Pressestimmen

Verbot von Beschneidungen "Das zeugt von Intoleranz"

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Juden und Muslime sind besorgt, seit ein Kölner Gericht die Beschneidung von Jungen verboten hat. Das Thema bewegt auch die Medien. Offenbart das Verbot eine intolerante antireligiöse Haltung der Deutschen? Oder muss die Religionsfreiheit an der Vorhaut aufhören? Die Presse gibt sich einer hitzigen Debatte hin.

Die Braunschweiger Zeitung verärgert vor allem die Sprache in dieser Debatte: "Vergleiche sollen das eigene Anliegen unterstreichen, sie sollten aber stimmen", schreibt das Blatt. "Den Holocaust in einem Atemzug mit dem Kölner Urteil zu nennen, tut weh - und zwar allen. Er verharmlost die millionenfachen Gräueltaten an den Juden und stellt die bundesrepublikanische Justiz in eine Reihe mit den Schergen, die in Hitler-Deutschland 'Recht' sprachen." Laut der Zeitung missversteht der Satz obendrein diejenigen, die das Urteil stützen. "Das tun sie nicht, um Muslime oder Juden in der Ausübung ihrer Religion einzuschränken, sondern, weil sie der Ansicht sind, ein Mensch müsse selbst entscheiden können, ob an seinem Körper ein operativer Eingriff erfolgt, der nicht rückgängig gemacht werden kann."

Die Frankfurter Rundschau konzentriert sich dagegen auf die Sorgen der Rabbiner und findet sie berechtigt. "Solange die deutsche Rechtsprechung mit der Abwägung der Rechtsgüter Religionsfreiheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit befasst ist, sehen sich gläubige Juden und Muslime einem Klima der Diffamierung ausgesetzt", schreibt das Blatt. Denn: "In der emotional geführten Debatte steht mehr auf dem Spiel als nur die Ermittlung einer rechtspositivistischen Position." Juden und Muslime bräuchten keine Ratschläge und kulturgeschichtlichen Abhandlungen über ihre Rituale, sondern Rechtssicherheit.

Die Welt geht einen Schritt weiter. Das Blatt fordert nicht nur Rechtssicherheit: "Ein Verbot der Beschneidung - ob muslimisch oder mosaisch - zeugt von der zunehmenden Intoleranz gegenüber der religiösen Welt", heißt es in der Zeitung. "Sie ist seit dem 11. September 2001 fast mit Händen zu greifen. Was nach den Anschlägen in Amerika hierzulande als sinnvoller Versuch begann, die türkisch-muslimischen Parallelgesellschaften zu beseitigen, hat sich zu einer Religionsfeindlichkeit verwandelt, die Brauchtum und Gebot verwechselt und im Widerspruch zum liberalen Rechtsstaat alles verbieten will, was ihr fremd erscheint - vom Moscheenbau bis zur Schächtung."

Ähnlich sieht das die Saarbrücker Zeitung: "Das Beschneidungsritual als 'Beitritt zum Bund Gottes' lässt sich im Judentum keinesfalls auf ein tradiertes archaisches Religionsgesetz reduzieren. Es gilt vielmehr auch einer überwältigenden Mehrheit säkularer Juden als unverzichtbares identitätsstiftendes Fundament." Vor diesem Hintergrund sei der Einwand, das Urteil mache jüdisches - wie auch muslimisches - Leben in Deutschland unmöglich, keine Übertreibung. Ein anderes Gericht, vermutlich Karlsruhe, wird laut dem Blatt erneut abzuwiegen haben. "Bestätigt es das Verbot, das weltweit einmalig wäre, tut es dies in vollem Bewusstsein, einen jüdisch-muslimischen Exodus zu riskieren. Die Folgen für Deutschland mag man sich nicht ausmalen."

Die Rhein-Neckar-Zeitung verweigert im Gegensatz zur Welt und Saarbrücker Zeitung, sich in dem Streit auf eine Seite zu schlagen: "Sinnvoll wäre ein Kompromiss - etwa eine Beschneidung ab dem 14. Lebensjahr. Dann sind Kinder in Deutschland nämlich religionsmündig."

Quelle: n-tv.de, zusammengestellt von Thomas E. Schmidt

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