sagt sie: "Gott beobachtet euch." Über das weitere Schicksal der alten Frau ist nichts bekannt.

Quelle: ntv.de

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