Dossier

30 Euro für den Aufstieg Die Trägerin vom Kilimandscharo

Esther Crispin weiß nicht so genau, wie oft sie den Kilimandscharo schon hinaufgelaufen ist. "Viele Male", sagt sie und lächelt schüchtern. Die 30 Jahre alte Tansanierin gehört zu den wenigen Frauen, die am höchsten Berg Afrikas als Trägerinnen arbeiten. Jedes Jahr versuchen etwa 20.000 Bergsteiger, den einzigen Knapp-Sechstausender (5.895 Meter) zu erklimmen, der ohne Seil und Steigeisen zu schaffen ist. Wer oben ankommt, verdankt dies nicht zuletzt den Trägern, die den Touristen Lebensmittel, Zelte und in manchen Fällen sogar mobile Toiletten den Berg hinauftragen.

"Ich bin froh, dass ich diese Arbeit habe", sagt Esther, die seit sieben Jahren als Trägerin arbeitet. "In Tansania ist es schwer, Arbeit zu finden." Esther hat zwei Töchter im Alter von acht und 13 Jahren zu versorgen. Ihr Mann ist vor einigen Jahren gestorben. "Wenn ich auf dem Berg bin, passen die Großeltern auf die Mädchen auf", erzählt sie.

Esther transportiert wie ihre männlichen Kollegen etwa 20 Kilogramm Gepäck. Ihre eigenen Sachen, Schlafsack und Iso-Matte trägt sie in einem einfachen Rucksack ohne Hüftgurt, die übrigen Lasten auf dem Kopf. Je nach Veranstalter können das offene Strohkörbe, mit Konserven und Küchenutensilien voll gestopfte Säcke, Alukisten oder mit Plastikplanen verschnürte Bündel sein. "Es ist kein einfacher Job", sagt Esther. "Aber er hilft mir, meine Familie zu versorgen."

Ein Träger verdient während der fünf- bis sechstägigen Tour etwa 30 Euro und bekommt, wenn er Glück hat, noch einmal so viel Trinkgeld dazu. Mit jeder Gruppe gehen im Schnitt drei Helfer pro Wanderer mit - ein oder mehrere Bergführer, ein Koch und die Träger. Die Träger gehen morgens erst später los, wenn die Zelte abgebaut und eingepackt sind, aber überholen die Bergsteiger dann im Laufe des Tages.

Das größte Risiko am Kilimandscharo ist die Höhenkrankheit, die unabhängig von körperlicher Fitness jeden treffen kann. Sie reicht von Kopfschmerzen und Übelkeit bis zu Wasser in der Lunge und Gehirnödemen. Jedes Jahr sterben auf dem Kilimandscharo etwa 20 Bergsteiger. Auch die Träger sind nicht gegen die Höhenkrankheit immun. Die meisten gehören wie Esther zur Volksgruppe der Chagga, die am Fuß des frei stehenden Berges Landwirtschaft betreiben. Anders als etwa die Sherpa im Himalaja sind sie deswegen kaum an Höhe gewöhnt.

Wenn die Tagesetappe geschafft ist, sitzt Esther mit ihren Kollegen im warmen Küchenzelt, wo das Essen auf einem der mitgeschleppten Gaskocher brodelt. In Jeans, T-Shirt und Sportschuhen ohne Socken sieht sie nicht danach aus, als ob sie gerade eine Wanderung hinter sich hat, die ihre Kunden nur mit Wanderschuhen und Teleskopstöcken geschafft haben. "Wenn ich besser Englisch lerne, kann ich eines Tages vielleicht als Bergführerin arbeiten", sagt sie. "Aber noch schöner wäre es, wenn ich eine eigene Schneiderei gründen könnte. Dann wäre ich immer in der Nähe meiner Kinder."

(Ulrike Koltermann, dpa)

Quelle: ntv.de