Pressestimmen

Althaus tritt zurück "Er galt nur noch als Hindernis"

Vier Tage nach der Wahl in Thüringen ist Ministerpräsident Dieter Althaus zurückgetreten und zieht damit die Konsequenz aus dem massiven Stimmverlust seiner Partei. Ein längst fälliger Schritt. Und auch wenn der Vorgang erbarmungswürdig ist: Mitleid hat die Presse nicht.

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(Foto: dpa)

Ein Rücktritt im Frühjahr wäre ein Akt der Demut gewesen, der heutige Rücktritt hat nun für Althaus etwas Demütigendes", stellt die Süddeutsche Zeitung fest: "Er war keine politische Figur mehr, er galt nur noch als Hindernis - auch in seiner Partei. Der gesamte Vorgang ist erbarmungswürdig für Althaus und erbärmlich für die thüringische CDU ... Die meisten Parteifreunde zweifelten sehr wohl, ob der Althaus nach dem Unfall noch der Althaus vor dem Unfall war. Aber in einer Mischung aus Ängstlichkeit, Willensschwäche und fordernder Parteiräson wollte man das Trauma des Hoffnungsträgers nicht wahrhaben, solange man selbst vom Wahlsieg träumte."

"Mit der Demission leistet Althaus seinem Land auch einen unerlässlichen Dienst im Sinne der politischen Hygiene." Mitleid hat die Stuttgarter Zeitung mit ihm nicht, denn "die Art, wie er den tödlichen Skiunfall für politische Zwecke zu instrumentalisieren versuchte, war allzu schäbig und pietätlos. So hat Althaus sein Ansehen verspielt." Sein Rückzug sei daher auch nur noch ein Signal an die Wähler und die Botschaft lautete: "Ich habe verstanden, dass ihr meiner überdrüssig seid." Der Ausschlag für den Rücktritt kam aber, so vermutet das Blatt, aus einer anderen Richtung und unterstellt, "dass der Druck aus den eigenen Reihen übermächtig wurde und taktisches Kalkül den gescheiterten Ministerpräsidenten letztlich bewogen hat, nicht auf egoistischen Machtansprüchen zu beharren."

Die Frankfurter Rundschau weiß genau, was die Thüringer nun zu erwarten haben, nämlich "eine stinknormale große Koalition". Denn mit dem Rückzug von Althaus ist  "das Fenster nationaler Aufmerksamkeit  … krachend in den Rahmen" gefallen und "der Ausschlachtungskoeffizient für den Wahlkampf tendiert in Berlin gegen Null." Die Causa Althaus aber lasse trotzdem Fragen offen und "ein wenig bundesweite Betroffenheit" täte gut: "Der tiefe Fall des Thüringer Ministerpräsidenten hat Chancen, ins Arsenal der Lehrstücke über die Rolle des Zufalls in der Politik, über moralische Verantwortung, über Loslassen und die Grenzen der Vermarktung individuellen Schicksals einzugehen."

Mit Althaus wäre die CDU chancenlos gewesen, urteilt die Rhein-Neckar-Zeitung, aber ohne ihn verändere sich alles: "Die SPD hat plötzlich eine zweite Option. Sie kann, immerhin, zwischen Pest und Cholera wählen. Ohne Althaus ist für sie der Weg in eine Große Koalition ein Spaziergang." Allerdings käme Schwarz-Rot "dem SPD-Bundestagswahlkampf argumentativ in die Quere. Aber der Rückzug von Althaus stellt auch den Anspruch der Linkspartei auf eine harte Probe, mit Bodo Ramelow den ersten Regierungschef zu installieren. Denn ihre Alternative dazu ist nichts." Für das Blatt aus Heidelberg kommt der letzte Dienst von Althaus zwar sehr spät, "aber sein Rücktritt erspart Thüringen womöglich eine lange politische Blockade."

Die Eßlinger Zeitung richtet den Blick auf die thüringische SPD. Sie befinde sich sowieso "im Blindflug", denn "den Ministerpräsidenten in einer Koalition mit Linkspartei und Grünen stellen zu wollen, obwohl die SPD viel schwächer als die Linke ist, scheint einem merkwürdigen Demokratieverständnis entsprungen. Möglicherweise hat die SPD im Geheimen gehofft, dass die CDU nicht die Kraft besitzt, Althaus in die Wüste zu schicken. Dieses Argument ist der SPD nun aus der Hand geschlagen."

Zusammengestellt von Katja Sembritzki

Quelle: ntv.de