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1,3 Milliarden aus der Wirtschaft Unternehmen auf dem Vormarsch in die Uni

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Dozent an der RWTH Aachen. Die Hochschule bezieht laut hochschulwatch.org rund 67 Millionen Euro von Unternehmen.

picture alliance / dpa

Die Verbindung von Universitäten und Unternehmen ist problematisch: Mit 1,3 Milliarden an Drittmitteln finanziert die Privatwirtschaft die Forschung - und lenkt sie, kritisiert das Projekt Hochschulwatch. Oft haben die Unis gar keine andere Wahl.

Deutschlands Hochschulen bekommen einer Untersuchung zufolge immer mehr Geld aus der Wirtschaft. Jedes Jahr kommen mehr als 1,3 Milliarden Euro aus der gewerblichen Wirtschaft und damit doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren, ergab eine Berechnung des Internetportals hochschulwatch.de. Das Portal, das Verbindungen zwischen Hochschulen und Unternehmen unter die Lupe nimmt, ist ein Projekt der Antikorruptionsorganisation Transparency International, der Berliner "tageszeitung" und der Studierendenvertretung fzs.

Deutsche Hochschulen bedienen sich demnach immer stärker an Drittmitteln. 1990 akquirierten die Unis etwa 1,5 Milliarden Euro (umgerechnet aus D-Mark), 2012 waren es rund 6,7 Milliarden Euro. Hochschulwatch schätzt, dass inzwischen jeder vierte Hochschulmitarbeiter aus Drittmitteln finanziert ist.

Das Projekt sieht die Drittmittelfinanzierung sehr kritisch. Einerseits könnten Drittmittelgeber die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen direkt beeinflussen und lenken oder die Forschungsergebnisse an sich aufgrund der finanziellen Abhängigkeit steuern. Außerdem könne die gesamte Ausrichtung der Forschung gelenkt werden, da Drittmittelgeber oft die einzige Quelle für Geld sind.

Die Hochschulen winken ab

"Wir beobachten, dass zunehmend die Verwertungsinteressen der Wirtschaft die Lehre und auch die Forschung weitgehend bestimmen", sagte die TI-Vorsitzende Edda Müller bei der Präsentation der Neuauflage des Portals.

Müller forderte eine Veröffentlichungspflicht aller Kooperationsverträge zwischen Wirtschaft und Wissenschaft sowie regelmäßige Sponsoringberichte aller Hochschulen. "Unabhängigkeit und Transparenz der Finanzströme sind ein hohes Gut der Wissenschaft", erklärte Müller. Fzs-Sprecherin Isabella Albert kritisierte, Hochschulen würden immer weiter zu Produzenten von Arbeitskräften degradiert. Ein Studium sei aber keine Berufsausbildung und könne in keinem Fall nur die Interessen eines bestimmten Unternehmens bedienen.

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Der kritische Blick auf die Hochschulen ist völlig in Ordnung. Wenn allerdings das finanzielle Engagement von Wirtschaftsunternehmen unter Generalverdacht gestellt wird, skandalisiert man eine sinnvolle, für Unternehmen, Hochschulforschung, Studierende und Volkswirtschaft ertragreiche Zusammenarbeit." Wer auf die Drittmittel aus der Wirtschaft schaue, "wird nicht auf die Idee kommen, die Freiheit von Forschung und Lehre sei in Gefahr".

Die Opposition im Bundestag äußerte sich kritisch. "Die zunehmende Verflechtung von Wirtschaft und Wissenschaft verbessert nicht die Qualität von Lehre und Forschung an den Hochschulen, sondern macht Lehrende und Studierende zu Bittstellern, die die Interessen der großen Unternehmen bedienen müssen", so Linke-Expertin Nicole Gohlke. Ihr Grünen-Kollege Kai Gehring: "Das Verhältnis zwischen Grund- und Drittmitteln im Wissenschaftssystem ist im letzten Jahrzehnt strukturell aus dem Lot geraten." Es sei "dringend notwendig, die langfristige Grundfinanzierung der Hochschulen zu stärken und die Abhängigkeit von kurzfristigen Drittmitteln zu senken".

Quelle: n-tv.de, bdk/AFP/dpa

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