Politik

Endlich wieder ein Präsident Wer, wenn nicht Gauck?

Seit Jahren kommen aus Schloss Bellevue kaum mehr Impulse. Köhler und Wulff blieben blass. Der eine schleicht sich beleidigt davon, der andere muss unter Zweifeln an seiner Integrität abdanken. Deutschland braucht jetzt wieder einen Präsidenten, der etwas zu sagen hat. Joachim Gauck ist ein Mann, der diese Erwartungen erfüllen kann.

Nun also Joachim Gauck. Im zweiten Anlauf wird der 72-Jährige die Zustimmung der Bundesversammlung erhalten, die Gegenkandidatin der Linken, Beate Klarsfeld, wird nicht mehr als eine Statistenrolle spielen. Als elfter Bundespräsident der Republik wird Gauck ins Schloss Bellevue einziehen. Endlich. Wird sich der nicht immer bescheidene Joachim Gauck vielleicht denken.

Endlich. Kann sich aber auch sein künftiges Staatsvolk denken. Denn endlich hat Deutschland wieder einen Präsidenten, der nicht durch Affären und staatsanwaltliche Ermittlungen auffällt. Endlich hat das Land wieder ein Staatsoberhaupt, das sich seinen Aufgaben widmen kann.

Auf Gauck lasten große Erwartungen

Denn in den vergangenen Jahren mussten die Deutschen ohne eine moralische und geistige Führungsfigur auskommen. Zwischen 2004 und 2010 residiert Horst Köhler in Bellevue. Der Ex-Sparkassenpräsident entpuppt sich dabei nach vielversprechendem Beginn als notorisch eingeschnappter Kleingeist. In Erinnerung bleibt von ihm einzig die Mahnungen, die "Monster" der Finanzmärkte zu zähmen - klug zwar, aber nicht eben viel für sechs Jahre Amtszeit.

Es folgt Wulff. Mit ihm zieht einer in das Amt ein, dem nicht nur in seiner Zeit als Ministerpräsident von Niedersachsen offenbar das nötige Augenmaß im Umgang mit Freunden fehlt, sondern als Bundespräsident auch jegliche Vision. Als Parteisoldat mit dem Präsidentenposten "belohnt", fehlt es ihm an Ecken, Kanten und Anstößen fast vollkommen.

"Aber die Integration", wird jetzt mancher rufen. Migrantenverbände halten wegen seiner Verdienste auf diesem Feld noch bis heute zu Wulff. Und tatsächlich liegen seine Meriten, wenn ihm überhaupt welche bleiben, hier. Doch was hat er da eigentlich schon bewirkt. Er hat am 20. Jahrestag der deutschen Einheit diesen einen Satz gesagt: "Der Islam gehört zu Deutschland." Nach einem halben Jahrhundert Anwerbeabkommen mit der Türkei und islamischer Migration nach Deutschland ist das eine Selbstverständlichkeit.

Nein, das waren alles keine großen Würfe, das waren keine großen Männer. Und nun also Gauck. Von dem schwarz-gelb-rot-grünen Konsenskandidaten wird nicht weniger erwartet, als dass er dem Präsidentenamt seine Würde zurückgibt, dass er wieder als ein Staatsoberhaupt auffällt, das mahnt, das eine Biografie mitbringt und in der Lage ist, das Volk wieder intellektuell anzuführen. Eine Menge Holz. Aber wer soll das in der derzeitigen Lage und beim zur Verfügung stehenden Personal leisten, wenn nicht Gauck?

Sein Mantra lautet: Freiheit

BildGauckErinnerungen-001.jpg

Joachim Gauck wächst ohne Vater auf.

(Foto: privat)

Der Ostdeutsche wird 1940 in Rostock geboren und wächst im Fischland an der Ostsee auf. Von den Gräueln des Zweiten Weltkriegs bleibt diese Gegend weitgehend verschont, doch Gauck muss schon als kleiner Junge erfahren, was Krieg bedeutet. Erst 1946 kommt sein Vater aus britischer Kriegsgefangenschaft nach hause, wenige Jahre später wird er ins Gulag verschleppt.

Nach dem Krieg reift in Gauck der Gedanke: "Der Sozialismus in der DDR ist ein Unrechtssystem." Als er das erkennt, ist er noch nicht einmal in der Pubertät. Fortan fällt Gauck aus der Rolle. Er schließt sich nicht den Jungen Pionieren an, nicht der Freien Deutschen Jugend. Er will Journalist werden. Doch mit dieser Vorgeschichte bleibt ihm das versagt.

Gauck studiert Theologie. Nicht eben ein Karrierefach in der DDR. Nach seinem Abschluss baut er in einem Rostocker Neubaugebiet eine Kirchengemeinde auf. Viele junge Menschen fühlen sich angezogen, die Staatssicherheit wird misstrauisch, Gaucks Tun argwöhnisch unter dem operativen Vorgang "Larve" überwacht. Er selbst und seine Mitstreiter erhalten unmoralische Angebote der Spitzelbehörde. Gauck schlägt sie aus.

Als in der maroden DDR der Widerstand wächst und sich die Menschen gegen die SED-Herrschaft wenden, kämpft Joachim Gauck an der Front. Er wird Mitbegründer und Sprecher des Neuen Forums in Rostock, führt Demonstrationen an, fordert in Predigten in der Rostocker Marienkirche das, was zu seinem Mantra werden wird: Freiheit.

