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Geheimkontakte und große Pläne Was Saudis und Israelis schon verbindet

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Demonstranten im Gazastreifen. Saudi-Arabien geht zunehmend auf Distanz zu den Palästinensern.

REUTERS

Israel und Saudi-Arabien nähern sich einander an. Es ist die Rede von gigantischem Potenzial, das die Partnerschaft haben könnte. Doch sie hat auch Grenzen und könnte sogar gefährlich werden.

Israel gegen den Rest: Die Aufteilung des Nahen Ostens schien lange Zeit klar zu sein. Auf der einen Seite der jüdische Staat, bis an die Zähne bewaffnet, scheinbar unbesiegbar. Auf der anderen Seite die Palästinenser und hinter ihnen alle arabischen und muslimischen Staaten der Region. Vereint im Glauben daran, dass der jüdische Staat den Palästinensern Unrecht tue, dass Israel nicht anerkannt werden dürfe, ja, sogar vernichtet werden müsse. Doch diese Konstellation beginnt zu bröckeln. Schon seit Jahrzehnten hat Israel Friedensverträge mit Ägypten und Jordanien, erbitterte Feinde von einst. Und gegenwärtig entsteht eine neue Partnerschaft: ausgerechnet mit Saudi-Arabien.

Denn eine solche Verbindung erscheint erst einmal unwahrscheinlich: Riad lehnte schon 1947 den UN-Teilungsplan für Palästina ab, entsandte 1948 und 1973 sogar Truppen in Kriege mit Israel. Im israelisch-palästinensischen Konflikt positionierte sich Saudi-Arabien stets auf der Seite der Palästinenser und kritisierte den israelischen Friedensvertrag mit Ägypten von 1979 scharf. In religiöser Hinsicht scheint die radikale Auslegung des Islam in dem Wüstenstaat außerdem eher zur Hamas zu passen als zu einer westlich orientierten Demokratie wie Israel. Doch widersprüchlich scheint es eben nur.

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"Es wird Zeit für die Palästinenser, die Angebote anzunehmen und an den Verhandlungstisch zurückzukehren oder den Mund zu halten und aufzuhören, sich zu beschweren", soll Kronprinz Mohammed bin Salman in New York gesagt haben.

(Foto: AP)

"Der Nahe Osten von heute ist nicht mehr die gleiche Region wie vor ein paar Jahren. Die Zahl der Feinde und derjenigen, die uns feindlich gegenüberstehen, hat sich grundlegend verändert", sagt der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Emmanuel Nahshon, n-tv.de. Er spielt damit gleichzeitig auf den sich verschärfenden Konflikt mit dem Iran und das Verhältnis zu Saudi-Arabien an. Der größte Bösewicht aus Sicht der Saudis sind nicht mehr die Juden, es ist der Iran. Und das ist die erste große Schnittmenge in den israelisch-saudischen Beziehungen. "Wenn Sie hier einen saudischen Diplomaten sitzen hätten, würde er höchstwahrscheinlich zu sehr ähnlichen Ergebnissen kommen wie wir, wenn er die Risiken der Region analysiert. Das trifft insbesondere auf den Iran zu", sagt Nahshon bei einem Gespräch im israelischen Außenministerium in Jerusalem.

Kein Zufall, dass Trump aus Riad nach Israel kam

Saudi-Arabien und den Iran verbindet eine jahrzehntelange Feindschaft und Rivalität um die geopolitische Vorherrschaft in der Region. Und beide Staaten sind in den vergangenen Jahren offensiver darin geworden, diese Ambitionen geltend zu machen. Der Iran unterstützt das Assad-Regime in Syrien, die Hisbollah im Libanon und die Huthis im Jemen. Riad hingegen führt einen blutigen Krieg gegen den Aufstand im Jemen, hat gleichermaßen gemäßigte und radikalislamische Rebellen in Syrien unterstützt, und mit der mutmaßlichen Entführung des libanesischen Regierungschefs Saad Hariri im November 2017 versuchten die Saudis ihren Einfluss auch in Beirut durchzudrücken.

