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Medien-Erdrutsch "Panama Papers" Was die Enthüllungen zeigen - und was nicht

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(Foto: imago/STPP)

400 Journalisten, 2,6 Terabyte, 214.000 Offshore-Firmen - die "Panama Papers" scheinen die Enthüllung der Superlative zu sein. Doch was beweist die Geschichte? Bisher dokumentiert sie Vorgänge, die moralisch zweifelhaft sind. Bewiesen ist allerdings noch gar nichts.

"Bundesverdienstkreuzträger, Bordellkönige, Spitzenmanager – die Deutschen in den Panama Papers" lautete die Überschrift eines Artikels, von dem man erwarten könnte, dass er große deutsche Namen in Zusammenhang mit Steuerhinterziehung in Mittelamerika nennt. Doch er nennt vor allem die Anekdote eines Milliardärs, der irgendwann sein eigenes Geflecht aus Briefkastenfirmen nicht mehr verstand. Am Ende heißt es, es lasse sich nicht klären, ob die Deutschen in den "Panama Papers" das Finanzamt betrogen haben. Ja, Personen, die von der "Süddeutschen Zeitung" darauf angesprochen wurden, hätten sogar belegen können, dass alles legal sei. Personen des öffentlichen Lebens waren ohnehin nicht dabei. Politiker, Prominente, Nachweise illegaler Machenschaften? Nein.

Die "Panama Papers" sind in aller Munde. Die Enthüllungen über Briefkastenfirmen fühlen sich medial an wie ein Erdrutsch, wie eine der größten Leistungen des investigativen Journalismus, so als ob die bösen Mächtigen dieser Welt nun endlich überführt werden. Welche Konsequenzen könnten die Enthüllungen haben? Was wissen wir nach zwei Tagen – und was wissen wir nicht?

Bisher keine Straftaten belegt

Was wir wissen und was in aller Deutlichkeit kommuniziert wurde, das waren vor allem Zahlen: 400 Journalisten von 100 Medien arbeiten ein ganzes Jahr an 2,6 Terabyte (2600 Gigabyte) Daten, in denen auf 11,5 Millionen Dokumenten von 214.000 Offshore-Firmen die Rede ist. Das klingt nach einer ziemlich großen Sache. Das könnte sie auch werden, wenn diese Daten am Ende dokumentieren, dass reiche Menschen, prominente Menschen und mächtige Menschen tatsächlich Straftaten begangen haben. Wenn.

Denn bisher geht es um Verdächtigungen. Eine Briefkastenfirma zu gründen und im Ausland weniger Steuern zu bezahlen ist moralisch vielleicht nicht lupenrein, aber verboten ist es nicht. Die "Panama Papers" zeigen eindrucksvoll, wie viele Menschen versuchen, ihr Vermögen und ihr Einkommen zu optimieren – wie es so schön heißt. Was sie bisher nicht in einem Fall zeigen, sind illegale Aktivitäten. Zwar haben die Behörden in zahlreichen Ländern Untersuchungen angekündigt - inzwischen auch die deutsche Bankenaufsicht Bafin. Ob das am Ende irgendwelche Konsequenzen haben wird, ist völlig ungewiss.

Putin als Strippenzieher

Diesbezüglich erinnern die "Panama Papers" an frühere Leaks, die sich mit verdächtigen Finanzströmen befasst haben. Vor den nun veröffentlichten Daten waren das die sogenannten Offshore Leaks, die damals ebenfalls von der "Süddeutschen Zeitung" und den Kollegen des Internationalen Konsortiums für Investigativen Journalismus (ICIJ) bearbeitet wurden. Auch damals gab es einen prominenten Namen in den Daten: den des einstigen Jetsetters Gunter Sachs. Er war damals auch häufig der Aufhänger in der Berichterstattung. Und was kam Ende dabei heraus? Spätere Ermittlungen ergaben, dass es keine Unregelmäßigkeiten gab.

