Politik

Muslime überrennen Botschaften Woher kommt die Wut?

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Tausende Muslime gehen auf die Straße und protestieren gegen einen islamfeindlichen Film.

(Foto: REUTERS)

Tausende Menschen gehen auf die Straße, protestieren und greifen westliche Botschaften an. Einige Menschen sterben, hunderte werden verletzt. Daran ist nicht nur ein Youtube-Video schuld. Gewaltbereite Fanatiker nutzen die aufgebrachte Stimmung, um weitere Unruhe zu stiften. Sie wollen nicht, dass in ihren Ländern die Demokratie Fuß fassen kann.

Die Geheimdienste der USA hatten keine Ahnung, was für Auswirkungen in der arabischen Welt haben würde. Zwar wusste man in der US-Regierung von dem Film, doch dass daraus gewaltsame Proteste entstehen würden, konnten die Behörden nicht vorhersagen.

Das sei auch nicht möglich, sagt der Direktor des Giga-Instituts für Nahost-Studien, Henner Fürtig im Gespräch mit n-tv.de: "Der Fall erinnert stark an die Proteste gegen dänische Mohammed-Karikaturen vor einigen Jahren." Im Jahr 2005 lösten Zeichnungen in der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" heftige Ausschreitungen aus, in deren Folge mehr als 100 Menschen starben. Wie bei den Karikaturen ist nun auch bei dem Youtube-Film nicht ganz klar, warum so viele Menschen so emotional darauf reagieren. Denn die Verantwortlichen haben den Film auf eigene Rechnung gedreht, handeln nicht im Auftrag der US-Regierung oder irgendwelcher offiziellen Stellen.

Friedliche Demonstrationen werden unterwandert

Doch diese Unterscheidung wird auf der Straße häufig nicht getroffen, meint Fürtig: "Die Demonstranten können sich nicht vorstellen, dass die westlichen Politiker keinen Einfluss auf ein solches Video haben. Es gibt dort wenig Verständnis für Nachrichtenfreiheit, vielmehr gehört die Zensur zur Lebenserfahrung." Und so reichte es aus, dass das Video auf Arabisch übersetzt, an eine große Zahl von Journalisten versendet und schließlich auszugsweise im ägyptischen Fernsehen gezeigt wurde. In der Botschaft, die bei vielen Menschen ankommt, wird nicht zwischen einer Regierungserklärung und einem anonym hochgeladenen Video unterschieden. "Dass sich die Gewalt gegen Einrichtungen der US-Regierung richtet, ist damit ein Missverständnis", sagt Fürtig. Und mittlerweile weitet sich die Gewalt sogar gegen andere westliche, auch deutsche Einrichtungen aus.

Dennoch sind die Gewalttaten nicht nur auf eine falsch informierte Bevölkerung zurückzuführen. Die aufgebrachte Stimmung wird auch von Radikalen genutzt, die ihren Regierungen schaden und ihre Länder destabilisieren wollen: "Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Mob und den Planern im Hintergrund. Die spontanen Proteste werden häufig gezielt zu Ausschreitungen kanalisiert", so Fürtig. Immer wieder berichten Augenzeugen, dass friedliche Proteste von gut organisierten Gruppen unterwandert werden, die Demonstrationszüge steuern und Stimmungen gezielt anheizen.

Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach betonte bei n-tv, dass die Gewalttaten nicht von einer breiten Bewegung, sondern von einzelnen Gruppen geplant und begangen werden: "Es handelt sich hier nicht um einen Aufstand 'der Muslime' gegen 'den Westen'." Drahtzieher seien vielmehr die Verlierer der Arabischen Revolution, welche "eben nicht im Namen eines militanten und radikalen Islam stattgefunden hat. Insofern ist das ein gezielter Versuch, diesen Prozess der Stabilisierung in den arabischen Ländern zu unterminieren."

Ajatollah heizt Gerüchte an

Arabische wie westliche Politiker versuchen nun, die Bevölkerung zu beruhigen. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle, US-Präsident Barack Obama und Ägyptens Präsident Mohammed Mursi verurteilten die Darstellungen in dem Video und riefen gleichzeitig zu Gewaltlosigkeit auf. US-Außenministerin Hillary Clinton versicherte, dass die Regierung nichts mit dem Film zu tun habe.

Im Streit um die dänischen Karikaturen 2005 konnten Statements dieser Art die Welle der Erregung nicht aufhalten. Stärkere Effekte haben Gerüchte, wie sie der religiöse Führer im Iran in die Welt setzte: "Die US-Regierung und die Zionisten sind die Hauptverdächtigen für dieses abscheuliche und im Rausch begangene Verbrechen, das die Herzen der Muslime weltweit gebrochen hat", sagte Ajatollah Ali Chamenei.

Dass das Gemisch aus Gerüchten, anti-amerikanischer Stimmung und gezielter Agitation nicht zu kontrollieren ist, hat nun auch die islamistische Muslimbruderschaft in Ägypten erkannt, der auch der Präsident Musi nahe steht. Angesichts der Gewalt zog sie ihren Aufruf zu landesweiten Protesten zurück – doch vielleicht zu spät.

Quelle: ntv.de