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Aufklärung des Boston-Attentats Was trieb die Brüder Zarnajew an?

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Die mutmaßlichen Bombenleger von Boston. Amerika rätselt, was die beiden Brüder, Tamerlan (links) und Dschochar Zarnajew zu ihrer Tat trieb.

(Foto: AP)

Nach fünf Tagen Ausnahmezustand kehrt in Boston langsam der Alltag zurück: Der flüchtige Terrorverdächtige ist gestellt, sein mutmaßlicher Komplize tot. Über das Motiv wird weiter gerätselt. Dschochar Zarnajew liegt schwer verletzt im Krankenhaus und kann nicht reden.

Nach fünf Tagen Ausnahmezustand kehrt in Boston langsam der Alltag zurück. In einem dramatischen Großeinsatz hatte die Polizei am Freitagabend (Ortszeit) den mutmaßlichen zweiten Bombenleger von Boston aufgespürt und überwältigt. Nun bereiten die Behörden die Anklage vor und hoffen auf eine rasche Vernehmung. Der 19-jährige Dschochar Zarnajew und sein bei einem Schusswechsel mit der Polizei ums Leben gekommene 26-jähriger Bruder Tamerlan werden verdächtigt, den Bombenanschlag auf den Boston-Marathon verübt zu haben, bei dem am vergangenen Montag drei Menschen getötet und 176 weitere zum Teil schwer verletzt wurden.

Der in der Nacht zum Samstag nach einem beispiellosen Großeinsatz in einem Vorort von Boston festgenommene Dschochar Zarnajew liegt schwer verletzt im Krankenhaus und konnte bislang nicht vernommen werden. Bei einer Schießerei mit der Polizei war er in den Hals getroffen und an der Zunge verletzt worden, wie eine mit den Ermittlungen vertraute Person sagte. Es sei unklar, wann er wieder sprechen könne.

Eine Million Fragen

"Wir haben eine Million Fragen, und diese Fragen müssen beantwortet werden", sagte der Gouverneur des US-Bundesstaates Massachusetts, Deval Patrick. Die Bundespolizei FBI geht davon aus, dass der ältere Zarnajew-Bruder die führende Kraft der beiden war. Ermittlerkreisen zufolge wird allerdings noch untersucht, ob weitere Personen in das Attentat verwickelt sind. Nach ersten Indizien ist allerdings davon auszugehen, dass die zwei keine Komplizen hatten, wie der örtliche Polizeichef Edward Deveau dem Fernsehsender CNN sagte.

Wann gegen den 19-Jährigen Anklage erhoben wird, ist noch unklar.  US-Medienberichten zufolge bereitete das US-Justizministerium eine Anklage wegen Terrorismus vor. Außerdem könnte der junge Mann vom Bundesstaat Massachusetts wegen Mordes angeklagt werden. Die Anklageerhebung könnte eingeleitet werden, noch bevor Zarnajew aus dem Krankenhaus entlassen wird. Den Angaben zufolge befinden sich Staatsanwälte in der Klinik im Bostoner  Vorort Cambridge, in dem der Verdächtige behandelt wird.

Überprüfung blieb ergebnislos

Im Dunkeln liegen bislang die Beweggründe für das Attentat. Sicherheitskreise schließen einen islamistischen Hintergrund nicht aus. Das FBI hatte Tamerlan bereits 2011 als "radikalen Islamisten" im Visier - ohne Hinweise auf terroristische Aktivitäten zu finden. Damals wurde Zarnajew auf Wunsch einer ausländischen Regierung überprüft, wie die Bundespolizei mitteilte. Das Ersuchen habe sich auf Informationen gestützt, wonach Tamerlan sich von 2010 an drastisch verändert habe. Er habe Vorbereitungen getroffen, die USA zu verlassen, um sich nicht näher beschriebenen Untergrundgruppen in besagtem Land anzuschließen, hieß es. Das FBI überprüfte ihn damals, sprach auch mit ihm selbst und Familienangehörigen.

Deveau gab zugleich Details zur Festnahme bekannt. Der 19-Jährige habe nach langer Verfolgung letztlich aufgegeben. "Schließlich tat er, was wir ihm befohlen hatten, stand auf und hob sein Hemd hoch", sagte Deveau in einem Interview des TV-Senders CNN. Die Polizei wollte so sehen, ob der Verdächtige Sprengstoff bei sich trug. Deveau sprach von "20 Minuten Verhandlungen" mit dem Schwerverletzten. Er räumte allerdings ein, dass Zarnajew dabei "nicht viel gesagt" habe. Er habe aber noch um sich geschossen.

Obama fordert lückenlose Aufklärung

US-Präsident Barack Obama lobte nach der Festnahme in einer kurzen Rede im Weißen Haus die Arbeit der Sicherheitsbehörden und kündigte lückenlose Aufklärung an. Bei dem Anschlag auf den Boston-Marathon waren am Montag drei Menschen getötet und 180 verletzt worden.

In Watertown strömten die Menschen auf die Straße, jubelten und applaudierten, als die Festnahme bekanntwurde. Die Bostoner Polizei twitterte um 20.58 Uhr Ortszeit (2.58 Uhr MESZ): "Die Jagd ist aus. Die Fahndung ist vorüber. Der Terror ist vorbei. Und Gerechtigkeit hat gesiegt. Verdächtiger in Haft."

In seinem Versteck war Dschochar Zarnajew von einem Hausbesitzer entdeckt worden. Nach Aufhebung der Ausgangssperre für ganz Boston war er in seinen Garten gegangen und hatte Blutspuren auf einer Bootsplane entdeckt. Außerdem war ein Sicherungsseil durchtrennt. Als er unter die Plane schaute, entdeckte er nach Polizeiangaben einen blutüberströmten Körper. Er habe dann den Notruf gewählt.

Massachusetts kennt keine Todesstrafe

Der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, sagte laut "Boston Globe", er hoffe stark, dass Zarnajew überlebe. "Ich habe viele Fragen an ihn." Nach Informationen des TV-Senders CNN ist der Gesundheitszustand des 19-Jährigen nach wie vor ernst. Er habe viel Blut verloren. Das Krankenhaus, in dem er liege, werde schwer bewacht. Weiter hieß es, die Polizei habe dem Festgenommenen bisher nicht seine Rechte vorgelesen. Dies sei aber in besonderen Fällen möglich. Welche Höchststrafe Dschochar droht, hängt davon ab, ob er nach Landes- oder Bundesrecht angeklagt wird: Massachusetts kennt keine Todesstrafe, die USA als Bundesstaat aber schon.

Die Brüder sind nach bisherigen Erkenntnissen tschetschenischer Herkunft, lebten aber mit ihren Familie bereits seit 2002 in den USA. Beide Söhne sind laut FBI in Kirgistan geboren. Dschochar sei inzwischen in den USA eingebürgert, Tamerlan habe eine ständige Aufenthaltserlaubnis gehabt. Bei den Ermittlungen wollen Russland und die USA eng zusammenarbeiten. Bislang allerdings habe Moskau noch keine wertvollen Hinweise liefern können, meldete die Agentur Interfax unter Berufung auf Sicherheitskreise.

Subeidat Zarnajewa, die sich als Mutter der beiden Männer ausgab, sagte dem englischsprachigen Staatsfernsehen Russia Today, ihr Sohn Tamerlan habe sich seit etwa fünf Jahren stark für den Islam interessiert. "Aber er hat nie gesagt, dass er den Weg des Dschihads einschlagen will."

Quelle: n-tv.de, dsi/rts/dpa

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