Politik

Regierung beschließt Gesamtkonzept Wohin nur mit Deutschlands Atommüll?

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Bislang werden Castoren in Zwischenlagern aufbewahrt. Da können sie nicht bleiben.

(Foto: REUTERS)

Seit Jahren ist unklar, wo der deutsche Atommüll einmal landen soll. Nun gibt es zumindest eine Strategie und einen Überblick darüber, wie viel radioaktives Material gebunkert werden muss.

Vielleicht ist Barbara Hendricks mit ihrer unendlich wirkenden Gelassenheit genau die richtige Frau für einen der kompliziertesten Jobs, den es in der Regierung gibt. Griechenland-Hilfen hin, Bundeswehrreform her: Hendricks soll ein Bauwerk errichten, das erst in 35 Jahren fertig sein und dann über Jahrzehnte befüllt werden soll. Und das ist eine optimistische Annahme. Andere Schätzungen gehen davon aus, dass der letzte Schritt dieses Projekts im Jahr 2170 gemacht wird.

Es geht um eine Lagerstätte für den Atommüll, der vor allem in Kraftwerken anfällt, und für dessen Aufbewahrung es auch nach über 50 Jahren der Atomstromproduktion nur Zwischenlösungen gibt. Zum ersten Mal, so verkündet es Hendricks stolz, hat die Bundesregierung eine Gesamtstrategie für die Entsorgung beschlossen.

Es geht um riesige Mengen an Material:
- Etwa 10.500 Tonnen Schwermetall in Form von bestrahlten Brennelementen sind in den Atomkraftwerken angefallen. Sie lagern in rund 1100 Castoren.
- Hinzu kommen 300 Castoren mit hoch- und mittelradioaktiven Abfällen aus der Wiederaufarbeitung im französischen La Hague und dem britischen Sellafield.
- 500 Castoren mit bestrahlten Brennelementen stammen aus Forschungs-, Entwicklungs- und Demonstrationsreaktoren.
- Weitere 600.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle sind eingeplant. Darunter sind radioaktive Abfälle aus Betrieb und Rückbau der Atomkraftwerke und radioaktive Abfälle aus Industrie, Medizin und Forschung.
- In der Schachtanlage Asse II liegen geschätzt weitere 200.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Sie sollen zurückgeholt und dann sicher eingelagert werden.
- Aus der Urananreicherung des britischen Unternehmens Urenco, das auch eine Anreicherungsanlage in Nordrhein-Westfalen betreibt, könnten weitere 100.000 Kubikmeter Abfälle anfallen.

Möglich sind auch zwei Endlager

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Umweltministerin Barbara Hendricks bei der Vorstellung ihres Konzepts.

(Foto: dpa)

Erst seit dem Atomausstieg ist es möglich, diesen Überblick zu geben. Denn ab 2022 soll in Deutschland kein Atommüll mehr in der Energieproduktion anfallen. Für andere Abfälle wurde eine Prognose bis 2080 erstellt.

Der Müll muss so eingelagert werden, dass seine Strahlung mit 100-prozentiger Sicherheit nie nach außen dringen kann. Noch sind sich die Experten unsicher, ob das überhaupt geht und ob man nicht für den Notfall das Zurückholen des Abfalls einplanen müsste. Bei der Asse war das nicht passiert, nun kostet die Rückholung hunderte Millionen Euro.

Weil die Aufgabe so kompliziert ist, geht Hendricks sie in kleinen Schritten an, für die sie sich viel Zeit nimmt: Bis Mitte 2016 hat eine Kommission noch Zeit, überhaupt die Kriterien festzulegen, nach denen ein Endlager bestimmt werden soll. Dann beginnt die 15-jährige Suchphase. Erst dann kann der Bund ein Endlagerungsgesetz beschließen und mit dem Bau beginnen. Möglich ist auch, dass es zwei Endlager geben wird: Eines für die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle und eines für den hochradioaktiven Müll, der weiterhin viel Wärme abgibt. Der Schacht Konrad in Niedersachsen soll, wenn möglich, nicht erweitert werden.

Wie das ganze finanziert wird, ist zum Teil noch offen. Die Energiekonzerne haben 38 Milliarden Euro für die Entsorgung angespart. Reichen wird das wohl nicht. Eine Schätzung, wie viel Geld darüber hinaus notwendig sein wird, will die Ministerin nicht abgeben.

"Jede Generation muss tun, was möglich ist"

Hendricks möchte, dass es bei der Standortsuche allein um Sicherheit geht. "Selbstverständlich gehen wir von einer weißen Landkarte aus", sagt sie. Das soll heißen: Keine Bundesland, keine Kommune mit einem möglichen Standort wird ausgenommen. Allein im Saarland und in Rheinland-Pfalz ist wegen der geologischen Begebenheiten schon klar, dass es keine geeigneten Standorte gibt. In den Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin ist kein Platz.

Die Landesregierungen lassen die Endlagersuche auf sich zukommen – bis auf eine Ausnahme: Das bayerische Umweltministerium hat angeblich bessere Erkenntnisse, als sie die Endlagersuchkommission in den kommenden 15 Jahren erreichen kann. Standorte in Bayern seien "nicht geeignet für die Endlagerung", lässt sich das Ministerium zitieren.

Hendricks' Leute haben noch gar nicht mit der Erkundung begonnen, da meckert schon der erste potenziell betroffene Bundesland. Doch die Ministerin lässt sich nicht verunsichern. Sie versucht gar nicht erst, die Drohgebärden von Konzernchefs und Landesfürsten zu überbieten. Stattdessen sagt sie trocken: "Ich rechne damit, dass wir uns in absehbarer Zeit miteinander verständigen." Schon als Hendricks die Standorte für neue Zwischenlager verkündete, zeterte Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Hendricks ignorierte ihn und setzte sich letztlich durch. Es wird wohl wieder so kommen.

Denn Hendricks weiß, dass sie an einer historischen Aufgabe arbeitet. "Im Jahr 2050 wäre ich 98 Jahre alt", sagt sie. "Ich weiß nicht, ob ich es noch erlebe, dass Brennstäbe eingelagert werden." Und weiter:  "Jede Generation muss tun, was möglich und nötig ist, damit kommende Generationen überhaupt noch die Möglichkeit haben, das zu tun, was nötig ist."

Quelle: n-tv.de

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