Eine Botschaft, die herausfordert

BildGauckErinnerungen-026.jpg

Gauck in den Tagen des Aufbruchs als Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen.

(Foto: privat)

Die Revolution gelingt. In der DDR wird gewählt, Gauck Mitglied der Volkskammer. Noch zu Lebzeiten des ostdeutschen Staates wird er Beauftragter für die Stasi-Unterlagen, nach der Wiedervereinigung bestätigt ihn die Bundesregierung in dieser Funktion. Und in dieser eckt Gauck weiter an.

Nach der Wende wollen viele gerne vergessen - und vergessen machen. Als Hüter der Akten lehnt er sich immer wieder dagegen auf. "Die Akten einer Diktatur sind die beste Apotheke gegen Nostalgie", sagt er einmal. Keiner soll die DDR-Vergangenheit verklären, kein Opfer der Willkürherrschaft soll seinen einstigen Peinigern ohne Waffen gegenüber stehen. Gauck kämpft eine Schlacht, die ihm auch viele neue Feinde einbringt.

Im Jahr 2000 gibt er nach zehn Jahren die Leitung der Behörde ab. Ruhig wird es um Gauck deswegen nicht. Gauck bleibt aktiv. Und er bleibt politisch. Als Vortragsreisender und Autor erhebt er immer wieder die Stimme, seine Botschaft lautet Freiheit. Aber auch die Verpflichtung der Menschen, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Eine Forderung, die nicht immer leicht umzusetzen ist.

Nach Nominierung schauen Kritiker genauer hin

Trotzdem verfängt seine Botschaft. Gauck kommt an: "Ich habe oft erlebt, wie leicht es ihm fällt, die Leute für sich zu begeistern, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihnen das Gefühl zu geben, dass man auf Augenhöhe miteinander diskutiert", sagt n-tv.de einer, der es wissen muss: sein Biograf Norbert Lobers. "Gauck ist an den Lebensgeschichten und Erfahrungen anderer Menschen interessiert. Das hat ihm immer viele Sympathien eingebracht."

Doch Gauck macht sich nicht nur Freunde. Kaum ist er Kandidat, wühlen seine Gegner im Archiv. Es tauchen Äußerungen auf, die ihn diskreditieren. Thilo Sarrazin nennt er "mutig", Occupy "unsäglich albern", von Hartz-IV-Empfängern fordert er mehr Einsatz.

Das ist viel Stoff für aufgeregte Kritik. Es fällt auf: Fast immer, wenn die genannten Aussagen zitiert werden, fehlt ein weiterer Zusammenhang. Wann und wo hat Gauck das gesagt, wie hat er das gemeint? Wer sich die Mühe macht, genauer nachzulesen, der erkennt: Ja, Gauck nennt Sarrazin "mutig". Dafür, dass er das Problem der in manchen Fällen misslungenen Integration offen anspricht. Von dessen biologistischen Thesen distanziert er sich.

Und, ja, die Occupy-Bewegung nennt er "unsäglich albern". Er erklärt aber auch, was er damit meint. Denn der Traum der Demonstranten, dass es eine Welt ohne die Bindung an Märkte geben könnte, sei unrealistisch und eine "romantische Vorstellung". Ein nicht ganz unvernünftiger Gedanke. Dass Gauck damit nicht eine ganze Jugendbewegung abwerten will, glaubt auch Biograf Robers nicht: "Ich bin davon überzeugt, dass Joachim Gauck auch der Occupy-Bewegung viel Positives abgewinnen kann. Die Anhänger kämpfen und debattieren für ihre Überzeugungen - was sollte er dagegen einzuwenden haben?"

Richtig ist auch, dass Gauck will, dass Hartz-IV-Empfänger versuchen, sich selbst aus ihrer Lage zu befreien. Denn: "Es schwächt die Schwachen, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten", erläutert er. Das ist nicht die Sprache eines Sozialdarwinisten, sondern die eines Mannes, der niemanden zurücklassen will.

Jetzt ist Mut gefragt

Selbst wenn sich Beobachter an all diesen Ansichten stören - endlich haben sie wieder etwas, an dem sie sich reiben können. Dennoch: Gauck wird sich als Präsident noch an einen neuen Ton gewöhnen müssen. Er wird merken, dass alles, was er sagt, drei Mal verkürzt wird. Und er wird sich daran gewöhnen müssen, dass ihm dabei eben nicht immer alle Gutes wollen. Auch der nach Köhler und Wulff zunächst als Hoffnungsträger hofierte Präsident wird Kritik einstecken müssen.

Da verlässt einen schnell der Mut, offen zu sprechen und Anstöße zu geben. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" im Jahr 2010 hat Gauck einmal gesagt: Politiker machten es oft falsch aus Furcht. "Sie fürchten sich vor der Wahrheit und glauben, dass die Bevölkerung die Wahrheit nicht erträgt. Sie wollen nicht reaktionär wirken - dann sprechen sie das Thema nicht mehr an." Andere sprächen oft deutliche Worte und würden dann plötzlich auch verstanden. Man kann davon ausgehen, dass Gauck diesen Gedanken beherzigen wird.

Quelle: n-tv.de