Person der Woche

Personen der Woche Die Gewinner und Verlierer im Kabinett

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Die Halbzeitbilanz der Großen Koalition elektrisiert Berlin. Auch die Minister sind nervös: Wer ist der Beste, wer bekommt die schlechtesten Noten? Zwei Kabinettsmitglieder fallen positiv besonders auf. Zwei sind miserabel unterwegs.

Das politische Berlin ist im Zeugnis-Fieber. Wie in einer Schulklasse vor der Versetzungs-Konferenz herrscht hohe Nervosität. Halbzeitbilanzen werden getextet; Drohungen, Forderungen und Wünsche kursieren, eilends wird die Grundrente beschlossen, damit die Zwischenprüfung des Koalitionsvertrages auch aus Sicht der SPD bestanden werden kann. Das Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid hat in einer Umfrage um eine Schulnote für die Arbeit der Bundesregierung gebeten. Das Ergebnis ist dürftig. Im Durchschnitt erhalten die Bundeskanzlerin und ihre Minister die Note 3,6. Lediglich ein Prozent der Befragten war der Meinung, dass die Arbeit "sehr gut" zu benoten sei.

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Die Schulnoten für die Regierung fallen nicht gut aus.

(Foto: imago/photothek)

Trotz des bescheidenen Ansehens der Großen Koalition fänden es zwei Drittel der Bundesbürger aber doch gut, wenn die Bundesregierung aus Union und SPD ihre Pflicht erfüllte und bis zum Ende der Legislaturperiode 2021 durchhalten würde. Das geben immerhin 68 Prozent aller Befragten im aktuellen Politbarometer an. Fazit in Klardeutsch: Ihr seid schwächlich, aber versetzt in die zweite Halbzeit.

Stark differenziert werden die einzelnen Minister beurteilt. Vier Kabinettsmitglieder fallen dabei besonders auf. Gute Bewertungen in Umfragen wie Kommentaren bekommen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Familienministerin Franziska Giffey (SPD). Sehr schlechte Bewertungen erhalten Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Außenminister Heiko Maas (SPD).

Spahn punktet mit sachlicher Umtriebigkeit. Es vergeht keine Woche ohne Themenoffensive: Pflege-Sofortprogramm, Impfpflicht bei Masern, Apothekenschutzgesetz, Psychotherapeuten-Ausbildung, das Schnelle-Arzt-Termin-Gesetz, Patientenakten auf Smartphone, Studium für Hebammen, Kampf gegen Krebs, Organspendedebatte, ein Aus der Werbung für Schönheitsoperationen sowie Verbote von Behandlungen gegen Homosexualität. Und zwischendurch fliegt er medienwirksam per Billigflieger ins Kosovo, um zu schauen, wie man dort Pfleger für den deutschen Markt anwerben kann. Deutschland erlebt den einstigen Verbal-Provokateur als oberemsigen, ausgleichenden Fachpolitiker, der immer wieder den Schulterschluss mit SPD-Kabinettskollegen sucht. Die fleißige Sachlichkeit mitsamt Sichtbarmachung des Fleißes kommen an. Bundeskanzlerin Angela Merkel lobt ihren einstigen Widersacher so: "Er schafft eine Menge weg." Der "Spiegel" kürt ihn zu Deutschlands angesehenstem Minister. Und selbst die CDU-kritische "Süddeutsche Zeitung" urteilt: "Der Blitz-Heiler".

Was Spahn für die CDU, ist die Familienministerin Franziska Giffey für die SPD. Beide helfen sich auch wechselseitig, starten gemeinsame Gesetzesinitiativen und geben schon mal ein Doppelinterview mit der Botschaft: Erfolgreich weitermachen! Auch so etwas kommt an.

Vor dieser Legislatur kannte kaum jemand außerhalb der Hauptstadtkieze die frühere SPD-Bürgermeisterin von Berlin-Neukölln. Heute ist sie die emotionale Wärmepumpe der Regierung. Mit dem "Gute-Kita-Gesetz" und dem "Starke-Familien-Gesetz" hat sie zwei SPD-Schlüssel-Initiativen durchgebracht, obwohl ihr die lächerlichen Namensgebungen auch jede Menge Spott eingebracht haben. Giffey hat mit ihrem Doktorarbeits-Krimi dem Publikum ein soap-reifes Drama geboten und, in Verbindung mit ihrer menschenfreundlichen Verbindlichkeit, einen behutsamen Charakter sichtbar gemacht, der emotionalen Zuspruch erfährt.

