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Schon verxingt? Ich bin Web.2.0

von Samira Lazarovic

Seit zwei Wochen kann ich stolz verkünden: Ja, auch ich bin ein Mitglied der neuen Web 2.0-Gesellschaft. Wie ich das geschafft habe? An einem langweiligen Sonntagvormittag habe ich eine der Einladungen eines Mitglieds der Business-Networking-Community Xing angenommen, die vorgegebenen Felder ausgefüllt und voil: Ich gehöre dazu.

Ich kann jetzt also Super-Kontakte knüpfen, neue Ideen austauschen, von Headhuntern verlockende Angebote erhalten, alte und neue Freunde finden – und das auch noch kostenlos. Das Ganze hat auch einen angenehmen geschäftlichen Touch, denn Communities wie etwa "MySpace", bei denen die wichtigsten Kategorien Hobbys und Lieblingsmusik sind, richten sich offensichtlich an eine andere Zielgruppe. Im ersten Monat ist man sogar noch Premium-Mitglied und kann E-Mails an andere Premium-Mitglieder verschicken, sich die Fotos der Leute anschauen, die das eigene Profil besuchen, etc. etc. Kaum gewöhnt man sich daran, ist der Monat wohl um und man muss sich überlegen, ob man monatlich 5,95 Euro für die neue Netzfamilie ausgeben möchte. Jetzt wird mir auch klar, warum ich so viele Einladungen für Xing bekommen habe. Denn man kann sich einen Premium-Monat verdienen, wenn man zehn neue Leute einlädt.

Doch was hat mir mein neues Hobby nach zwei Wochen gebracht? Ich habe kümmerliche 14 Kontakte, so gut wie alle davon zu Leuten, die ich sowieso ständig sehe/höre oder anmaile. Und bei der Suche nach weiteren Bekannten habe ich zufrieden festgestellt, dass ich offenbar doch nicht die letzte Mohikanerin bin, die sich verxingt hat. Vielleicht gehöre ich doch noch zu den – wenn auch späten – Vorreitern? Alte Bekannte und Freunde habe ich auch noch nicht wieder getroffen. D.h. einige Namen habe ich gefunden – aber ist es nicht irgendwie unhöflich, sich nach zehn Jahren nur deswegen zu melden, weil man seine Kontaktliste erweitern möchte? Es ist aber schon äußerst interessant, zu sehen, was einige schon halb vergessene Freunde, Kollegen, Bekannte heute so machen - das der andere schnell feststellen kann, wer da auf der Seite geschnüffelt hat, habe ich peinlicherweise erst später festgestellt. Ich kann jetzt auch bestätigen, dass die Theorie, die Unternehmenschef Lars Hinrichs inspiriert hat, Open BC zu gründen, nämlich dass jeder Mensch mit jedem anderen Menschen auf dieser Erde über höchstens sechs Ecken miteinander verbunden ist, funktioniert. Einige meiner besten Freunde kenne ich nicht nur, weil sie meine Freunde sind, sondern auch über drei andere Ecken - toll.

Unglaubliche Jobangebote waren noch nicht dabei, dafür hat aber auch niemand versucht, mir eine Versicherung anzudrehen. Und nach nur drei Tagen ist mir Nils Rüstmann begegnet. Wenn Ihnen dieser Name nichts sagt, dann sind Sie mit großer Wahrscheinlichkeit noch kein Mitglied. Herr Rüstmann ist mit grob 14.000 Kontakten das wohl aktivste Xing-Mitglied und in den einschlägigen Foren wird bereits gemunkelt, dass er nicht nur Deutsch, Englisch, Französisch und Ostfriesisch, sondern auch alleine von seiner openBC-Mitgliedschaft leben kann. Ob das stimmt, bleibt sein Geheimnis, aber es könnte hilfreich sein, dass Herr Rüstmann Eventmanager ist und seinen Kontakten alle paar Tage Einladungen zu Xing-Partys wie der "Berliner Köpfe Nacht" oder auch einer "I love Berlin"-Fete schickt. Wie aus Redaktionskreisen zu erfahren war, gibt es auf diesen Partys jede Menge Leute, die sich mit ihren Visitenkarten bewaffnet im "richtigen Leben" vernetzen wollen, um dann wieder die Kontaktlisten im Netz aufzufüllen. Mein Auto, meine Yacht, meine Xing-Kontaktliste

Quelle: ntv.de