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Plagiatsexperte Rieble "Wie kann man nur so blöd sein?"

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Sollte Guttenberg die Passagen seiner Arbeit wirklich kopiert haben, könnte er seinen Doktor-Titel verlieren.

(Foto: picture alliance / dpa)

Verteidigungsminister Guttenberg soll ganze Passagen seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben. "Die Vorwürfe wiegen schwer", sagt Plagiatsexperte Volker Rieble von der Uni München im Interview mit n-tv.de. "Es ist schon beeindruckend, wie hier Texte wortwörtlich übernommen worden sind." Guttenberg drohe nun die Aberkennung seines Doktortitels, erklärt der Autor des Buchs "Das Wissenschaftsplagiat". "Das ist bei einer Dissertation, also einer Prüfungsleistung, letztlich eine Täuschung. Es wird eine Leistung vorgespielt, die so nicht erbracht worden ist."

n-tv.de: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wird vorgeworfen, bei seiner Doktorarbeit getäuscht zu haben. Er soll ganze Passagen von anderen Autoren wortwörtlich übernommen haben, ohne die Quellen zu nennen. Wie schwer wiegt der Plagiatsvorwurf bei Guttenberg?

Volker Rieble: Die Vorwürfe wiegen schwer, weil es nicht nur punktuell um zwei oder drei Sätze geht, sondern um ganze Abschnitte. Wenn das stimmt, ist seitenweise abgeschrieben worden. Das ist bei einer Dissertation, also einer Prüfungsleistung, letztlich eine Täuschung. Es wird eine Leistung vorgespielt, die so nicht erbracht worden ist.

Könnte es sich bei einer so umfassenden Arbeit nicht auch um ein Versehen handeln? Dass also Guttenberg vergessen hat, die entsprechenden Passagen zu kennzeichnen oder im Durcheinander seiner Notizen fälschlicherweise annahm, die Texte wären von ihm selbst verfasst?

Diese Ausrede wird immer wieder gern gebraucht. Das kann auch passieren, wenn es sich nur um ein oder zwei Sätze handelt. Aber dass das bei 20 oder 30 Zitaten mit wortwörtlicher Textübernahme ohne Fußnoten so ist, das darf man doch bezweifeln.

Das heißt, Sie würden die Einschätzung des Bremer Juraprofessors Andreas Fischer-Lescano, der die Vorwürfe öffentlich gemacht hat und von einer "Täuschung" und einem "dreisten Plagiat" spricht, teilen?

Ja. Wenn man die im Internet veröffentlichten Gegenüberstellungen von Guttenbergs Arbeit und den Originalquellen anschaut, ist es schon beeindruckend, wie hier Texte wortwörtlich übernommen worden sind.

Fischer-Lescano sind die kopierten Textteile bei einer Routineprüfung aufgefallen, wie er sagt. Sind solche Prüfungen gängig?

Herr Fischer-Lescano wollte eine Buchbesprechung schreiben. Das ist bei einer Dissertation durchaus üblich. Offenbar ist ihm dabei ein Verdacht gekommen und er ist durch blanken Zufall auf das Plagiat gestoßen. Er hat einzelne Sätze bei Google gesucht und zufällig einen Fund gehabt. Man fragt sich bei den ertappten Plagiatoren schon, wie jemand eigentlich so blöd sein kann, seitenweise abzuschreiben, wenn das Original verfügbar ist und damit die Täuschung leicht aufgedeckt werden kann. Aber das ist eine allgemeine Erscheinung, auch in den USA, wo der "Plagiarism" intensiv diskutiert wird. Dort fragt man sich auch, ob die Plagiatoren alle verrückt sind. Die glauben eben, davonzukommen, und offenbar kommen auch viele davon.

Mit welchen Konsequenzen muss Guttenberg rechnen, sollten die Anschuldigungen zutreffen?

Die können sehr unterschiedlich sein. Zum einen stellt sich die Frage nach dem akademischen Fehlverhalten. Das Prüfungsverfahren wird neu aufgerollt: Da wird an der Universität in Bayreuth, an der Guttenberg promoviert hat, geprüft werden, ob man ihm den Doktorgrad entziehen muss. Zum anderen könnten sich die Autoren, die kopiert wurden, mit urheberrechtlichen Ansprüchen melden.

Ist eine Aberkennung des Doktorgrads üblich in einem solchen Fall?

Es gibt viele Fälle, in denen Dissertationen, die gefälscht waren, am Ende mit dem Entzug des Doktortitels geahndet wurden. Da gibt es eine große Zahl an Urteilen von Verwaltungsgerichten bis hin zum Bundesverwaltungsgericht. Aber die Entscheidung darüber trifft die Universität, die den Doktorgrad verliehen hat. Das kann man nicht vorwegnehmen. Aber man kann sagen, dass es bereits andere, auch weniger gravierende Fälle gibt, bei denen der Entzug des Doktorgrades eingeleitet worden ist.

Wie häufig kommen solche Betrugsfälle in der Wissenschaft überhaupt vor?

Mit dem Begriff Betrug muss man vorsichtig sein. Normaler Betrug dient ja der Erlangung von Vermögensvorteilen. Der Wissenschaftsbetrug dagegen täuscht das Publikum über den intellektuellen Gehalt von Schriften. Dieser kommt häufig vor, es gibt aber keine absoluten Zahlen, weil immer nur Einzelfälle nach oben gespült werden. Niemand ist in der Lage, etwa alle Dissertationen eines Jahrgangs einer Universität auf Plagiate zu prüfen. Das heißt, es sind immer nur Zufallsfunde, die aufgedeckt werden. Aber man kann schon davon sprechen, dass es häufig passiert. Erstaunlich ist zudem, dass viele ertappte Doktoranden prozessieren, um ihren Titel so lang wie möglich zu verteidigen. Ein Fall ist mir zum Beispiel bekannt, in dem ein deutscher Rechtsanwalt so lange geklagt hat, bis er sich in den Niederlanden einen zweiten Doktortitel besorgt hat. Dann hat er seine Klage hier zurückgenommen und fortan den holländischen Titel geführt.

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Volker Rieble ist Juraprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2010 erschien von ihm das Buch "Das Wissenschaftsplagiat - Vom Versagen eines Systems".

(Foto: Daniel Apelt)

Wieso ist es so schwer, Plagiate in wissenschaftlichen Arbeiten zu entdecken? Die Gefahr, aufzufliegen, scheint nicht besonders groß zu sein.

Das weiß man nicht. Dazu müsste man ja wissen, wie viele Fälle es insgesamt gibt und wie viele davon auffliegen. Die Dunkelziffer ist überhaupt nicht einschätzbar. Niemand, der eine Dissertation liest, kann alle in Betracht kommenden Sekundärtexte, aus denen etwas entnommen worden sein könnte, mitlesen.

Mit Volker Rieble sprach Till Schwarze

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Quelle: n-tv.de

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