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Maske oder nicht Maske? Österreich irrlichtert durch die Krise

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Maske oder nicht Maske, das ist hier die Frage. Ab kommenden Montag müssen die Österreicher einen Mund-Nase-Schutz (kurz: MNS) tragen - aber nur, wenn sie in Supermärkten und Drogerien einkaufen. Und nur, wenn die Läden eine Verkaufsfläche von mehr als 400 Quadratmetern haben. Ach ja: Wenn keine Masken vorrätig sind, reicht auch ein Schal.

Da kann die Neigungsgruppe Sebastian Kurz im Axel-Springer-Hochhaus noch so oft vom "knallharten Klartext-Kanzler" schreiben - so langsam erweckt die Regierung den Eindruck, sie kenne sich selbst nicht mehr aus. Um die irrlichternden Signale in der Corona-Krise geht es in dieser Ausgabe des Newsletters. Außerdem: ein Update aus Ischgl.

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etwas schupfen: etwas bewältigen, den Laden schmeißen 

Achtung, Metaphern-Salat: Am Montag präsentierte die Bundesregierung in ihrer Zwischenbilanz zur Corona-Krise statt der erhofften Lockerungen Durchhalteparolen - und Kanzler Sebastian Kurz sprach warnend von der "Ruhe vor dem Sturm" und davon, dass bald jeder jemanden kenne, der gestorben ist. Nur drei Tage später wähnte Gesundheitsminister Rudolf Anschober "Licht am Ende des Tunnels". Haben wir es also mit einer Art Windkanal zu tun, dessen Turbinen jeden Moment starten könnten? Woher kommt dieses Licht und sollten wir wirklich darauf zugehen?

Die Regierung wirft mit ihrer Strategie momentan viele Fragen auf, sie scheint das selbst zu spüren: Ein Frage-und-Antwort-Papier des Gesundheitsministeriums zur neuen Maskenpflicht in Supermärkten umfasst stolze sechs Seiten. Kompakt sieht anders aus.

Im Papier steht übrigens, dass der Mund-Nasen-Schutz kostenfrei ausgegeben werden soll. Dem Handel gefällt das nicht. Bei steigenden Weltmarktpreisen von bis zu einem Euro pro Maske und einem geschätzten Tagesbedarf von vier Millionen wird es nur ein paar Tage dauern, bis der Kunde selbst die MNS bezahlt - egal, ob direkt im Laden oder vermittelt über die Staatskasse. Schon jetzt verlangt der Handelsverband eine Kostenbeteiligung des Bundes und das Thema dürfte sehr schnell größer werden.

Nächste Woche will die Bundesregierung Pläne für das "langsame Hochfahren" vorstellen. Die Wirtschaft geht vor, das hat Sebastian Kurz schon klargemacht - dann müsste die Maskenpflicht eigentlich auch auf wieder geöffnete Baumärkte und andere Geschäfte ausgeweitet werden. Logisch erscheint es eigentlich auch, Masken in Arztpraxen, Bussen und überhaupt im öffentlichen Raum vorzuschreiben - so wie es etwa Wissenschaftler der Uni Innsbruck auf Grundlage theoretischer Modelle in einem Offenen Brief an die Regierung forderten.

Aber logisch ist in diesen Tagen nicht alles, siehe Wien: Dort hält die SPÖ-geführte Regierung die städtischen Parks offen für Spaziergänger, Radfahrer und Jogger. Die Bundesgärten wie der Schlosspark Schönbrunn und den Augarten bleiben allerdings geschlossen, verantwortlich: die ÖVP-Bundesministerin Elisabeth Köstinger. Die findet Forderungen nach einer Öffnung "verantwortungslos", im Gegenzug wirft die SPÖ Wien ihr "kindisches Verhalten" vor. Mitten hinein in das Wirrwarr beschließt die Regierung übrigens eine neue Regelung: Straßen können für den Verkehr gesperrt werden. Dann dürften die Wiener bald über den autofreien Gürtel schlendern. Aber nicht durch den Volksgarten an der Hofburg. Logisch, oder?