Scheuer kämpft ums Überleben

Das ganze Gegenteil davon bietet Andreas Scheuer. Der CSU-Verkehrsminister kann weder emotional-kommunikativ noch sachlich-politisch punkten. Im Gegenteil: Er kämpft im Maut-Desaster um das nackte politische Überleben. Linkspartei, Grüne und FDP fordern offen seinen Rücktritt. Vom Rechnungshof über das eigene Ministerium bis zum Bundestag bekommt er massiven Gegenwind, ein Untersuchungsausschuss wird über sein politisches Schicksal entscheiden. Da er zum wiederholten Mal ein ungeschicktes Krisenmanagement zeigt, er kein gutes Verhältnis zu Medien und Journalisten pflegt und auch innerhalb der CSU schwindende Rückendeckung erleidet, gilt er als der große Wackelkandidat des Kabinetts. Auch im Kanzleramt ist man verärgert und klagt: "Was immer er anfasst, wird derzeit zum Problem, bis hin zu Gehaltsfragen bei der Deutschen Bahn."

Ähnlich miserabel ist unter den Kabinettskollegen nur Außenminister Heiko Maas angesehen. Dr SPD-Politiker kämpft zwar nicht akut um das politische Überleben. Aber die katastrophale Kommentarlage und die Umfragewerte sind für einen Außenminister einmalig schlecht.

Fast alle Leitmedien kommentieren seine Bilanz brutal negativ: "Minister Schmal. Deutschlands kleine Schuhe sind ihm zu groß" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), "Heiko Maas macht viele Fehler" ("Frankfurter Rundschau"), "Die deutsche Außenpolitik hat ein bemerkenswertes Maß an Passivität und Ideenlosigkeit erreicht" (n-tv). "Selten war ein deutscher Außenminister so farblos" ("Focus"), "Die Bilanz des deutschen Außenministers ist kläglich" ("Neue Zürcher Zeitung"), "Planlos, naiv, weltfremd" ("Cicero"), "Heiko 'Mini' Maas, der Minister fürs Untertauchen und Schuhanziehen" ("Tageszeitung"), "Heiko Maas ohne Plan: Bella Figura ist noch kein Konzept" ("Tagesspiegel"). Die verheerende Kommentarlage findet im Bundestag lautes Echo aus allen Fraktionen bis hin zum Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, der die deutsche Außenpolitik unter Maas sogar als "Totalausfall" disqualifiziert.

Maas' Ansehen immer ramponierter

Normalerweise ist das Amt des Außenministers eine Popularitätsschmiede. Bei Heiko Maas passiert gerade das Gegenteil. Sein Ansehen wird Monat für Monat schwerer ramponiert. Den Tiefpunkt seiner Reputation erreichte Maas, als er seinen Syrien-Disput mit Annegret Kramp-Karrenbauer ausgerechnet in Ankara austrug, die deutsche Verteidigungsministerin dort abkanzeln und brüskieren wollte, am Ende aber sich selbst damit traf. In seiner Amtsführung passieren - für das ansonsten so protokollsichere Außenamt besonders peinlich - ungewöhnlich viele diplomatische Fehler, so jetzt in einem Namensartikel zum Fall der Mauer, bei dem Maas alle und jeden für ihre Hilfe auf dem Weg zur Wiedervereinigung lobt - nur nicht die Amerikaner. Die ihn ebenso wie die Russen und Türken inzwischen öffentlich als Leichtgewicht abtun.

Manches am gegenwärtigen Maas-Bashing wirkt übertrieben und ungerecht, denn der Außenminister ist weder in Skandale noch in grobe Richtungsfehler verwickelt. Er verkörpert in etlichen Gemengelage aber die grundsätzliche Passivität und Mutlosigkeit der deutschen Außenpolitik. Wie in einem Maas-Spiegel erkennt das deutsche Publikum die Ohnmacht der eigenen Nation - vom Brexit bis zum Irankonflikt, von der Ukrainefrage bis zur Migrationskrise, von der Europapolitik über die Syrienfrage bis zur Nato-Krise. In all diesen Gemengelagen hat die Bundeskanzlerin (weil selbst auf der politischen Zielgeraden ihres Lebens) Deutschland in einen Passiv-Modus geschaltet. Der Außenminister muss für diese Politik häufig nur den Kopf hinhalten. Aber er tut es eben besonders sündenbocktauglich.

Quelle: ntv.de