Dossier

"Wir brauchen starke Freunde" Israel in der Isolation

Pakistan_Israel_Palestinians_LHR102.jpg5394712123251758941.jpg

Nach der Militäraktion Israels gegen einen Gaza-Hilfskonvoi ist der internationale Aufschrei groß.

(Foto: AP)

In Israel schwanken die Reaktionen auf den blutigen Militäreinsatz gegen die "Free Gaza"-Flotte zwischen Rechtfertigung und Scham. Gemeinsam ist der gespaltenen Gesellschaft nur der Wunsch nach Freunden.

"Israel ist erneut in einer 'no-win-Situation'", stellt "Jerusalem Post"-Kolumnist Isi Leibler fest. Während Hamas und die Mitreisenden auf der "Free Gaza"-Flotte in der internationalen Presse als Verteidiger der Menschenrechte gefeiert würden, werde Israel als der barbarische Aggressor dargestellt. Dass die israelische Militäraktion von der demokratischen Ländergemeinschaft scharf kritisiert wird, hält Leibler für die ultimative Heuchelei: "Würden denn amerikanische oder europäische Streitkräfte 'humanitäre Hilfen' ohne Kontrolle in die Taliban-Hochburgen durchlassen?"

Zudem werde nirgendwo erwähnt, dass auch Ägypten das Embargo gegen Hamas hochhalte und ebenfalls wenig erpicht darauf sei, dass ihre eigenen muslimischen Brüder Waffen nach Gaza einschleusten. Das Filmmaterial der israelischen Armee spreche für sich, glaubt Leibler. "Doch selbst wenn die Fakten kristallklar wären, würden wir immer noch von dem Großteil der Welt verurteilt werden."

Keine ehrliche Diskussion

"Die meisten Israelis haben das Gefühl, dass die Welt gegen sie ist und Israel sich selbst verteidigen muss", bestätigt der israelische Schriftsteller Assaf Gavron n-tv.de. Und zu viele Israelis würden daher automatisch jede Aktion des Staates unterstützen und jede Kritik abweisen - ob sie aus Israel oder von außerhalb komme. "Es gibt keine ehrliche, offene demokratische Diskussion. Und das bereitet mir Sorge und macht mich traurig."

Segev.jpg

Der Historiker und Journalist Tom Segev fällt ein hartes Urteil: Nur wenige würden sich um die Menschen in Gaza sorgen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Drastischer fällt das Urteil des israelischen Historikers und Journalisten Tom Segev aus. "Die meisten Israelis nehmen dem Militär die Tatsache übel, dass die Operation nicht erfolgreicher war", sagt Segev gegenüber n-tv.de. Sie würden nichts mehr hassen, als gescheiterte Militäraktionen. Nur wenige würden sich um die Menschen in Gaza sorgen. "Gaza ist ein großes Gefängnis und auch wenn die Menschen dort nicht hungern, ist die Situation entsetzlich. Deshalb ist der internationale Aufschrei vollkommen gerechtfertigt."

So lange sie sich für die Menschenrechte einsetzte, könne die internationale Presse nicht einseitig genug schreiben, glaubt Segev. "Momentan sind die Medien die einzigen, die die Menschenrechte der Leute in Gaza schützen." Er würde sich gegen keine Kritik von außen wehren, meint auch Assaf Gavron. "Man kann den Ausgang der Militäraktion nicht rechtfertigen. In dieser Woche schäme ich mich, ein Israeli zu sein."

Gefühl für Leid verloren

"Die Diskussionen in den Medien, die Verteidigung der israelischen Armee und die Reaktionen der Politiker beweisen, wie weit wir uns von der Wahrnehmung Israels im Ausland entfernt haben", schreibt der "Haaretz"-Kolumnist Anshel Pfeffer. Jede Diskussion über die Gaza-Flotte würde in der Frage gipfeln: "Und was, wenn sie es geschafft hätten, einen unserer Soldaten zu töten?" So nobel dieses Gefühl sei, und so sehr es das Gemeinschaftsgefühl in Israel zeige, müsse man sich daran erinnern, dass nur die Israelis dies fühlen könnten, meint Pfeffer. "Wir haben das Gefühl für Leid und Verluste auf der anderen Seite verloren."

Keines der von Israel vorgebrachten Argumente, wie etwa, dass die Mitglieder der türkischen humanitären Vereinigung in Wirklichkeit mörderische Dschihad-Kämpfer gewesen seien, dass es keine humanitäre Krise in Gaza gebe und dass die Blockade nur dazu diene, Waffenschmuggel zu verhindern, könne international überzeugen - selbst wenn ein israelischer Soldat gestorben wäre. Denn es wäre ein schwer bewaffneter Soldat gewesen, der von braven und tapferen Zivilisten umgebracht worden wäre. Das sei aber weder anti-israelisch noch ein Zeichen von Antisemitismus, sondern eine moralische Frage. "Wir brauchen wirkliche Freunde, denen wir vertrauen können und die uns unsere Fehler aufzeigen können", schreibt Pfeffer und hat auch schon einen Vorschlag, wer das sein könnte. "Dies könnte der Moment der jüdischen Diaspora sein, die uns liebt, aber auch eine andere Sicht der Dinge hat. Sie könnte uns sagen, dass es genug ist und wir unsere Köpfe heben sollen, damit wir sehen, dass sich die Welt weiterbewegt."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema