Pressestimmen

Busunfall auf der A9 "Gaffer an den Pranger stellen"

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(Foto: picture alliance / Nicolas Armer)

18 Menschen sterben in einem Reisebus, der auf der A9 bei Hof in Flammen steht. Nach dem schweren Busunglück werden Stimmen von Rettungskräften laut, die beklagen, Autofahrer hätten keine ausreichende Rettungsgasse gebildet. In Anbetracht der Tatsache, dass das Feuer im Reisebus tobte, ein fataler Zeitverlust. Ein empörter Tenor prägt die Kommentarspalten der Tagespresse.

Die Volksstimme aus Magdeburg denkt über mögliche Konsequenzen nach: "Es ist eigentlich schon schrecklich genug, dass 18 Menschen bei einem Busunfall auf der A 9 in Bayern ums Leben gekommen sind. Doch die Meldungen über Gaffer und Autofahrer, die Rettungskräfte behindern, machen noch fassungsloser. Die Forderungen nach härteren Strafen könnte man auf den ersten Blick als typischen Reflex der Politik verurteilen, der an der traurigen Realität auf Deutschlands Autobahnen nicht viel ändern würde. Doch ganz so ist es nicht. Es mag sein, dass auch in Zukunft nur selten Gaffer oder Rettungsgassen-Blockierer von der Polizei zur Verantwortung gezogen werden. Nichtsdestotrotz haben aber Strafen auch abschreckende Wirkung. Es ist nicht auszuschließen, dass sich manche Autofahrer künftig disziplinierter verhalten. Härtere Strafen könnten also Leben retten. Denn bei Unfällen und Bränden zählt jede Minute. Kommen Feuerwehr und Rettungskräfte zu spät, lassen sich keine Menschen aus brennenden Autos oder Bussen mehr retten."

Die Hessische Niedersächsische Allgemeine überlegt in ihrem Kommentar, wie solche Unfälle zukünftig vermieden werden können: "Im Angesicht des Leids verbieten sich leichtfertige Spekulationen. Dies ist die Stunde stiller Trauer um die Opfer und präziser Ermittlungen der Unfallursachen. Unabhängig von den Ergebnissen zeigt sich aber, dass noch mehr getan werden kann, um Unfälle wenn schon nicht zu verhindern, so doch ihre Dimensionen zu minimieren: Für die Innenausstattung von Bussen etwa ein Verbot leicht entflammbarer Materialien, wie es bei der Bahn existiert. Oder Notbremssysteme, die nicht abgeschaltet werden können. Nicht zu vergessen ein geschärftes Bewusstsein für die Bedeutung von Rettungsgassen. Absolute Sicherheit gibt es zwar auch im Straßenverkehr nicht. Dennoch kann, nein muss sie immer weiter verbessert werden."

Auch die Badischen Neuesten Nachrichten machen sich Gedanken um die Prävention und finden: "bodenlos ist die von Politikern in Gang gesetzte Debatte um den Zwangsbetrieb von Abstandsregel-Tempomaten und Notbremseinrichtungen in Lastautos und Bussen. Die Technik ist längst am Markt angekommen, sie ist sicher, und sie entlastet unzweifelhaft die Fahrer. Solange der komplett pilotierte Verkehr jedoch noch Zukunftsmusik ist, hat der Fahrer die Verantwortung im Führerhaus. So zu tun, als ließe sich das kurzfristig ändern, ist nichts weniger als Populismus."

Die Kommentatoren der Nürnberger Nachrichten finden martialische Worte für die Gaffer und fordern: "Die Strafen, mit denen Gaffen geahndet wird, müssen drastisch angehoben werden. Die strafrechtliche Verfolgung ist allerdings nur die eine Seite der Medaille. Sensationsgeile Gaffer sollten auch gesellschaftlich an den Pranger gestellt werden - indem wir ihnen ihr Fehlverhalten vor Augen führen. Das kann im direkten Gespräch erfolgen oder aber in einer eindeutigen Kommentierung von geposteten Unfallvideos. Den Schaulustigen muss der Kampf angesagt werden!"

Die Stuttgarter Zeitung sieht die fehlende Gasse als eine Parabel für fehlendes Miteinander und holt aus: "Seit es Menschen gibt, gibt es die Lust hinzuschauen, wenn etwas Unerhörtes geschieht. Aber da unser Miteinander mit den Jahren komplexer geworden ist, haben wir uns daran gewöhnt, vieles zu delegieren. Auch und gerade das Helfen. Dass es Menschen sind, die stellvertretend für uns handeln, und dass echte Menschen Hilfe brauchen, haben manche darüber offensichtlich vergessen. Das Unheil dringt in diese abgeschottete Welt nur indirekt durch Bilder aus dem Fernsehen oder dem Internet. Nicht der Mensch schaut hin, sondern sein Smartphone, das empathielos Bilder macht. Vielleicht sollten wir anfangen, unser Leben wieder häufiger draußen bei den anderen zu leben. Dann wären wir ihnen auch im Notfall wieder näher."

Zusammengestellt von Anne Pollmann

Quelle: n-tv.de

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