Politik

Beauty-Talk bei "Hart aber fair" Wie gefährlich ist der Schönheitswahn?

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Plasbergs Gäste, von links nach rechts: Werner Mang, Harald Glööckler, Natascha Ochsenknecht, Karl Lauterbach, Louisa Dellert.

Fast eine Million Schönheitsoperationen wurden im vergangenen Jahr in Deutschland durchgeführt: Neuer Rekord und ein Anstieg um 30 Prozent zu 2017. Wo soll die Selbstoptimierung noch hinführen?

Hand aufs Herz: Würden Sie sich von Karl Lauterbach eine neue Nase machen lassen? Wahrscheinlich eher nicht, schließlich hat der Politiker in seinem Leben noch keine einzige Schönheitsoperation durchgeführt - und dürfte mit seiner Bewerbung um den SPD-Vorsitz ohnehin gerade genug um die Ohren haben. Trotzdem könnte sich Lauterbach als approbierter Arzt Schönheitschirurg nennen und entsprechende Operationen durchführen, wenn er das wollte - geschützt ist der Begriff nämlich nicht. Das wirft ein ziemlich beunruhigendes Licht auf eine "Hart aber fair"-Sendung, deren Thema sich nach den Klimadebatten der vergangenen Wochen auf den ersten Blick ziemlich banal liest: "Neue Nase, neues Leben - wie gefährlich ist der Boom bei Schönheits-Operationen?"

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Ganz offensichtlich ein großer Fan von Schönheits-OPs: Harald Glööckler.

Die blanken Zahlen zeigen allerdings, dass Schönheitsoperationen alles andere als ein Nischenthema sind: Alleine im vergangenen Jahr wurden sage und schreibe 920.000 Eingriffe durchgeführt, satte 30 Prozent mehr als noch 2017. Und weil die Tendenz weiter steigt, hat Moderator Frank Plasberg am Montag neben dem SPD-Gesundheitsexperten Lauterbach den Schönheitschirurgen Werner Mang, Modedesigner Harald Glööckler, die Influencerin Louisa Dellert und das Ex-Model Natascha Ochsenknecht ins Studio geladen, um über Sinn und Unsinn von Schönheits-OPs zu diskutieren.

Glööckler kennt das Altern nicht

"Heute arbeiten die Mädels schon mit 20 auf ihre erste Depression hin, […] jeder will perfekt sein", sagt Ochsenknecht. Die Reality-TV-Darstellerin hält eine Lobrede auf Natürlichkeit und das wichtige Gefühl, sich wohl im eigenen Körper zu fühlen - die aber nicht unwesentlich durch den Fakt geschmälert wird, dass sie vor ein paar Jahren selbst Botox "ausprobiert" hat. Mittlerweile ist Ochsenknecht zu Vampirlifting-Behandlungen übergegangen, bei denen zentrifugiertes Eigenblut und Hyaluronsäure unter die Haut gespritzt wird. Die Fotos, die dazu eingeblendet werden sehen aus, als wären sie im Schlachthaus entstanden.

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Hat dem Schönheitswahn den Kampf angesagt: Louisa Dellert.

Neben der 55-jährigen Ochsenknecht sitzt mit Harald Glööckler noch jemand bei Plasberg, dessen Angst vor dem Älterwerden quasi durch den Bildschirm spürbar wird. Dabei ist die Geschichte des Modedesigners, der unter einem gewalttätigen Vater litt und sich durch seine Andersartigkeit von ihm abgrenzen wollte, eine tragische und durchaus nachvollziehbar. Dass sich Glööcklers Abspaltung allerdings mit der Zeit verselbständigt zu haben scheint, verrät die Reaktion des 54-Jährigen auf Plasbergs Frage, ob er Angst vor dem Altern habe: "Das Altern ist mir nicht bekannt. Das gibt es bei uns nicht. Ich weiß nicht, wie sich das anfühlt", sagt Glööckler mehr als nur eine Spur zu laut. Glücklich klingt das ganz und gar nicht.

Neben Ochsenknecht und Glööckler wirkt Louisa Dellert dagegen wie die Authentizität in Person. Dabei gehört es ja im Grunde genommen zur Jobbeschreibung einer Influencerin, eine Seifenblasenwelt um die eigene Person aufzubauen. Ein selbstzerstörerisches Rennen, bei dem Dellert so lange mitmachte, bis sie sich im Selbstoptimierungswahn auf 46 Kilo heruntergehungert hatte und fast einem Herzleiden erlag. "Ich habe dann festgestellt: Hey, ich hätte mit meinem Sixpack auch draufgehen können, da hätte ich dann auch nichts mehr davon gehabt." Seitdem hat die Influencerin dem üblichen Schönheitswahn den Kampf angesagt und versorgt ihre 360.000 Follower mit Themen wie Body Positivity und wirklich gesunder Ernährung, nur: "Inzwischen verdiene ich nicht mal halb so viel Geld wie damals."

"Wir optimieren die Jugend"

Vor allem junge Menschen jagen immer mehr einem gefährlichen Schönheitswahn hinterher. Werner Mang weiß genau, wovon die Rede ist: "Heute kommen zu uns schon 14-jährige Mädels, die mit einem Instagram-Bild vorbeikommen, das zeigt, wie sie aussehen wollen." Deutschlands bekanntester Schönheitschirurg spricht sich gegen Eingriffe an Jugendlichen aus, genau wie der eingangs erwähnte Lauterbach: "Wir optimieren die Jugend zu Tode. […] Bei Kindern sollte das schlicht und ergreifend verboten werden, und dafür hätten wir auch die Mittel. […] Leider wird das Thema nicht ernst genommen, sondern als Randproblem betrachtet, was es aber nicht ist."

Spätestens nach dieser Diskussion wissen das auch die Zuschauer von "Hart aber fair". Und aus deren Reihen kommt dann auch das schönste und zugleich traurigste Zitat des Abends: "Schönheits-OPs sind das Fieberthermometer unserer an Narzissmus erkrankten Fassaden-Gesellschaft." Ein Wort zum Sonntag, und das schon am Montag.

Quelle: ntv.de