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Radikalisierung im Internet? Wenn Kinder Terroranschläge planen

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Auch Kinder können durch Internet-Propaganda des IS angelockt werden.

(Foto: imago/Reporters)

Ein 12-Jähriger wollte vermutlich Bombenanschläge in Deutschland verüben. Die Hintergründe des Plans sind noch offen. Terrorismusexperten sprechen aber von einer "gefährlichen Entwicklung", wenn nun auch Kinder vom IS angezogen werden.

Einen Tag nach Bekanntwerden des mutmaßlichen Anschlagsversuchs eines Zwölfjährigen in Ludwigshafen sind nach wie vor viele Fragen offen. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hatte am Freitag Ermittlungen wegen des Bombenfundes in der Stadt am Rhein bestätigt. Der in Ludwigshafen geborene Junge soll Kontakt zu radikalen Islamisten gehabt haben. Er selbst ist noch strafunmündig. Fraglich ist auch, wer genau ihn bei seiner angeblichen Tat antrieb.

Der Südwestrundfunk berichtete, der Junge sei über den Messengerdienst Telegram angeleitet worden, die Spur führe zum Islamischen Staat. Dazu äußerte sich die Bundesanwaltschaft bislang nicht. Der Junge soll zunächst am 26. November versucht haben, ein mit Sprengpulver gefülltes Glas auf dem Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen zu zünden. Später soll er es dann in einer Tasche in einem Gebüsch nahe dem Rathaus deponiert haben. Dort wurde es schließlich entdeckt. Wie gefährlich der Stoffmix genau war, ist ebenfalls unklar. Experten fanden heraus, dass das Material aus Feuerwerkskörpern und Wunderkerzen gewonnen wurde. Nach früheren Polizeiangaben war es brennbar, konnte aber nicht explodieren.

Fachleute reagierten auf das Alter des mutmaßlichen Täters wenig überrascht. "Es wäre nicht neu, dass Terrororganisationen versuchen, Kinder zu rekrutieren und zu instrumentalisieren", sagte der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, der "Passauer Neuen Presse". Für die Fahnder stelle sich das Problem, junge radikalisierte Täter zu erkennen. "Bei solch einem Jungen ist das ganz schwierig: Der sitzt in seinem Kinderzimmer vor dem Rechner und hat Kontakt mit den Islamisten", sagte der GdP-Vorsitzender Oliver Malchow. Deshalb müsse die Suche nach potenziellen Tätern im Internet intensiviert werden.

Noch keine Prävention für Kinder

Die Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam der Universität Frankfurt, Susanne Schröter, meint: "Kinder sind überhaupt noch nicht im Fokus von Präventionsmaßnahmen." Schon in der Grundschule müsste aus ihrer Sicht begonnen werden, Widerstandsfähigkeit gegen extremistische Ideologie aufzubauen. Der Zwölfjährige aus Ludwigshafen befindet sich nach Angaben von  Oberbürgermeisterin Eva Lohse an einem sicheren Ort, von ihm gehe keine Gefahr aus.

Das rheinland-pfälzische Innenministerium sieht derweil keine neue Sicherheitslage. In der Gesamtschau sei von einer "abstrakten Gefährdung von Weihnachtsmärkten in 2016 in Deutschland aus dem Bereich des islamistischen Terrorismus" auszugehen, teilte ein Sprecher mit.

Nach Einschätzung des Terrorismus-Experten Peter Neumann wirbt der "Islamische Staat" nicht gezielt Kinder an. "Aber Ansprache und Aufmachung - Videos, Parolen, Ideen von Macht und Stärke, immer geringere theologische Ansprüche - machen die Gruppe gerade auch für immer jüngere Rekruten zugänglich" sagte der Professor vom Londoner King's College der "Passauer Neuen Presse". Im Fall des Zwölfjährigen aus Ludwigshafen sieht Neumann eine "gefährliche Entwicklung".

Der IS verwende häufig auch Motive aus Computerspielen, die vor allem Teenager und Kinder attraktiv fänden, sagte Neumann. Gerade unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die orientierungslos seien, stünden in Gefahr, durch Islamisten inspiriert und radikalisiert zu werden, betonte der Terrorismus-Experte: "Nicht nur die Sicherheitsbehörden, auch die Schulen und Jugendämter sind mit diesem Phänomen noch überfordert."

Belgien hat zehn junge Verdächtige

Auch andere Länder haben mit Minderjährigen Terrorverdächtigen Probleme, etwa Belgien: Dort sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft rund zehn terrorverdächtige Minderjährige in geschlossenen Heimen untergebracht. Die Jugendlichen seien wie vermutlich der Zwölfjährige aus Ludwigshafen im Internet rekrutiert worden, um Anschläge zu verüben, sagte ein Sprecher den Zeitungen "Het Laatste Nieuws". Sie erhielten demnach beispielsweise Informationen darüber, wie man jemanden tötet oder eine Bombe baut. Konkrete Pläne für Anschläge wurden nach Angaben der Ermittler allerdings nicht entdeckt. Keiner der Minderjährigen, der in eine geschlossene Einrichtung eingewiesen wurde, stand demnach kurz davor, ein Attentat zu verüben.

Quelle: n-tv.de, sgu/dpa

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