dm und Lidl sägen an InstitutionWofür brauchen wir eigentlich noch Apotheken?
Von Caroline Amme
Immer mehr Apotheken in Deutschland schließen. Die neue Apothekenreform soll die Entwicklung stoppen. Doch die Konkurrenz scheint übermächtig: Versandapotheken, Drogerieketten und Discounter drängen in den lukrativen Markt. Hessische Ärzte machen einen radikalen Vorschlag: Die meisten Apotheken könnten weg.
Sie sind meist der wichtigste und erste Anlaufpunkt, wenn es um Medikamente geht: Apotheken verkaufen und beraten zu Pillen, Zäpfchen und Cremes, und stellen auch selbst welche her. Mit der Anfang Juli in Kraft getretenen Apothekenreform mutieren sie zu abgespeckten Arztpraxen. In Zukunft dürfen sie mehr Leistungen anbieten. Zusätzlich zu Grippe- und Corona-Impfungen dürfen sie Impfungen mit Totimpfstoffen anbieten, etwa gegen Tetanus und FSME. Sie dürfen Blut abnehmen, Schnelltests und Vorsorgeuntersuchungen durchführen.
Die Reform ist eine Art Rettungsmission. Sie soll das Apothekensterben in Deutschland stoppen. Denn immer mehr von ihnen machen zu: seit 2013 musste jede fünfte Apotheke schließen. Allein im vergangenen Jahr waren es rund 500 Apotheken. Vor allem auf dem Land ist das ein Problem.
Der Grund für das Apothekensterben liegt für Thomas Preis auf der Hand. Das Honorar für die Apothekerinnen und Apotheker sei viel zu lange nicht gestiegen, sagt der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) bei ntv. Anfang Juli dann hatte das Bundeskabinett nach 13 Jahren Pause die Vergütung erhöht: Pro rezeptpflichtige Packung bekommen die Apotheker jetzt 9,00 Euro statt wie bisher 8,35 Euro. Ab Januar 2027 soll das Honorar ein weiteres Mal auf 9,50 Euro steigen. Die Apotheken erwirtschaften den Großteil ihres Umsatzes - mehr als 80 Prozent - mit verschreibungspflichtigen Medikamenten.
Es sind gute Nachrichten für die Apotheken, aber schlechte für die Betragszahlerinnen und -zahler. Die Erhöhung kostet die gesetzlichen Krankenkassen dieses Jahr 250 Millionen Euro extra und nächstes Jahr 875 Millionen Euro. Zusätzlich dürfen die Apotheken auf den Medikamentenpreis noch drei Prozent Gewinnmarge aufschlagen.
Medikamente bei dm und Rossmann
Das Problem ist: Die Vor-Ort-Apotheken sind nicht mehr die einzigen, die rezeptpflichtige Medikamente verkaufen dürfen. Auch Online-Apotheken sind in das Geschäft eingestiegen. Das E-Rezept macht es möglich. Die Menschen scheinen mit dem Angebot zufrieden zu sein. Die Nachfrage steigt. Online-Apotheken wie Redcare Pharmacy (ehemals Shop Apotheke) und DocMorris haben vergangenes Jahr sechs Prozent mehr Umsatz gemacht, so der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (Bevh).
Auch andere Branchen sind auf das lukrative Geschäft mit Medikamenten aufmerksam geworden. Die Drogeriekette dm betreibt seit Dezember eine eigene Online-Apotheke mit rezeptfreien Arzneimitteln. Konkurrent Rossmann will zum Jahresende nachziehen. Dort sollen Kassenpatienten auch E-Rezepte einlösen können. Laut dem "Handelsblatt" bereitet sich auch Lidl auf den Einstieg in den Onlinehandel mit rezeptfreien Medikamenten vor.
Handelsexperte Carsten Kortum von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn ist im MDR überzeugt: Bald bieten auch Discounter und Supermärkte Arzneimittel an. Die Sortimente von Drogerien und Apotheken sowie von Drogerien und Lebensmittelhändlern nähern sich bereits an. Künftig wird man im Supermarkt nicht nur Drogerieprodukte in den Einkaufswagen legen, sondern auch Gesundheitsprodukte.
