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Vorkämpfer statt Strahlemann Der alte Guttenberg war besser

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Guttenberg auf der Bühne: Es sollte der endgültige Befreiungsschlag werden.

(Foto: dpa)

Verteidigungsminister Guttenberg ist ein Politiker neuen Typs: Er ist nicht abhängig vom Wohlwollen der Kanzlerin oder seines Parteichefs, sondern vom Jubel der Massen. Doch der neue Guttenberg wird auf Angriff setzen. Für die Union mag das gut sein, für das Land ist es schlecht.

Mit seinem Verzicht auf den Doktortitel hat Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg einen Befreiungsschlag versucht. Er will als Handelnder auf der Bühne stehen, nicht als Objekt des Handelns anderer. Das ist nachvollziehbar, geht jedoch an der Realität vorbei. Er kann darauf verzichten, seinen Doktortitel auf seine Visitenkarten, seine Webseite und seine Wahlplakate setzen zu lassen. Auf den Titel selbst kann Guttenberg nicht verzichten, weder vorübergehend noch dauerhaft.

Es ist die Promotionskommission der rechts- und wissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth, die jetzt handelt. Sie allein entscheidet, ob Guttenberg seine Promotionsurkunde behalten darf. Kommt die Kommission zu dem Schluss, dass er bei seiner Promotion bewusst getäuscht hat, wird sie die Doktorprüfung für nicht bestanden erklären und die Urkunde einziehen. Guttenberg selbst hat der Kommission diesen Schritt nahe gelegt - in einem Brief an die Universität bittet er um Rücknahme des Titels, weil seine Dissertation "gravierende handwerkliche Fehler" enthalte.

Scheibchenweise räumt Guttenberg das Feld. Am 16. Februar nennt er die Plagiatsvorwürfe "abstrus", zwei Tage später räumt er "Fehler" ein, über die er "selbst am unglücklichsten" sei. Am 21. Februar sagt er bei seinem Auftritt im hessischen Kelkheim, er habe "möglicherweise an der ein oder anderen Stelle" den "Überblick über die Quellen verloren". Zu diesem Zeitpunkt ist der Brief nach Bayreuth bereits bei der Uni angekommen.

Wie eine Urlaubsfahrt im Dienstwagen

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Demut à la Guttenberg: Einzug zu "Hells Bells" im hessischen Kelkheim.

(Foto: dapd)

Was Guttenberg fehlt, ist nicht ein Doktortitel oder das 2. Staatsexamen. Ihm fehlt die Kunst der Selbstkritik, die Fähigkeit, kurz inne zu halten und das eigene Handeln zu hinterfragen. Oder doch nicht? "In der mir abgesprochenen Demut entschuldige ich mich bei allen, die ich verletzt habe", sagt er in Kelkheim.

Auf dem Guttenplag-Wiki wurden bis Montagabend 3521 von 16.325 Zeilen gezählt, die schlicht abgekupfert wurden. Von einem anderen Kaliber ist der Vorwurf, Guttenberg habe zwei Arbeiten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags für seine Dissertation anfertigen lassen. Das entspräche einer Urlaubsfahrt im Dienstwagen. Doch die Prognose sei gewagt: Seine Anhänger im Internet und in der Union stünden auch dann zu ihrem Minister, wenn der Vorwurf des Amtsmissbrauchs - denn darum geht es - bestätigt würde.

Guttenbergs Anhänger und Parteifreunde argumentieren nun, dieses Land habe doch wohl wichtigere Probleme als fehlende Fußnoten. Da ist was dran. Es ist auch nachvollziehbar, dass die Soldaten in Afghanistan sich angesichts der Kämpfe dort nicht für Plagiatsvorwürfe interessieren. Doch geht es hier nicht um Fußnoten. Ob sie es wollen oder nicht: Die Soldaten haben einen Anspruch auf einen Minister, der kein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit hat. Natürlich ist es egal, ob Guttenberg wissenschaftlich arbeiten kann. Nicht egal ist jedoch, ob er ehrlich ist.

Demut oder Pose?

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Zwei Konservative in Kelkheim: Dr. Roland Koch und Karl-Theodor zu Guttenberg.

(Foto: dapd)

Kann man Guttenberg noch trauen? Ist seine "Demut" mehr als eine Pose? Diese Fragen muss jeder Bürger, mit oder ohne Uniform, für sich selbst beantworten. Bislang ist die Zustimmung zu Guttenberg weiterhin hoch: In einer Infratest-Dimap-Umfrage für die ARD äußerten sich 73 Prozent der Befragten zufrieden mit Guttenbergs politischer Arbeit.

Für Guttenberg gelten offensichtlich andere Maßstäbe als für andere, langweiligere Politiker. Man mag dies beklagen oder begrüßen: Die Zustimmung, die Guttenberg erfährt, ist die Grundlage für seinen Verbleib im Amt. Anders als normale Minister ist er nicht abhängig vom Wohlwollen der Kanzlerin oder seines Parteichefs, sondern allein vom Jubel der Mehrheit. Sollte der verhallen, werden Horst Seehofer und Angela Merkel nichts Eiligeres zu tun haben, als Guttenberg fallen zu lassen.

Schon jetzt ist er nicht mehr der Guttenberg, der er bislang war, nicht mehr der Strahlemann der Politik, nicht die Verkörperung einer gleichzeitig modernen und konservativen Union. Auch wenn Unionspolitiker hinter den Kulissen die Köpfe schütteln - Guttenbergs Umgang mit dem Plagiatsvorwurf zwingt sie, die Reihen zu schließen. Über kurz oder lang werden es diese geschlossenen Reihen sein, die Guttenbergs öffentliches Bild prägen. Der neue Guttenberg wird auf Angriff setzen, nicht auf Diskussion, er wird spalten statt zusammenzuführen. Mag sein, dass große Teile der Union sich freuen, dass die Rolle des konservativen Vorkämpfers wieder prominent besetzt ist, mag sein, dass auch Linke sich freuen, ein neues Feindbild zu haben. Für die Gesellschaft insgesamt war der alte Guttenberg besser.

Quelle: n-tv.de

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