Kommentare

Kommentar Vorbild Guttenberg

2wal0127.jpg3840804171284662331.jpg

Wird Guttenberg die ganze Affäre aussitzen können? Die Zweifel wachsen.

(Foto: dpa)

Er glaube, dass er ein Vorbild sein könne, "auch, was das Erkennen und Eingestehen von Fehlern anbelangt", sagt der Verteidigungsminister. Da hat er recht: Guttenberg hat neue Standards gesetzt. Die Latte für einen Minister-Rücktritt hängt ab sofort sehr viel höher.

War das Durchhaltevermögen oder Dreistigkeit? In einer Antwort auf Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sagte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Bundestag, er halte weiterhin an dem Teil seiner Erklärung vom vergangenen Freitag fest, in der er sagte, der Vorwurf, seine Dissertation sei ein Plagiat, sei "abstrus". Ein Plagiat setze nämlich voraus, "dass man bewusst und vorsätzlich getäuscht haben sollte". Er habe jedoch weder bewusst noch vorsätzlich getäuscht, sondern gravierende Fehler gemacht. "Und diese Unterscheidung ist eine, die man auch anlegen sollte, wenn man Urteile über andere bildet, weil es ein Urteil ist, das natürlich eine strafrechtliche Relevanz in sich tragen könnte. Und da muss man aufpassen, dass man nicht in den Bereich kommt, dass man in die üble Nachrede oder ähnliches abdriftet, und das wollen Sie ja sicher auch nicht."

Es passiert nicht häufig, dass ein Politiker, dem auf der Basis einer gewissen Plausibilität Fehlverhalten vorgeworfen wird, mit einer Anzeige wegen übler Nachrede droht. Doch Angriff ist die beste Verteidigung, wird sich der Minister gedacht haben. Die Union hilft ihm dabei. Gegen Guttenberg laufe eine "Kampagne", lautet die Sprachregelung von CDU und CSU. Das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Eine Kampagne ist das, was Guttenberg und die Union zur Rettung des Ministers aufführen.

Dazu gehört das Eingeständnis von Fehlern bei gleichzeitigem Bestreiten des Vorsatzes, dazu gehört die Trennung zwischen Mensch und Minister, dazu gehört sogar die Selbststilisierung noch in der Defensive: Er glaube, dass er ein Vorbild sein könne, "auch, was das Erkennen und Eingestehen von Fehlern anbelangt", so Guttenberg.

Guttenberg steckt in einer Zwickmühle

Zugegeben, er steckt in einer Zwickmühle. Gibt er zu, dass seine Arbeit in weiten Teilen ein Plagiat ist, muss er zurücktreten, denn dann hat er bewusst betrogen. Bestreitet er es, setzt er sich dem Verdacht aus, die Öffentlichkeit zu belügen - jene Öffentlichkeit, die all das bislang mehrheitlich schulterzuckend zur Kenntnis nimmt. Guttenberg profitiert von einem Ressentiment, das er selbst nicht selten bemüht hat: Politiker sind doch ohnehin nicht ehrlich. In der Sprachregelung der Union: "Keiner ist fehlerfrei, auch in der Politik nicht."

Guttenberg hat sich für das Aussitzen entschieden. Seine alte Universität hilft ihm dabei. Sie entzieht ihm zwar den Doktortitel, weil er wissenschaftliche Standards "objektiv nicht eingehalten" habe. Es sei auch "kein bloßer Bagatellfall". Ob Guttenberg jedoch bewusst getäuscht hat, lässt man in Bayreuth lieber offen.

CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt polterte im Bundestag, die Debatte werde eine Randnotiz in der Geschichte des Hohen Hauses bleiben. Er hat Unrecht. Die Fragestunde und die Aktuelle Stunde markieren einen Wendepunkt. Ob Guttenberg am Mittwoch im Bundestag Durchhaltevermögen oder Dreistigkeit demonstriert hat, ist keine Frage des politischen Geschmacks. Guttenberg hat neue Standards gesetzt. Die Latte für einen Minister-Rücktritt hängt ab sofort deutlich höher.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema