Dossier

Geopfert für die Atomindustrie Japan handelt wider besseres Wissen

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Die Folgen des Tsunami in Kesennuma im Nordosten Japans.

(Foto: AP)

Greenpeace weist schon im April weit außerhalb der 30-Kilometer-Sperrzone radioaktive Substanzen in der Luft nach und fordert einen weiteren Sperrbereich um das AKW Fukushima. Jetzt muss die japanische Regierung eingestehen, dass Weidegras in 60 Kilometern Entfernung kontaminiert ist. Damit ist das Gift schon längst in die Nahrungskette gelangt. Eine Ausweitung der Sperrzone erfolgt hingegen nicht. Christoph von Lieven, Energieexperte der Umweltschutzorganisation Greenpeace, wirft der japanischen Regierung und der AKW-Betreiberfirma Tepco vor, die Menschen für den Fortbestand der Atomindustrie zu opfern.

n-tv.de: Mehr und mehr gelangen genauere Informationen über das Reaktorunglück in Japan an die Öffentlichkeit. Seit den Explosionen in Fukushima werfen Sie der Betreiberfirma vor, Fehlinformationen zu verbreiten und Erkenntnisse zurückzuhalten. Sehen Sie sich jetzt in Ihren Vorwürfen bestätigt?

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Beim Tsunami stand das AKW gut fünf Meter unter Wasser. Hier am Reaktor 4.

(Foto: AP)

Christoph von Lieven: Für uns war es natürlich interessant zu erleben, wie Tepco eingeknickt ist und jetzt, mehr als zwei Monate nach der Reaktorkatastrophe allmählich mit der Wahrheit rausrückt. Sie haben eingestehen müssen, dass alles, was sie bislang über den Hergang der Kernschmelze gesagt haben, einfach falsch war. Demnach soll es schon unmittelbar nach der Umweltkatastrophe zu einer solch gewaltigen Kernschmelze gekommen sein, dass der Reaktordruckbehälter und der Sicherheitsbehälter des Reaktors 1 Lecks gekommen haben. Wahrscheinlich ist auch in den Reaktoren 2 und 3 die Kernschmelze schon erfolgt. Das Meerwasser, das kurz nach den Explosionen zur Kühlung eingesetzt wurde, hat also nicht die Außenhüllen der Reaktoren gekühlt, wie damals berichtet, sondern direkt die offenliegenden Brennstäbe. Damit lief hochgradig verseuchtes Wasser tage- und wochenlang in den Boden und ins Meer.

Auch wir haben damals nur die Tepco-Informationen über den Sprecher der japanischen Regierung erhalten. Niemand anderes als die Kraftwerksarbeiter selbst hatten dort Zugang. Was sagen die Japaner jetzt über den Informations-GAU? 

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Regierungschef Naoto Kan auf dem Weg zur Pressekonferenz.

(Foto: REUTERS)

Die Menschen vor Ort trauen der Regierung und Tepco nicht mehr über den Weg. Kurz nach dem Unglück haben sich alle an den Strohhalm, an die Legislative, geklammert. Jetzt sind die Leute nur noch enttäuscht, nachdem ihnen erst gar nichts und dann die Unwahrheit gesagt wurde. Neu ist für Japan in diesem Zusammenhang, dass die Menschen jetzt auch gegen Atomkraft aufbegehren. Das war bislang keine ausgesprochen japanische Tugend. Inzwischen gibt es mehrere größere Organisationen, auch Mütterorganisationen, die von der japanischen Regierung verlangen, keine Geschäfte mehr mit der Atomindustrie einzugehen. Vor Fukushima gab es in Japan höchstens regionalen Widerstand in den Orten mit Atomkraftwerken. Jetzt gibt es Proteste, die zentral gesteuert werden und die auch die Regierung ordentlich unter Druck setzen.

Wie ist der aktuelle Stand im havarierten Kraftwerk, hat sich die Situation verbessert?

Mit den durch die Explosionen zerstörten Reaktoren gibt es jetzt sieben offene Quellen, aus denen in den Blöcken 1 bis 4 Radioaktivität in Größenordnungen entweicht. Bislang war immer nur die Rede davon, dass im Abklingbecken des Reaktors 4 Brennelemente zur Auskühlung lagern. Solche Abklingbecken befinden sich aber auch in den Reaktoren 1 bis 3 – und das alles unter freiem Himmel. Niemand weiß bislang wirklich, wieviel Radioaktivität schon freigesetzt wurde. Hinzu kommen noch die überfluteten Keller der Anlagen, die mit tausenden von Tonnen hochkontaminierten Wassers gefüllt sind. Ohne Unterlass gelangt Wasser mit radioaktiven Partikeln in den Boden und ins Meer. Die Situation hat sich überhaupt nicht verbessert.

Tepco will in absehbarer Zeit die Kraftwerksruine gesichert haben. Ist das realistisch?

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Die Hülle von Reaktor 4 muss stabilisiert werden.

(Foto: dpa)

Der AKW-Betreiber will uns jetzt wieder weismachen, dass sie bis Januar 2012 die Lage in Fukushima in den Griff bekommen wollen. Solche Aussagen sind hochgradig unseriös, suggerieren sie doch eine Art Sicherheit, dass doch nicht alles so schlimm ist. Nach der nun bestätigten Kernschmelze wissen wir, dass die zu einem Klumpen verschmolzene Masse – das Corium – bestehend aus dem Brennstoff und dem Metall, das den Kern umgab, noch viele Jahre gekühlt werden muss. Das ist nicht wie heißes Eisen, das irgendwann kalt wird. Hier handelt es sich um einen fortlaufenden Prozess unter ständiger Wärmeentwicklung. Ohne ausreichende Kühlung kann sich sogar verfestigtes Corium wieder selbst verflüssigen. Und das ohne weitere Energiezugabe. Verflüssigt sich die Masse wieder, setzt sie zudem hochgiftige Dämpfe frei.

Wie würde Ihr Zeitplan aussehen?

Weil die kritischen Bereiche in Fukushima weiterhin nicht zugänglich sind, handelt es sich bei allen Aussagen nur um Schätzungen. Beim Reaktorunglück in Three Mile Island in Harrisburg 1979 dauerte die Kühlung fünf Jahre. Erst nach zehn bis 15 Jahren konnte das verbrannte Material entsorgt werden. Und wir wissen heute, dass der Schaden in Harrisburg gemessen an Fukushima viel kleiner war. Dort war beispielsweise der Reaktorboden nach der Kernschmelze noch intakt, eine Kühlung konnte erfolgen. In Fukushima sind die Böden durchlöchert, das Kühlwasser fließt immer wieder ab. Jetzt einen Zeitplan aufzustellen und zu behaupten, so machen wir das, diesen technischen Weg gehen wir, ist hochgradig unseriös. Niemand kennt die genauen Daten, niemand weiß, in welchem Zustand die Reaktorsicherheitsbehälter sind. Auch wenn Tepco inzwischen zugibt, dass es Lecks gibt, weiß niemand, wie diese geschlossen werden können. Niemand auf der Welt hat bisher Erfahrungen damit.

Die Behörden in der Präfektur Miyagi – also weit außerhalb der Sperrzone – haben deutlich überhöhte Strahlenwerte in Weidegras entdeckt. Sie haben bereits im April gefordert, die Evakuierungszone deutlich auszuweiten.

Ja, wir hatten Messungen in Fukushima-City vorgenommen, also rund 60 Kilometer von Kraftwerkt entfernt, und schon damals erhöhte Werte festgestellt. Unsere Messungen hat die Regierung nicht anerkannt, und auf Tepcos Daten verwiesen.

Sie haben auch Messungen in Meerwasser durchgeführt. Wie waren dort die Ergebnisse und wie hat die Regierung darauf reagiert?

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Diese Riesenwelle rollte am 11. März auf das AKW zu.