Mit dem Kampf gegen Assad, gegen die Hisbollah, gegen iranische Milizen, die inzwischen Teile Syriens kontrollieren, steht Riad inzwischen auf einer Linie mit Israel. Dort fürchtet man, dass der Iran, der regelmäßig mit der kompletten Vernichtung Israels droht, seine Truppen an den Golanhöhen aufstellen könnte. Im Süden des Libanon hat die Hisbollah nach israelischer Einschätzung bereits weit über 100.000 Raketen in Stellung gebracht, die jeden Winkel des jüdischen Staates erreichen können.

Und bei einer weiteren Bedrohung besteht ebenfalls Konsens zwischen den ungleichen Staaten: dem iranischen Atomprogramm und dem dazugehörigen Atomdeal JCPOA. Beinahe übereinstimmend mit der Rhetorik Israels kritisierten auch Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate den vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama ausgehandelten Deal. Der Iran verwende die Milliardeneinnahmen, die durch den Abbau der Sanktionen möglich wurden, um die Region zu destabilisieren, und das iranische Raketenprogramm sei von Beginn an nicht Teil der Vereinbarung gewesen, hieß es. Teheran habe trotz JCPOA weiter an Nuklearwaffen gearbeitet. Der aggressivere Ton des neuen US-Präsidenten Donald Trump gegenüber Teheran gefällt der Führung in Jerusalem ebenso wie denen in Riad und Abu Dhabi. Die Reiseroute Trumps durch den Nahen Osten im Mai 2017 trug dem Rechnung. "Es ist kein Zufall, dass Trump bei seinem Besuch in Israel aus Riad eingeflogen ist", sagt Außenamtssprecher Nahshon.

"Für die Saudis sind das gigantische Schritte"

Und so geschehen Dinge am Golf, die vor einigen Jahren noch niemand für möglich gehalten hätte. Anfang Mai twitterte der bahrainische Außenminister, Scheich Khalid al Khalifa, Israel dürfe sich natürlich verteidigen und die "Quelle der Gefahr" - gemeint war der Iran - bekämpfen. Im April hat der saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman das Existenzrecht Israels anerkannt. Bereits im Herbst soll Bin Salman den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu bei einem Geheimbesuch in Tel Aviv getroffen haben. Ähnliche Gerüchte ranken sich um Netanjahus kürzlichen Staatsbesuch in Jordanien. Angeblich traf er auch in Amman den saudischen Prinzen.

Israels Armeechef Gadi Eisenkot deutete Ende 2017 geheimdienstliche Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien an. "Ja, es gibt einen gewissen Austausch. Forschungseinrichtungen haben Kontakte", sagt Nahshon, ohne Details zu nennen. Und auch im zivilen Bereich sind kleine Schritte messbar. Die Luftfahrtgesellschaft Air India erhielt im Frühjahr die Erlaubnis, bei Flügen von und nach Israel saudischen Luftraum zu durchqueren, was zuvor tabu war.

Die Möglichkeiten zwischen Saudi-Arabien und Israel seien "gigantisch", sagt Nahshon. "Klimawandel, die Entstehung neuer Wüsten – diese Themen werden gigantischen Einfluss haben auf die Region. Und das Geschäft mit dem Öl wird in den kommenden 30 oder 40 Jahren nicht mehr rentabel sein." Riad investiere schon jetzt gigantische Summen in den Bildungssektor und einen "sehr interessanten Prozess der Liberalisierung und Öffnung". Meint Nahshon damit, dass dort nun Frauen Autos lenken dürfen? "Für westliche Kulturen scheinen das Kleinigkeiten zu sein. Aber für die Saudis sind das gigantische Schritte", sagt er. "Wir haben Technologien, die extrem nützlich sind für unsere Partner in dieser Region: Wasser-Management und -Recycling, Meerwasserentsalzung, Agrarwirtschaft in der Wüste." Klingt beinahe nach blühenden Landschaften.

