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"Das kotzt mich nicht an" Millionär Steinbrück ein einfacher Mann?

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Angekotzt? Aber nicht doch.

(Foto: dpa)

Es ist paradox: Obwohl Kanzlerkandidat Steinbrück bisher wenig vorzuwerfen ist, herrscht eine Stimmung, als gäbe es in Sachen Honorare einen Untersuchungsausschuss gegen ihn. Die Fragen hart, die Offenheit selten. Doch das eigentliche Problem des Kandidaten sind nicht die gut bezahlten Vorträge an sich.

Keine Frage: Peer Steinbrück ist genervt. Die Mundwinkel tief nach unten gezogen, der ernste Blick, die hanseatisch-schnodderigen Antworten. Und wenn der 65-Jährige sagt, er sei "nicht angekotzt" über die Situation, dann klingt das natürlich stark nach dem Gegenteil. Ein bisschen wie in einem Untersuchungsausschuss wirkt die Fragestunde, der sich der gewiefte SPD-Mann über seine Einnahmen aus dutzenden Vorträgen stellt. Die Journalisten sind nicht gerade zimperlich. Es gibt konkrete Fragen – aber auch konkrete Antworten.

Steinbrück muss einräumen: Er hat zwei honorierte Vorträge nicht ordnungsgemäß angegeben. Er habe das "verschwitzt", sagt er. Das zu glauben, fällt nicht schwer. Der Mann hat hunderte Termine und 16-Stunden-Tage. Der Rest sei ordnungsgemäß gelaufen, versichert die rote Kanzlerhoffnung erneut. Und setzt noch obendrauf: Die Transparenz, die er schaffe, sei bemerkenswert. "Ich gehe weit über die Richtlinien hinaus." Und auch das stimmt.

Bislang ist Steinbrück also – bis auf die beiden versäumten Angaben – nichts vorzuwerfen. Das ist die freie Marktwirtschaft. Wenn Unternehmen bereit sind, für einen Vortrag tausende Euro hinzublättern – verboten ist das nicht. Dass der gerne von Banken gebuchte Steinbrück sich abhängig macht von seinen Auftraggebern, ist bisher allenfalls eine Spekulation. Eigentlich aber kann man sicher sein: Der knallharte echte Lobbyismus, die richtige Beeinflussung findet wohl kaum auf diese letztlich doch recht öffentliche Art und Weise statt.

"Kann mir doch egal sein"

Nein, Steinbrück hat ein ganz anderes Problem. Und bei diesem Punkt kommt er auch ins Schlingern. Darf ein sozialdemokratischer Kanzler Millionär sein? Das ist wohl keine Sache des Gesetzes, sondern der Geschichte und des Selbstverständnisses der ach so stolzen Volkspartei. "Die Frage kann ich verstehen", sagt Steinbrück. Und kracht inhaltlich dann zusammen. Die Frage sei doch eher, so Steinbrück, warum Krankenschwestern und Co. so schlecht bezahlt würden. Das ist heiß gestrickt, das ist fast ein bisschen peinlich. Brioni-Kanzler Gerhard Schröder, einst Chef der Basta-SPD und ganz dicke mit "dem Peer", hat es dann anscheinend verpasst, für Lohngerechtigkeit zu sorgen. Und die Agenda 2010, ein Werk der Sozialdemokratie, hat den Niedriglohn erst etabliert und dadurch die Arm-Reich-Schere richtig geöffnet. So eloquent Steinbrück sein mag – diese moralinsaure Rhetorik ist schlimm.

Steinbrück muss sich die Diskussion gefallen lassen. Anders: Die SPD muss sie führen. War nicht ihre große Stärke die Verbundenheit mit dem echten Leben des kleinen Mannes? Kann ein Millionär noch ausreichend betroffen sein von den Widrigkeiten des deutschen Lebens, von Angst vor Absturz, Arbeitslosigkeit und Krankheit? Kann er sich durch sein dickes Konto nicht ständig mit einem "Kann mir doch letztlich egal sein" entziehen?

Steinbrück wird durch Deutschland touren. Auf den Straßen und Plätzen der Republik wird Platz sein für unbequeme Fragen. Wenn die SPD noch die stolze Partei ist, die zu sein sie behauptet, wird der einfache Mann der Basis sie auch stellen.

Quelle: n-tv.de

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