Politik

Wie stichhaltig sind die Plagiatsvorwürfe? Uni Gießen prüft Steinmeiers Doktorarbeit

Hat SPD-Fraktionschef Steinmeier in seiner Doktorarbeit geschummelt? Diesen Vorwurf erhebt ein BWL-Professor, der "Plagiate in Deutschland ausrotten" will. Jetzt geht die Universität Gießen dem Verdacht nach. Steinmeier gibt sich gelassen.

SPD-Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier geht in die Offensive: Er hat die Universität Gießen um eine "förmliche Überprüfung" der gegen ihn gerichteten Plagiatsvorwürfe gebeten. Dies teilte Steinmeier nach einem Gespräch mit dem Präsidenten der Universität, Joybrato Mukherjee, mit. Dieser entsprach dem Wunsch und teilte mit, die Doktorarbeit des Politikers werde zügig überprüft. Das Verfahren werde nur wenige Wochen dauern, so Mukherjee.

Die Universität hat nach eigenen Angaben ein standardisiertes Verfahren "zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis", um unter anderem Plagiatsvorwürfe zu klären. Ein Ombudsmann soll nun mit einer ersten Prüfung beginnen.

Das Magazin "Focus" hatte unter Berufung auf den Wirtschaftswissenschaftler Uwe Kamenz gemeldet, Steinmeiers Promotion weise "umfangreiche Plagiatsindizien" auf. Steinmeier sprach von einem "absurden Vorwurf". Steinmeier sagte, er sehe dem Ergebnis "mit großer Gelassenheit" entgegen. Steinmeier hatte die Arbeit im Jahr 1991 in Gießen eingereicht.

"Focus" bezahlte den Plagiatsjäger

Wie "Focus" weiter schreibt, hat Kamenz Steinmeiers Arbeit "Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit" per Computersoftware mit 95 Quellen verglichen. An mehr als 500 Stellen seien problematische Übereinstimmungen registriert worden. Die "Indizienlage" sei vergleichbar mit dem Fall der früheren Bildungsministerin Annette Schavan. Die CDU-Politikerin setzt sich derzeit gerichtlich gegen den Entzug ihres Doktortitels durch die Universität Düsseldorf zur Wehr.

Plagiatsjäger Kamenz selbst muss sich die Frage nach seiner Motivation gefallen lassen. Inzwischen bestätigte der "Focus", dem Wissenschaftler Geld bezahlt zu haben. Die Zeitschrift legte aber Wert darauf, dass die Beträge an den Dortmunder Professor nicht für die Untersuchung von Steinmeiers Doktorarbeit gezahlt worden seien. "'Focus' hat Prof. Kamenz zwei Mal einen dreistelligen Euro-Betrag als Aufwandsentschädigung für das Digitalisieren von Büchern zukommen lassen", sagte ein "Focus"-Sprecher.

Plagiate "ausrotten"

Der Berliner Jura-Professor Gerhard Dannemann, der eine Zwischenversion des Prüfberichts von Kamenz ansehen konnte, wertete nach "Focus"-Angaben einen Großteil der Indizien als "lässliche Sünden". Mindestens drei Passagen seien aber kritisch: "Wenn der Prüfungsbericht hier die Quellen richtig wiedergibt, wären das Verstöße gegen die Zitierregeln, die den Bereich des Tolerierbaren klar überschreiten würden."

Die Vorwürfe gegen Steinmeier kommen, nachdem in den vergangenen Jahren einer ganzen Reihe prominenter Politiker der Doktorgrad aberkannt worden war, weil sie in ihren Dissertationen in unzulässiger Form aus anderen Arbeiten abgeschrieben hatten. Der BWL-Professor Kamenz hatte vor zwei Jahren mit der Ankündigung für Aufsehen gesorgt, 1000 Doktorarbeiten von Politikern auf Betrügereien zu untersuchen, um "Plagiate in Deutschland auszurotten".

Quelle: n-tv.de, ghö/dpa

Mehr zum Thema