Dossier

Kieler "Ober-Pirat" setzt auf Professionalisierung Torge Schmidt sucht das Profil

DI10310-20120506.jpg5461750796576347869.jpg

Etwas aufgeregt aber auch sehr neugierig: Torge Schmidt.

(Foto: dapd)

Mit 23 Jahren ist Torge Schmidt vorläufig am Ziel seiner Träume: Der Spitzenkandidat der Piratenpartei zieht gemeinsam mit fünf seiner Mitstreiter in den Kieler Landtag ein. Der junge Mann mit dem kurzen Kinnbart schien am Sonntag noch etwas überfordert von der großen Aufmerksamkeit und den vielen Fragen, die an ihn gerichtet wurden.

Mehr Transparenz in der Landespolitik wollen die Piraten herstellen, zunächst einmal aber vor alle die eigenen parteiinternen Strukturen verändern, sagte Schmidt am Wahlabend. Vor allem stellte der Kieler "Ober-Pirat" klar, dass außer Opposition derzeit nichts in Frage kommt: "Wir bleiben dabei: Es wäre unverantwortlich in der Regierungsverantwortung zu stehen."

Im Wahlkampf wehrte er sich gegen die Vorwürfe der etablierten Parteien, den Piraten fehle es an Inhalten und politischer Linie. Der gelernte Kaufmann aus dem kleinen Ort Büdelsdorf bei Rendsburg, der an einer Fern-Uni Wirtschaftsinformatik studiert, verwies auf die Kompetenz, die seine Partei in den Bereichen Bürgerrechte, Netzpolitik und Transparenz politischer Prozesse habe.

Den Weg zur Politik fand der American-Football-Fan, der früher selbst aktiver Spieler war, durch die Auseinandersetzungen um die staatliche Vorratsdatenspeicherung. Damals habe er sich entschieden, aktiv zu werden, um gegen "Fehlentscheidungen in der Netzpolitik" vorzugehen. Dass er bei den Piraten landete, lag auch in der Familie: Sein Stiefvater gehört seit 2007 zu den schleswig-holsteinischen Piraten. Schmidts Mutter ist dort ebenfalls aktiv.

Mutter und Stiefvater auch dabei

Alle drei standen auf der Kandidatenliste für die Landtagswahl. Dennoch können sie nicht miteinander im Parlament sitzen: Hochrechnungen zufolge bekommen die Piraten sechs Mandate. Schmidts Stiefvater Hans-Heinrich Piepgras und seine Mutter Birgitt Piepgras verpassten auf den Listenplätzen sieben und neun somit knapp den Einzug in den Kieler Landtag.

Dass die Piraten auf Anhieb auch im Norden mit über acht Prozent in den Landtag kamen, überraschte am Sonntag kaum noch jemanden. Nach Berlin und dem Saarland gelang es ihnen offenbar auch im ländlich geprägten Schleswig-Holstein, sich ein beachtliches Sympathisantenpotenzial zu erschließen.

Für den selbstbewussten Schmidt ist das keine Überraschung. Dass Themen wie Transparenz und Bürgerbeteiligung nur Metropolenbewohner umtreiben, glaubt er nicht. „Das interessiert eigentlich jeden Menschen, auch den Landwirt vor Ort.“ Ihren Wahlkampf konzentrierten die Piraten in Schleswig-Holstein auf Dörfer und Kleinstädte, wobei ihnen zugute kam, dass sie in der Fläche durchaus verankert sind und in ihren Reihen nicht nur typische Computerexperten sitzen. So zieht mit Wolfgang Dudda ein 54-jähriger Zollbeamter in den Landtag ein.

Turnschuh-Träger Schmidt, der schon in seiner Kindheit ein begeisterter Computerbastler war und bis heute gern Zeit bei Strategie- und Rollenspielen am Rechner verbringt, will die Piraten als professionelle und ernstzunehmende Partei etablieren. Dabei setzt er auch auf Experten wie Patrick Breyer, einen Juristen von der schleswig-holsteinischen Westküste, der sich bundesweit einen Namen als Mitorganisator der erfolgreichen Verfassungsbeschwerde gegen die Vorratsdatenspeicherung machte. Er ist künftig ebenfalls im Landtag vertreten, genauso wie die frühere Grünen-Politikerin Angelika Beer.

Die jüngste Debatte um etwaige rechtsextremistische Mitglieder hat den Nord-Piraten offenkundig nicht geschadet. Schließlich hatten sie sich bei ihrem Bundesparteitag in Neumünster nachdrücklich von rechtem Gedankengut distanziert. Den Einzug in den Kieler Landtag sieht Schmidt als gute Gelegenheit, das Erscheinungsbild seiner noch jungen Partei zu schärfen.

Quelle: n-tv.de, Sebastian Bronst, AFP

Mehr zum Thema