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Zwischenruf Irankrise: "Profit, Profit über alles!"

Der Ölboykott der EU gegen den Iran erweist sich offenbar als Bumerang. Der Preis pro Barrel ist hoch wie lange nicht. Vor dem Hintergrund des iranischen Atomprogramms wächst die Gefahr eines israelischen Angriffs den Mullahstaat. Die USA versuchen, das Schlimmste zu verhindern.

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Iranische Ölanlage: Der Rohstoff macht mächtig.

(Foto: dpa)

Es kam, wie es kommen musste: Nach dem Stopp der iranischen Rohöllieferungen an Frankreich und Großbritannien kletterte der Preis pro Barrel auf den höchsten Stand seit neun Jahren. Die Märkte, besser: die Rohstoffmultis, verweigern sich dem politischen Druck der Europäischen Union auf das Regime von Mahmud Ahmadinedschad. Profit, Profit über alles! Die Sanktionen schlagen auf ihre Urheber zurück. Das hätten die außenpolitischen Strategen von Berlins Werderschem Markt über Paris‘ Quai d’Orsay bis hin zu Londons Whitehall wissen müssen. Auch der Bankenboykott will so recht nicht fruchten. Indien bezahlt seine Öleinfuhren aus dem Iran mittlerweile nicht mehr in US-Dollar, sondern in Gold. Es wird erwartet, dass China dem Beispiel folgt. Das gleicht den Ausschluss vom internationalen Bankensystem zumindest teilweise aus.

Sanktionen gegen die Diktatur im Iran sind offensichtlich nicht der richtige Weg, das Land vom Streben nach Ausbau seiner nuklearen Fähigkeiten abzuhalten. Die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen und das Entstehen neuer Atommächte müssen verhindert werden. Die bevorstehende Inbetriebnahme tausender Uran-Zentrifugen der vierten Generation in der neuen Anreicherungsanlage in der Nähe der den Schiiten heiligen Stadt Ghom wird den Iran in die Lage versetzen, den Prozess der Urananreicherung spürbar zu beschleunigen. Das bringt das Land einen weiteren Schritt näher an eine mögliche militärische Nutzung. Das Problem: Schlüssige Beweise, dass Teheran nach Atomwaffen strebt, gibt es nicht. Eine zivile Nutzung ist laut Atomwaffensperrvertrag (NPT) erlaubt. Iran hat das Abkommen unterzeichnet. Israel hat seine Unterschrift verweigert. Doch während Israel seine Atomwaffen als Abschreckungspotential nutzt, hat der Iran wiederholt damit gedroht, Israel "von der Landkarte zu tilgen".

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Weder Sanktionen noch militärischer Druck sind der Königsweg: Allein durch Verhandlungen kann den Griff der Mullahs nach der atomaren Keule verhindert werden. Israelische Luftangriffe, wie sie von der Regierung in Jerusalem immer wieder ins Spiel gebracht werden, dürften geradewegs in die Katastrophe führen. Wie ernst es Israel mit der militärischen Option ist, zeigt die Entsendung des Sicherberaters von US-Präsident Barack Obama nach Jerusalem: Tom Donilon will sein Möglichstes tun, um einen Angriff auf den Iran zu verhindern. Großbritanniens Außenminister William Hague hat derweil die ablehnende Haltung seines Landes zu einem militärischen Vorgehen bekräftigt.

Zwar wollen die USA wie Großbritannien und Frankreich verhindern, dass sich vom Iran über den Irak und Syrien bis in den Libanon dauerhaft ein "schiitischer Halbmond" etabliert. Hier ist auch die Unterstützung für sunnitische Opposition gegen Syriens Baschar al-Assad einzuordnen. Doch ein bewaffnetes Eingreifen könnte nur allzu rasch zu einem (zunächst?) regionalen Flächenbrand führen. Am Wochenende hat der Iran wieder zwei Kriegsschiffe in Richtung Syrien entsandt. Die Spannung steigt. Wieder einmal. Und die Ölpreise auch.

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Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist er Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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