Und auch wenn daran derzeit noch nicht zu denken ist: Eine militärische Zusammenarbeit der beiden Staaten wäre an Schlagkraft in der Region durch nichts zu übertreffen. Saudi-Arabien leistet sich nach den USA und China die teuerste Armee der Welt mit fast einer halben Million Soldaten. Die israelischen Streitkräfte gelten als schlagkräftigste Armee des Nahen Ostens.

Palästinenserfrage einfach überspringen?

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Palästinenser im Gazastreifen verbrennen ein Plakat des saudischen Kronprinzen.

(Foto: AP)

Doch steht der ungelöste israelisch-palästinensische Konflikt einer Annäherung der beiden Staaten nicht nach wie vor im Wege? Möglicherweise sind die Palästinenser für den saudischen Kronprinzen Bin Salman nur noch ein lästiges Hindernis. "In den vergangenen Jahrzehnten hat die palästinensische Führung ein Friedensangebot nach dem nächsten ausgeschlagen", soll er im März bei einem Treffen mit amerikanischen Juden in New York gesagt haben. "Es wird Zeit für die Palästinenser, die Angebote anzunehmen und an den Verhandlungstisch zurückzukehren oder den Mund zu halten und aufzuhören, sich zu beschweren."

Aus israelischer Perspektive hört sich das dann so an: Vor zehn Jahren gab es noch die Auffassung, dass der Palästinenserkonflikt der Eckpfeiler aller Konflikte in der Region sei. "Wenn es nur möglich sei, diesen Konflikt zu lösen, würde sich das entspannend auswirken auf alle anderen Konflikte in der Region, dachte man", sagt Nahshon. "Heute wissen wir, dass die Lösung des Palästinenserkonflikts nicht mehr und nicht weniger bringen wird als die Lösung des Palästinenserkonflikts. Sie wird keinen Einfluss auf die tektonischen Veränderungen in der Region haben."

Können Israel und arabische Nationen wie Saudi-Arabien, die Emirate oder Bahrain also die Palästinenserfrage einfach überspringen und nach Gemeinsamkeiten suchen? Zumindest Mohammed bin Salman geht mit seiner Politik ein hohes Risiko ein.

Widerstand gegen Israel war jahrzehntelang saudische Staatsräson. Von einer offenen Parteinahme Bin Salmans für Israel kann zwar derzeit noch keine Rede sein. Aber schon seine Bewegungen in Richtung des Feindes von einst sind bemerkenswert. "Mohammed bin Salman sind die Palästinenser egal, aber den Menschen auf den Straßen Saudi-Arabiens sind sie es gewiss nicht", lautet die Einschätzung von Nadav Tamir, einst engster Berater des ehemaligen israelischen Premierministers Shimon Peres. Ob die knapp 30 Millionen Saudis den neuen Kurs des Landes mitgehen, hält er für mindestens fraglich. "Beide Länder sollten nicht trotz des ungelösten Konflikts Beziehungen aufbauen, sondern nachdem der Konflikt gelöst wurde", sagt er. Nachhaltige Kontakte seien nur so möglich.

Sollte Bin Salman einen prowestlichen, proisraelischen Kurs ohne die Einwilligung der Bevölkerung einschlagen, droht Saudi-Arabien möglicherweise innere Instabilität. In einem Staat ohne echte Opposition gibt es nur vereinzelt kritische Stimmen. Eine Einschätzung der Stimmung gegenüber dem Kronprinzen äußerte der aus Saudi-Arabien geflohene und in Deutschland lebende saudische Prinz Khaled bin Farhan unlängst in einem Interview mit dem Nachrichtenportal "Middle East Eye". Er sagte darin, dass der Kronprinz mit seinem Kurs viele Mächtige verprellt habe. "Da ist sehr viel Zorn in der Königsfamilie über die aktuelle Politik", so Bin Farhan. Viele einflussreiche Militärs und Angehörige des Sicherheitsapparats seien gegen den Reformkurs, ein Putsch werde immer wahrscheinlicher. "Die Situation ist wie ein Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch steht."

Quelle: n-tv.de

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