Politik

Attentat auf Sikh-Tempel in den USA Täter war Ex-Soldat und Neonazi

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Nahm der Täter "Rache" für 9/11?

(Foto: REUTERS)

Die Polizei im US-Bundesstaat Wisconsin vermutet, dass der Anschlag auf die Sikh-Gemeine in Oak Creek gezielt ausgeführt wurde. Offenbar war der Täter ein aktiver Neonazi, der in der US-Armee diente - bevor er betrunken zum Dienst erschien. Die Ermittler untersuchen auch die Tätowierungen des Mannes.

Nach der Schießerei in einem Sikh-Tempel in den USA mit insgesamt sieben Toten und drei Schwerverletzten herrscht Rätselraten über das Tatmotiv. Die Behörden stufen das Blutbad bei ihren Ermittlungen als "eine Art heimischen Terrorismus" ein, wie der zuständige Polizeichef John Edwards in Oak Creek im Bundesstaat Wisconsin mitteilte. Demnach geht die Polizei offenbar zumindest derzeit von der Annahme aus, dass der Anschlag gezielt der Sikh-Gemeinde galt.

Auch die US-Bundespolizei FBI erklärte, die Untersuchungen befänden sich noch in einer frühen Phase. Es könne sich um einen "Akt von Inlandsterrorismus" handeln. Ranghohe US-Vertreter sagten, einschlägige Tattoos auf dem Körper des weißen Schützen, dessen Name mit Wade Michael Page angegeben wurde, sowie biographische Details hätten das FBI dazu veranlasst, diese Spur zu verfolgen. Nach US-Medienberichten nahm eine Tätowierung auf Pages Arm Bezug auf die Terroranschläge vom 11. September 2001.

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Die Sikh-Gemeinde trauert um sechs Mitglieder.

(Foto: AP)

"Wir untersuchen die Bedeutung seiner Tätowierungen", sagte ein Sprecher der US-Behörde für Waffen, Tabak und Sprengstoff dem Sender ABC. "Dies sind die Bestandteile des Puzzles, die uns dabei helfen werden, die Motive für eine so schreckliche Tat zu verstehen.

Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums war Page von 1992 bis 1998 in der US-Armee. Der ausgebildete Fallschirmspringer sei auf psychologische Kriegsführung spezialisiert gewesen. Er sei mit mehreren militärischen Orden ausgezeichnet worden. Ein Nachbar Pages sagte, der Ex-Soldat habe wie ein "ziemlich normaler" und "entspannter Kerl" auf ihn gewirkt.

Betrunken im Dienst

Der 40-Jährige sei nach 1998 für eine erneute Einberufung untauglich gewesen, teilte die Polizei mit. Aus Militärkreisen verlautete, Page sei wegen Fehlverhaltens ausgemustert worden. Weil er betrunken im Dienst erschien, sei er degradiert worden. Experten der Neo-Nazi-Szene zufolge war Page Mitglied der rassistischen Skinhead-Band "End Apathy" ("Schluss mit Apathie") in North Carolina.

Auch habe Page im Jahr 2000 bei der sogenannten Nationalen Allianz Waren bestellen wollen. Die Neonazi-Gruppe sei die gefährlichste und am besten organisierte ihrer Art in den USA. Den Behörden zufolge erwarb der Attentäter die Neun-Millimeter-Handfeuerwaffe legal.

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Im indischen Neu Delhi kam es zu gewaltsamen Protesten.

(Foto: REUTERS)

Page hatte am Sonntagvormittag in dem Tempel das Feuer auf Gläubige eröffnet. Wenig später wurde er dann selbst von einem Polizisten erschossen. Die Verletzten erlitten nach Angaben eines Krankenhaussprechers zum Teil Schusswunden in der Bauchgegend, im Gesicht und im Nacken. Ihr Zustand sei "kritisch". Zu ihnen zählt ein Polizeibeamter, der laut Edwards von dem Täter unter Beschuss genommen wurde, während er einem Opfer zu helfen versuchte. Ein zweiter Polizist konnte den Schützen dann stoppen. Dem Sender CNN zufolge wurden im Tempel zwei halbautomatische Waffen sichergestellt.

Beileid aus Politik

US-Präsident Barack Obama bekundete "tiefe Trauer" und Anteilnahme. In einer in Washington veröffentlichten Erklärung bot er zugleich Hilfe der Bundesbehörden bei der Aufklärung der Bluttat an und würdigte die Rolle der Sikhs im amerikanischen Leben. Sie seien eine Bereicherung für das Land und "ein Teil unserer erweiterten amerikanischen Familie", erklärte Obama. Auch sein republikanischer Herausforderer bei der Wahl im November, Mitt Romney, verurteilte den "sinnlosen Akt der Gewalt".

Lokalsendern zufolge hielten sich zum Zeitpunkt der Attacke möglicherweise bis zu 100 Menschen in dem Gebäude auf. Die Schüsse seien während Vorbereitungen auf ein gemeinsames Mittagessen der Gläubigen gefallen.

"Sind doch friedliebende Menschen"

Zu den Verletzten gehört möglicherweise auch der Präsident der Sikh-Gemeinde von Oak Creek. Dessen Sohn sagte dem Sender CNN, ein Priester habe ihn aus dem Tempel angerufen und berichtet, dass sein Vater verletzt worden sei. Ein Gemeindemitglied äußerte sich fassungslos über die Bluttat. "Warum?" fragte er. "Wir sind doch friedliebende Menschen. Wir achten unsere Mitmenschen."

Dutzende Angehörige der Sikh-Gemeinde in der 35.000-Einwohner-Stadt hatten sich nach Bekanntwerden der Bluttat in der Nähe des abgesperrten Tempels versammelt und auf Nachrichten von ihren Angehörigen gewartet. "Unser Priester ist tot. Ein Großvater meines Freundes ist tot. Es ist eine sehr enge Gemeinschaft. Egal, wer getroffen ist - wir sind alle eine Familie", sagte der 22-jährige Harinder Kaur.

Sikhs sind Anhänger einer im 15. Jahrhundert in Nordindien entstandenen religiösen Reformbewegung. Die meisten Sikhs leben in Indien, aber auch in Großbritannien und in Nordamerika gibt es viele Anhänger. In den USA gehören mehr als 500.000 Menschen der Glaubensgemeinschaft an. Die Sikhs tragen traditionell Turban und Bart. In den USA werden sie vielfach für Muslime gehalten und waren deshalb besonders nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 Anfeindungen ausgesetzt.

Quelle: ntv.de, rpe/dpa/AFP/rts

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