Doch es sind Namen, die diese Dokumente faszinierend machen. Prominente Namen, die Begriffe "Briefkastenfirma" oder besser noch "Offshore" und das ganze geografisch exotisch verortet, Panama – daran muss doch etwas faul sein. Das Konterfei Wladimir Putins macht das verdächtige Bild perfekt. Auch wenn sein Name, wie die SZ selbst schreibt, gar nicht vorkommt. Dafür finden die Journalisten den Namen eines alten Weggefährten, der aber nicht so bekannt ist. Doch Putin steht in der Mitte der Illustration, wie der böse Schattenmann im Hintergrund. Das passt momentan zum Zeitgeist.

Quellenlage: einseitig

Völlig unklar ist die Quelle, auf die sich die Enthüllungen stützen. Soweit die SZ es darstellt, handelt es sich dabei um eine Einzelperson, die bisher völlig anonym geblieben ist und die Daten aus einem nicht lückenlos nachvollziehbaren Motiv übermittelt hat. Wollte sie damit vielleicht jemandem schaden? Eine Einzelquelle, anonym, unklar, warum sie das tut, vor Veröffentlichung wird keine Gegenseite gehört – in weniger spektakulären journalistischen Szenarien könnte man auch von einer einseitigen Geschichte sprechen.

Völlig unklar ist auch, woher das Geld gekommen ist, was damit geschehen ist und wohin es gehen könnte oder wird. Zur Erinnerung: Es geht um 11,5 Millionen Dokumente reicher Menschen. Dass in diesem Ungetüm von Papieren die Namen reicher und prominenter Leute auftauchen, ist fast vorhersehbar. Vor allem, wenn es um Personen geht, die einschlägig vorbelastet sind: Gegen Lionel Messi läuft seit Oktober 2015 ein Gerichtsverfahren wegen Steuerhinterziehung.

Brisant sind andere Namen. Der des isländischen Premierministers Sigmundur Gunnlaugssson etwa. In Reykjavik gehen die Isländer auf die Straße und fordern lauthals seinen Rücktritt. Denn Island stand 2008 vor dem Bankrott und da passt ein Premier mit inzwischen seiner Frau überlassenen Briefkastenfirmen nicht ins Bild, vor allem nicht einer, der populär wurde, weil er sich nach der Krise zur heimischen Wirtschaft bekannte. Aber: Bewiesen ist auch in seinem Fall durch die "Panama Papers" (noch) nichts.

Wo beginnt das Marketing?

Gleiches gilt für den Cousin Baschar al-Assads, für das saudische Königshaus, chinesische Parteikader, den ukrainischen Präsidenten Poroschenko, afrikanische Politiker – dass sie korrupt sein könnten, haben wir alle vermutet. Es wäre nur schön, einen Beweis für illegale Machenschaften zu haben. Den könnten die "Panama Papers" liefern. Aber getan haben sie das noch nicht.

Am Ende eines weiteren Nachrichtentages im Zeichen der "Panama Papers" lohnt es sich, von der ganzen Geschichte ein wenig Abstand zu nehmen und darüber nachzudenken, dass auch die SZ ein Eigeninteresse hat. Man muss sich vor der journalistischen Leistung verneigen, einen solchen Datensatz aufzubereiten. Doch es lohnt sich durchaus zu hinterfragen, wo diese journalistische Leistung aufgrund fehlender belegbarer Fakten aufhört und wo das Marketing anfängt.

Denn pünktlich zur Veröffentlichung der "Panama Papers" erscheint das passende Buch zur Enthüllung, das der Verlag Kiepenheuer und Witsch wie einen Polit-Thriller anpreist. Der Branchendienst "Meedia" schreibt dazu: "Mit den öden, möglicherweise illegalen Konto-Hin- und Herschiebungen lässt sich erzählerisch halt eher wenig anfangen. 'Solche Daten sind das Gold des Journalismus', schreibt die SZ an einer Stelle über die 'Panama Papers'. Das trifft zu. Vor allem für die Medien selbst."

Quelle: n-tv.de

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