Ärztevertreter stellen Existenz von Apotheken infrage
Wenn Onlinehändler gleichzeitig Nasenspray und Hustenlöser schon jetzt nach Hause liefern - brauchen wir dann Apotheken überhaupt noch? Nein, sagt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen. Sie stellt die Existenz von Apotheken infrage. Die beiden Vorstandsvorsitzenden, Frank Dastych und Armin Beck, sehen darin eine teure Institution, die den deutschen Haushalt mit Milliardensummen belastet, ohne einen wirklichen Mehrwert zu liefern.
In Apotheken würden zu 95 Prozent fertige Arzneimittel abgegeben, sagen die hessischen Ärztevertreter. Eine Dienstleistung, die mit Pharmazie nicht mehr viel zu tun habe. Stattdessen würden sie sich über den Verkauf von Gummibärchen und Kosmetika finanzieren.
Für die allgemeine Bevölkerung reichen demzufolge deutlich weniger Apotheken. Die KV Hessen schlägt vor, je 250.000 Einwohner eine Regionalapotheke mit einem rund um die Uhr verfügbaren Fahrdienst vorzuhalten. Die durchgehende und flächendeckende Arzneimittelversorgung lässt sich ihnen zufolge trotzdem sicherstellen, und zwar günstiger: Viele Medikamente können die Patienten direkt von Ärztinnen und Ärzten in der Praxis erhalten. Was nicht vorhanden ist, wird online bestellt und bei Abgabestellen in Drogeriemärkten abgeholt.
Wettbewerbszentrale klagt gegen dm
Die Idee aus Hessen hat aber einen Haken: Ärzte dürfen bisher keine Medikamente verkaufen. Und Drogerien dürfen in Deutschland nur frei verkäufliche und rezeptfreie Produkte anbieten - wie Vitamine, Erkältungstees oder Lutschtabletten, aber keine verschreibungs- und apothekenpflichtigen Arzneimittel. Die dürfen nur Apotheken verkaufen, steht im Arzneimittelgesetz.
Bei dm werden Kunden oder Patienten trotzdem fündig. Die Drogeriekette verkauft bereits apothekenpflichtige Arzneimittel durch einen Umweg über das Ausland - einer konzerneigenen tschechischen Versandapotheke sei Dank. So machen das auch die großen Versandapotheken Redcare Pharmacy und DocMorris. Sie operieren aus den Niederlanden. Von dort plant auch Rossmann Arzneimittel zu versenden.
Damit werde das deutsche Apothekenrecht umgangen, sagt die Wettbewerbszentrale. Sie kritisiert, dass Drogerie- und Medikamentensortimente vermischt werden. Anfang des Jahres hat sie beim Landgericht Karlsruhe Klage gegen dm eingereicht. Die Wettbewerbszentrale möchte mit ihrer Klage klären, ob dieses Geschäftsmodell rechtlich zulässig ist. Das wäre auch interessant für andere Anbieter, die an solchen Geschäften interessiert sind, wie Rossmann.
dm-Chef Christoph Werner sieht sich auf der sicheren Seite. "Wenn Mitbewerber das auch machen wollen, dann kann man nicht so ganz falschliegen", hat er im Februar dem TV-Sender Welt gesagt. "Dann ist das eine gewisse Bestätigung."
Apotheke als "Tankstelle der Gesundheit"
Sind stationäre Apotheken dem Untergang geweiht? Mit den Preisen von Versandapotheken können sie nicht konkurrieren. Dafür locken sie mit einem anderen Angebot: dem persönlichen Kontakt. Der wird jetzt noch wichtiger, durch das Plus an Gesundheitsleistungen, die die Apotheker und Apothekerinnen anbieten dürfen, also Impfen, Blut abnehmen und Vorsorgeuntersuchungen.
Aber ohne kreative Ideen werden es stationäre Apotheken schwer haben, sich gegen die Online-Apotheken durchzusetzen, sagt David Matusiewicz von der FOM Hochschule in Essen in der ARD. "Heute ist die Apotheke eher ein Ort der Kuration. Der Kunde kommt mit einem Rezept und bekommt ein Arzneimittel. Morgen ist es die Tankstelle der Gesundheit", so der Gesundheitsökonom. Eine "große Chance" für Apotheken seien die beiden "riesigen Milliardenmärkte" Prävention und Langlebigkeit.
Mehr Wettbewerb kann nur gut sein, sagt Handelsexperte Kortum im MDR, dadurch gebe es Innovation. Er glaubt, die Apotheken werden aufrüsten, um Schritt halten zu können. Die Beitragszahlerinnen und -zahler werden es hoffen.