Kommentare

Zwischenruf Kontinuität mit einem kleinen Knick

Bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien profiliert sich die grüne Kandidatin Marina Silva zur Gegenspielerin von Dilma Rousseff. Nicht zuletzt, weil Lula der Grünen mit seiner Politik der Armutsbekämpfung Wähler beschert. Nun muss seine Kandidatin Rousseff zur Stichwahl.

2010-10-03T235846Z_01_RJO801_RTRMDNP_3_BRAZIL-ELECTION.JPG8583782440985350416.jpg

Marina Silva bietet ihrer Konkurrentin die Stirn.

(Foto: REUTERS)

Der Ausgang der Präsidentenwahlen in Brasilien ist nicht überraschend. In dem Maße, in dem die grüne Kandidatin Marina Silva in den letzten Wochen vor dem Urnengang an Popularität gewann, sanken die Chancen der Kandidatin der regierenden Partei der Werktätigen (Partido dos Trabalhadores, PT) von Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva, das Rennen im ersten Wahlgang für sich zu entscheiden.

Marina Silva gehörte bis 2008 der PT an und war erste Umweltministerin des südamerikanischen Landes. Sie schied wegen Meinungsverschiedenheiten über die Gentechnik und Staudammprojekte aus dem Kabinett wie aus der Partei aus und trat der 1986 gegründeten Grünen Partei (Partido Verde, PV) bei. Die PV war bis dato politisch kaum wahrnehmbar. Der Beitritt der Umweltaktivistin verschaffte der Partei großen Zulauf, vor allem unter den urbanen Mittelschichten. Dies ist paradoxerweise eines der Ergebnisse der Politik von Lulas Armutsbekämpfung: Rund 20 der 194 Millionen Brasilianer waren in den acht Jahren seiner Präsidentschaft aus der Armut in die untere Mittelschicht aufgestiegen. Auch der Übertritt der Tochter des von Großgrundbesitzern ermordeten kommunistischen Umweltschützers Chico Mendes zur Assembleia de Deus, einer auch in Brasilien einflussreichen evangelikalen Pfingstkirche, hat dazu beigetragen, der PV neue Wähler zuzuführen. Vetternwirtschaft in der Regierung tat ihr Übriges.

Lulas Kandidatin wird siegen

2010-10-04T015040Z_01_BSB124_RTRMDNP_3_BRAZIL-ELECTIONS.JPG8076325610164580727.jpg

Dilma Rousseff muss in die Stichwahl.

(Foto: REUTERS)

José Serra, der unterlegene Kandidat der (christdemokratisch-liberalen) Partei der Brasilianischen Sozialdemokratie (Partido da Social Democracia Brasileira, PSDB) müht sich nun, die rund 19 Prozent der Stimmen für Marina Silva für die zweite Runde in sein Lager zu ziehen. Dies dürfte nur zu einem geringen Teil gelingen. Sicher, die grüne Kandidatin hat sich nicht zuletzt auch durch Abgrenzung von Dilma Rousseff, der früheren Guerillakämpferin und einstigen Gegenspielerin im Kabinett, profiliert. Doch ein Wechsel der Grünen zur PT ist leichter als zur PSDB, die vielen als Partei des Unternehmertums gilt.

So ist ein Sieg von Dilma Rousseff am 31. Oktober so gut wie sicher. Dies bedeutet: Auch künftig wird Brasilien wirtschaftspolitisch auf Entwicklung und innenpolitisch auf soziale Verbesserungen setzen. International wird sich Brasilien versuchen, sich weiter als eine Art Sprecher Lateinamerikas zu profilieren. Im Bündnis mit Indien, China und Südafrika wird sich das Land bemühen, die Interessen der Schwellen- und unterentwickelten Länder im Rahmen der G 20 geltend zu machen. Kontinuität halt, nach einem kleinen Knick.

Bleskin.jpg

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: ntv.de