*Datenschutz

 

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Die lautesten Stimmen, die Maßnahmen endlich zurückzudrehen, kommen aus: Tirol. Ja, wirklich. Aus dem Bundesland, das seinen weltweiten Ruf als Corona-Virenschleuder zu einem Gutteil zwar dem schlichten Pech verdankt, dass der Ausbruch in die Skisaison fiel (wäre das Virus im September aktiv geworden, würden jetzt vielleicht alle über das Oktoberfest und die bayrischen Behörden reden). Aber, und das ist freundlich formuliert, weil Tirol ein schönes Land mit großteils wunderbaren BewohnerInnen ist, denen man die Blamage nicht anlasten kann: Im Zuge des Skandals um den "Ballermann der Alpen" Ischgl haben die Verantwortlichen alles dafür getan, Tirol als gewissenlose, geldgeile Profitmaschine dastehen zu lassen, regiert von der allmächtigen Tourismusindustrie.

Beinahe täglich berichten Medien neue Ungeheuerlichkeiten aus dem österreichischen Epizentrum der Pandemie. Ein besondere Delikatesse grub die Enthüllungsplattform "Semiosisblog" aus: den Mailverkehr zwischen einer empörten niederländischen Touristin und dem Tourismusverband Paznaun-Ischgl. Die Frau hat ihren Urlaub in letzter Minute storniert und fleht die Österreicher an, sie mögen sich doch bitte bei den isländischen Behörden über die dramatische Lage im eigenen Tal informieren. Die Isländer hatten bereits eine Reisewarnung herausgegeben. Die Antwort der Touristiker, geschrieben am 6. März: "The authorities in Austria have the situation very well under control." Drei Tage später wurde der Après-Ski-Schuppen "Kitzloch" geschlossen, die Pisten blieben aber noch bis 15. März geöffnet.

Im ORF lief gestern die Reportage "Ausnahmezustand in Ischgl". Gedreht wurde sie im Januar, es sollte um den Kampf um ein neues Image gehen - als klimaneutrales Skigebiet, das Urlaub für die ganze Familie bietet, wollte sich Ischgl gerne darstellen. Alles hin. Die Dokumentation wurde neu bearbeitet und bietet einen Einblick in eine Welt, in der letztlich nur der Umsatz zählt. Und in der die Touristen das hinnehmen: "Wenn ich keinen Spaß mehr habe im Leben, muss ich mich zu Hause einsperren", sagt ein deutscher Tourist. Nun, da wir alle zu Hause eingesperrt sind, könnte man die Zeit nutzen, sich die Dokumentation in der ORF-Mediathek anzuschauen.

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++ Stand Freitag 8 Uhr verzeichnet Österreich 11.171 bestätigte Coronavirus-Fälle. Bislang sind 168 Menschen an Covid-19 gestorben. ++ Die Zahl der Arbeitslosen ist auf ein historisches Hoch geschnellt. Im März waren fast 563.000 Menschen ohne Job, ein Plus von 52,5 Prozent. Das sind die schlechtesten Zahlen der Nachkriegszeit. Die Arbeitslosenquote ist um 4,7 Punkte auf 12,2 Prozent gestiegen. ++ Die Krise ist die Stunde der Regierung: In einer aktuellen Umfrage des Linzer Market-Instituts kommt die ÖVP auf 43 Prozent der Stimmen, die Grünen auf 19 Prozent. ++ Kein Kommentar zu Ungarn: Für eine Positionierung zu den umstrittenen Notstandsgesetzen von Viktor Orbán habe er wegen Corona einfach "keine Zeit", sagte Sebastian Kurz am Montag - ein paar Stunden später kommentierte er dafür per Tweet die Lage in Venezuela. In der Erklärung der EU-13 zur Verletzung der Grundrechte fehlt Österreich, man wolle "das direkte Gespräch" suchen, hieß es aus dem Europaministerium. ++

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht - aber mein Anspruch in Sachen Zerstreuung ist doch dramatisch gesunken in den vergangenen Wochen. Schon Videoschnipsel wie dieser hier erfreuen mich sehr: Ein Wiener Original erklärt, warum es eh super ist, wenn alle zu Hause bleiben - und warum er dringend unterwegs sein muss.

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Servus und Baba, bis nächsten Freitag

Ihr Christian Bartlau

Quelle: ntv.de