Dossier

Spannendes Bundespräsidenten-Duell Gauck könnte Wulff schlagen

Rechnerisch haben Union und FDP die Mehrheit bei der Bundesversammlung, so dass Wulff locker der nächste Bundespräsident werden könnte. Eindeutig beliebter ist jedoch Gauck.

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Anwärter auf das Amt des Bundespräsidenten (l-r): der rot-grüne Kandidat Joachim Gauck, Christian Wulff vom schwarz-gelben Lager und die Kandidatin der Linken Luc Jochimsen.

(Foto: dpa)

Wenn Bundestagspräsident Norbert Lammert den Namen des neuen Bundespräsidenten verkündet, findet damit das einmonatige Ringen um ein neues Staatsoberhaupt sein Ende. Am 31. Mai trat Horst Köhler überraschend von seinem Amt zurück, am 3. Juni präsentierten Union und FDP den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff als Kandidaten der Koalition, SPD und Grüne nominierten Joachim Gauck. Seitdem sind beide Bewerber im ganzen Land unterwegs, um bei den Wahlmännern und Wahlfrauen um Unterstützung zu werben. Die parteiübergreifenden Sympathien für den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Gauck lassen eine spannende Wahl erwarten.

Um 12.00 Uhr kommen am 30. Juni die 1244 Delegierten der 14. Bundesversammlung im Reichstag zusammen. Die Hälfte sind Mitglieder des Bundestags, die andere Hälfte wurde in den Länderparlamenten von den Fraktionen bestimmt. Rein rechnerisch haben Union und FDP 21 Stimmen mehr als für die absolute Mehrheit erforderlich, sie stellen insgesamt 644 Delegierte. Der nach tagelangen Spekulationen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) als schwarz-gelber Konsenskandidat präsentierte Wulff kann sich damit eigentlich auf eine bequeme Mehrheit stützen. Zur Wahl steht neben Wulff und Gauck noch die Kandidatin der Linken, Luc Jochimsen und der Kandidat der rechtsextremen NPD, Frank Rennicke.

Gauck punktet auch im gegnerischen Lager

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Gauck rührt die Werbetrommel im ganzen Land und erntet Sympathie.

(Foto: dpa)

Noch ist offen, ob Wulff aber tatsächlich schon nach dem ersten Wahlgang die erforderliche absolute Mehrheit auf sich vereinen kann. Denn der Oppositionskandidat Gauck hat in den vergangenen Wochen nicht nur eine große Internet-Fangemeinde und Prominente wie die von den Grünen als Wahlfrau benannte Schauspielerin Nina Hoss hinter sich versammelt. Auch in Union und FDP bekennen sich vor allem Abgeordnete aus den östlichen Bundesländern zu dem ehemaligen Chef der Stasi-Aktenbehörde. So wollen die aus dem sächsischen Landtag entsandten FDP-Abgeordneten bei der geheimen Wahl für Gauck stimmen; und die Facebook-Seite Gaucks wurde von einem jungen Hamburger FDP-Mitglied gegründet.

Gauck, vor dem Fall der Mauer Mit-Initiator des Widerstands gegen die SED-Diktatur, inszenierte sich in dem kurzen Wahlkampf als der überparteiliche Kandidat, den auch Politiker der schwarz-gelben Koalition nach dem Rückzug Köhlers gefordert hatten. In seinen Reden kündigte der 70-Jährige staatstragend an, er wolle vom Schloss Bellevue aus zwischen Politik und Bürgern vermitteln. Der evangelische Theologe punktete auch im wirtschaftliberalen Lager - etwa mit Aussagen, dass derjenige mehr verliere als gewinne, der ausgerechnet der Wirtschaft die Freiheit nehmen wolle.

Wulff hat Politikerfahrung, ist aber farblos

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Wulff muss trotz theoretischer Mehrheit bei der Bundesversammlung um seinen Einzug ins Schloss Bellevue bangen.

(Foto: APN)

Wulff, der mitunter auch in den eigenen Reihen als farblos kritisiert wird, warb vor allem mit seiner Erfahrung im Politikbetrieb. Auch seine Ehefrau Bettina rührte indirekt die Werbetrommel. In Interviews dachte die zweifache Mutter schon familienfreundlich über "Spielzimmer" im Schloss Bellevue nach.

Der mit seiner langjährigen Lebensgefährtin zusammenlebende Gauck will im Duell um den Einzug ins Schloss Bellevue noch bei einem Treffen am Vorabend der Wahl die Linken überzeugen, in einem möglichen dritten Wahlgang für ihn zu votieren. Denn da reicht die einfache Mehrheit.

Quelle: n-tv.de, Claudia Wessling, AFP

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