Politik

Badawis Ehefrau klagt an "Wann wird Raif wiederkommen?"

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Ensaf Haidar, die Ehefrau von Raif Badawi, lebt inzwischen mit den gemeinsamen Kindern in Kanada.

(Foto: REUTERS)

Im Januar wurde in Saudi-Arabien mit der Vollstreckung des Urteils gegen den Blogger Raif Badawi begonnen. Die ersten 50 Stockhiebe von 1000 verletzten ihn schwer. Seine Frau Ensaf Haidar kämpft um die Freilassung ihres Mannes. Wir dokumentieren ihren offenen Brief.

"Noch immer gehe ich hinter dieser Fata Morgana her. Über zwei Jahre warte ich nun schon, hinter meiner inneren Wohnungstür, die sich zu einer wunden Leere hin öffnet, hinter der sich wiederum tausend brennende Fragen verbergen.

Wann und wie wird er zurückkommen? In welchem Zustand wird er sein? Wie wird seine Reaktion sein? Werde ich ihn umarmen? Küssen? Werde ich weinen? Ich wache auf vom Schmerz der Erinnerungen.

Um diese Abendzeit würde ich mich normalerweise mit Raif fürs Ausgehen bereitmachen. Wir würden gemeinsam planen: Was werden wir trinken? Was soll ich anziehen?

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Seit fast drei Jahren sitzt der saudi-arabische Blogger Raif Badawi wegen "Beleidigung des Islam" im Gefängnis. Die zentralen Beiträge Badawis erscheinen nun in der Streitschrift "1000 Peitschenhiebe. Weil ich sage, was ich denke"

Auf die bohrenden Fragen meiner drei Engel hin, was es mit dem Geheimnis der langen, ungewöhnlichen Abwesenheit ihres Vaters auf sich hat, gab ich schließlich nach. Unbedacht sagte ich ihnen, wegen eines Problems zwischen Raif und der saudi-arabischen Regierung hätte diese ein Reiseverbot über ihn verhängt. Natürlich provozierte diese Antwort dann noch viel mehr Fragen, was mich sogleich bereuen ließ, überhaupt etwas gesagt zu haben.

Eines Morgens wurde ich durch den Anruf eines Freundes von Raif geweckt, der bei seinem Prozess am 8. Mai 2014 dabei gewesen war. Ohne jegliche Einleitung sagte er mit trauriger, brüchiger Stimme: "Raifs Urteil ist verschärft worden." Wie mechanisch legte ich einfach auf. Große Unruhe überkam mich, schließlich musste ich weinen. Doch dann riss ich mich zusammen. Ich rief mir ins Gedächtnis, dass Raif mir versprochen hatte, zurückzukehren. Wann, weiß ich nicht, aber er hat es mir versprochen.

Bei jedem Diskussionsforum, bei jedem Interview wiederhole ich meine Botschaften an die saudi-arabische Regierung von Neuem: dass sie doch sicher genau wissen, dass Raif kein Verbrecher ist, sondern ein Meinungshäftling. Und dass sie sich an alle internationalen Konventionen zur Freiheit der Meinungsäußerung zu halten haben. Ich weiß nicht, ob sie mich eines Tages erhören werden oder nicht.

Nach einer Umzugsreise, die eher einer Flucht glich, reiste ich mit den Kindern zuerst nach Kairo, dann nach Beirut, bis wir uns schließlich in Kanada niederließen, um ein normales Leben zu führen, während wir auf unseren Vermissten warten.

Ich weiß gar nicht, wie ich jedem Einzelnen auf dieser Welt, der mich und Raif unterstützt hat, danken soll. Besonders Amnesty International, die, unter Einsatz sämtlicher Amnesty-Abteilungen in allen möglichen Teilen der Erde, keine Mühe gescheut haben und so die größte Menschenrechtskampagne in Gang gesetzt haben, die wir je gesehen haben. Danke Amnesty International und danke an Raif, der mich gelehrt hat, stark zu sein und zu kämpfen, um ihn zurückzuholen. Wenn auch nicht bald, aber eines Tages werde ich ihn wieder haben. Er hat es mir doch versprochen. Ja, er hat mir versprochen, dass er durch irgendeine Tür, egal durch welche, wieder zurückkommen wird. Hauptsache er ist irgendwann wieder hier, in meiner Nähe, und erfüllt die Welt mit seiner Liebe, seinem Mut und Gerechtigkeitssinn."

Quelle: ntv.de