Kämpfen, essen, ruhen im Wald Wie die Bundeswehr im Baltikum Feindkontakt übt
Von Frauke Niemeyer, Litauen
Erstmals ist die Bundeswehr-Brigade "Litauen" für eine große Gefechtsübung im Baltikum. Die Kasernen sind noch im Bau, aber in den Wäldern testeten die Deutschen schon den Ernstfall - mit Gefahren, die sie so aus Deutschland nicht kennen.
Platzangst darf man nicht haben im Schützenpanzer Puma. Sein Innenleben ist eng und dunkel. Der Fahrer erreicht seinen Platz vorn nur kriechend. Wenn er das Kettenfahrzeug über schweres Gelände brettern lässt, können hinten sechs Soldaten in Hängekojen kauern - tiefen Stoffsitzen, an der Decke aufgehängt. Das schützt gegen Erschütterung und ist in Litauen ungemein von Vorteil. Die Landschaft, in der seit Anfang Juni 2400 deutsche Soldaten üben, wie man das Baltikum gegen Putins Armee verteidigt, ist wellig, waldig, sandig, sumpfig und weitgehend sich selbst überlassen.
Truppenübungsplatz Pabrade, keine zehn Kilometer entfernt von der Grenze nach Belarus, es empfiehlt sich wirksamer Mückenschutz. Außerhalb der Gefechtsübungen trifft man auch mal auf deutsche Soldaten mit Netzen vorm Helm, die sie ein wenig wirken lassen wie getarnte Imker.
So banal das klingen mag: Aber zum Ziel dieser ersten großen Gefechtsübung "Freedom Shield 2026" der Brigade 45 für Litauen gehört letztlich auch, sich mit den hiesigen Mückengeschwadern vertraut zu machen. Und mit allen anderen Einsatzbedingungen, die man so nicht vorfindet und auch nicht nachahmen kann in Oberviechtach in Bayern oder im nordrhein-westfälischen Augustdorf, wo die beiden Panzerbataillone noch beheimatet sind, die jetzt sechs Wochen lang durch die litauische Landschaft pflügen.
Dafür haben sie alles mitgebracht - per Fähre und über Land: Kampfpanzer Leopard 2, Schützenpanzer Puma, Bergepanzer Büffel, Brückenlegepanzer Biber - insgesamt 800 Fahrzeuge, 350 Drohnen verschiedener Größe und Funktion sowie Hubschrauber, etliche Containerladungen voll Gerät. Ein ungeheurer Aufwand für ein anspruchsvolles Ziel, welches lautet: Train as you fight - Trainiere so, wie du im Ernstfall kämpfst.
"Das Gelände hier draußen beansprucht uns ganz enorm", sagt Hauptmann Christopher, Panzeroffizier. "Wenn auf der Sandpiste durch den Kiefernwald zweimal eine Panzerkompanie durchrauscht, dann ist die für ein normales Auto nicht mehr befahrbar." Die Spuren sind dann manchmal hüfttief.
Wenn ein Fahrzeug im Kampf liegenbleibt, rückt die Gefechtsschadensinstandsetzung im gepanzerten Werkstattauto an und versucht, den Panzer im Gefecht wieder flottzumachen. Wenn kein Gerät ausfällt, dann wird "eine Lage eingespielt" - etwa ein Kettentreffer simuliert. Die Instandsetzer sollen schließlich auch üben.
Der Sandboden reibt die Panzerketten ab wie Schmirgelpapier. "Die Ketten sind durch diese Abnutzung immer blitzblank. Nach ein paar Wochen ist ein Millimeter runter", erklärt Hauptmann Philipp, der bei "Freedom Shield" die Instandsetzungsstaffel führt. In der Nähe des Truppenübungsplatzes hat man ein Betonwerk angemietet, dort in die Halle kommen die Panzer zur Reparatur.
Das alles ist nur temporär, denn noch befindet sich die Panzerbrigade 45 "Litauen" im Aufbau, die ab 2027 dort an der Grenze zu Belarus dauerhaft stationiert sein soll. Das Panzerbataillon aus Augustdorf und das Panzergrenadierbataillon aus Oberviechtach sind ihr unterstellt. Die Soldatinnen und Soldaten dieser beiden Bataillone sollen möglichst vollzählig und dauerhaft im kommenden Jahr nach Litauen verlegt werden. Gezwungen wird niemand, so der Plan bislang. Wer Deutschland nicht verlassen will, soll es auch nicht müssen.
Diejenigen, die jetzt hier üben, haben sich bereits für Litauen entschieden. "Aus Treue zur Truppe", ruft ein Panzerkommandant im Vorbeilaufen und lacht. Die Mittagspause ist gleich vorbei, dann wird aufgesessen zur zweiten Runde.
Seit zwei Tagen sind die Panzertruppen bereits im Wald und bleiben noch drei. Kämpfen, essen, schlafen im Wald. "Ruhen", verbessert Hauptfeldwebel Philipp, Zugführer der Panzergrenadiere. Wie man eben so ruht, mit Isomatte auf Wurzeln und Gestrüpp, über sich eine Plane als Zeltdach an Bäumen oder am Puma festgeklemmt. Der Dienst ist durchgehend. Und wenn die Einheit ihre Panzer nicht ordentlich getarnt hat, dann blüht den Ruhenden des Nachts auch mal ein Fake-Drohnenangriff des Gegners.