(Foto: AP)

Wie haben radioaktiv kontaminierte Algen nachgewiesen und das genau dokumentiert. Die japanische Regierung gab daraufhin lediglich eine Empfehlung aus, in den betroffenen Gebieten nicht mehr zu ernten. Ein Verbot gibt es aber nicht. Man muss sich auch nicht einbilden, dass die Verseuchung auf das Gebiet der Sperrzone beschränkt bleibt. So wurden bereits Fische in über 60 Kilometern Entfernung von Fukushima gefangen und untersucht, die mit 14.000 bis 16.000 Becquerel pro Kilogramm verseucht waren. Gesetzlich erlaubt sind in Japan maximal 300 Becquerel. Wir werden in Kürze neue Berichte vorlegen von Messungen, die wir in großen Entfernungen von 30-Kilometer-Sperrzone vorgenommen haben.

Kann man davon ausgehen, dass beispielsweise das Meerwasser in weiterer Entfernung des AKW immer sauberer wird?

Nein, es ist ein Trugschluss, dass sich mit der Entfernung die giftigen Substanzen sozusagen verwässern. Tatsächlich ist es so, dass sich radioaktive Partikel nicht gleichmäßig verteilen. Wir haben richtige Wolken nachweisen können, die sich in sogenannten Hotspots niedersetzen. Man muss wirklich die kompletten Gebiete ausmessen, bevor man sie freigibt. Und auch dann sind noch weitere Veränderungen möglich, der Prozess im AKW ist ja noch lange nicht abgeschlossen.

Tausende Japaner leben in Notunterkünften, sie drängen, sie wollen nach Hause. Wird sich ihr Wunsch erfüllen und was kommt auf die Menschen noch zu?

Auch hier ist es schwierig, zuverlässige Aussagen zu treffen. Fakt ist, dass die japanische Regierung die Evakuierung der betroffenen Gebiete erst spät und dann nicht ausreichend angewiesen hat. Dadurch sind viele tausend Menschen schon jetzt hohen Gesundheitsrisiken ausgesetzt worden. Wir wissen ja, dass gesundheitliche Schädigungen in den seltensten Fällen sofort Wirkung zeigen. Häufig dauert es Jahre und Jahrzehnte, bis die Zellstörungen zutage treten. Dafür gibt es Beweise, dafür muss man nur nach Tschernobyl schauen. Im weiteren Umfeld gibt es dort keine Familie, die nicht einen adäquaten Krankheitsfall aufweisen kann. Was das jetzt für Japan bedeutet, kann niemand genau beantworten.

Tepco hatte versucht, im Reaktor 2 die Strahlenwerte zu messen, die soll wegen "technischer Widrigkeiten" gescheitert sein. Warum gibt es keine zuverlässigen Messwerte?

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Aufnahmen konnte der Mini-Computer machen, Messungen offenbar nicht.

(Foto: dpa)

Das mit den beschlagenen Scheiben am Minicomputer war wahrscheinlich wieder so eine Ausrede. Aber mal im Ernst, es ist heute schon längst möglich ein Messnetz aufzubauen. Erst recht in einem Land, das so dicht mit Atomkraftanlagen bebaut ist wie Japan. Es ist natürlich auch möglich, Messungen durchzuführen und diese Messungen auch sofort transparent der Wissenschaftsgemeinde oder wem auch immer zur Verfügung zu stellen. Dass Tepco oder auch die japanischen Regierung das nicht macht, zeigt, dass sie Angst davor haben, jemand anderes könne Schlüsse aus den Daten ziehen, die ihnen nicht recht wären. Ich kann gar nicht sagen, was ich davon halten soll.

Verbrennen die Verantwortlichen wissentlich ihre Leute?

Ja. Sie setzen die Menschen, die dort leben, erheblichen Gefahren aus, um die Atomindustrie zu retten. Das ist unverantwortlich.

Quelle: ntv.de, Mit Christoph von Lieven sprach Peter Poprawa

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