"Diese ständige Drohnengefahr verändert unser Gefechtsfeld", sagt Philipp. "Das macht es wichtiger als je zuvor, unsere eigenen Konturen zu verwischen." In Litauen ist das Tarnen womöglich überlebenswichtig. Denn die lichten Kiefernwälder bieten kaum Abschirmung nach oben, im Sand sind frische Spuren sehr gut sichtbar. Zugleich muss man sich in der Stellung nicht mehr nur vor den Kameras der Satelliten und Aufklärungsflugzeuge tarnen, sondern auch vor Drohnen, die 30 Meter über dem Boden fliegen. Abgeklebte Lampen, Tarnnetze, Jutesäcke und Rasenmatten kommen auf und an den Panzern zum Einsatz.
Fünf Tage lang im Dauereinsatz, 24 Stunden am Tag - das ist mit deutschem Arbeitsrecht, das für Soldatinnen und Soldaten gilt, nicht ohne weiteres vereinbar. Doch der Anspruch "Train as you fight" gilt auch dabei. Man benutzt jede Ausnahmeregelung, die sich anbietet, die Übung soll zu echten Bedingungen ablaufen. Denn wenn jemals russische Kämpfer litauisches Gebiet überfallen sollten, dann wird Brigade 45 diejenige sein, die sie aufhält. 24 Stunden am Tag.
Litauisches Militär hat die begründete Befürchtung, im Ernstfall stünden die Russen binnen weniger Tage an der Ostsee, das Baltikum wäre dann abgeschnitten. Denn die Balten sind nur über eine schmale Landenge mit Polen und dem Rest der Nato verbunden, die begrenzt wird von Belarus und dem russischen Kaliningrad - der sogenannte Suwalki-Korridor. Dass die Russen diese Verbindung schließen, ist die größte Sorge in Litauen aber nicht nur dort. Das Szenario ist auch ein Schwerpunkt der Nato-Verteidigungsplanungen an der Ostflanke des Bündnisses.
Das waldige Gelände hier im Osten Litauens, in Grenznähe, wäre für den Gegner ebenso anspruchsvoll wie für die eigene Truppe. Entsprechend kann kann man es für die Verteidigung vorbereiten: Sperren bauen, Betonwürfel aufstellen, Stacheldraht spannen oder Stahlträger zusammenschweißen. Die Pioniere, die Bauarbeiter des Heeres, üben selbst Minen auszulegen, Gräben auszuheben. Etliche Panzersperren durchziehen das Gebiet bereits. Gesprengte Bäume sperren Durchfahrten. "Wenn die Wege unpassierbar sind, muss der Feind durch den Sumpf, um vorwärtszukommen", sagt Philipp.
Der Sumpf und der Wald. Die haben es in sich. Natürlich ist das Übungsgebiet komplett erschlossen und jede Panzerbesatzung sieht auf ihrer digitalen Karte im Fahrzeug, wie das Gelände beschaffen ist. Aber wo Totholz querliegt und morsche Äste unter der Krone hängen, das zeigt die Karte nicht. Das Feldlager, in dem die Deutschen am Wochenende ausruhen, ist nach Adrian Rohn benannt. Den Oberstabsgefreiten traf im Jahr 2018 ein fallender Ast auf den Kopf, als er aus der Luke seines Bergepanzers herausschaute. Er starb im Krankenhaus.
Ein gutes Jahr ist es erst her, da hat die US-Armee an die unberechenbare Natur eine ganze Panzerbesatzung verloren. Nach einem taktischen Training im Waldgebiet kam der Panzer nicht zurück zur Kaserne. Hunderte Soldaten und Rettungskräfte suchten drei Tage lang. Schließlich ortete man das tonnenschwere Kettenfahrzeug fünf Meter tief unter der Grasnarbe, versunken in einem Sumpf. Um ihn herauszuholen, pumpte man Wasser und Schlamm ab, über Tage. Die vier Soldaten wurden tot geborgen.
Doch ist es nicht nur die Natur, die den deutschen Soldaten in Litauen anders begegnet, als sie es aus Deutschland gewohnt sind. Es sind auch die Menschen, für die es selbstverständlich ist, wenn sich die Armee mit schwerem Gerät auf der Straße bewegt. Neuerdings lernen litauische Kinder in der Schule, mit Drohnen umzugehen. Ende Mai löste Litauen für die Hauptstadt Luftalarm aus, wegen Drohnengefahr. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, in Keller und ausgewiesene Schutzräume zu gehen. Die Übung der Bundeswehr wird von einer deutschen Drohneneinheit geschützt, die den Grenzbereich nach Belarus absichert, 24 Stunden am Tag. In Litauen spürt man die Nähe des Gegners - auch das macht "Freedom Shield" so wirklichkeitsnah.