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Nach der Vereinbarung zur Feuerpause: Anhänger der Hamas feiern sich als Sieger.
Nach der Vereinbarung zur Feuerpause: Anhänger der Hamas feiern sich als Sieger.(Foto: picture-alliance/ dpa)
Donnerstag, 22. November 2012

Waffenruhe in Nahost: "Hamas, der große Gewinner"

Nach acht Tagen schwerer Kämpfe im Nahostkonflikt schweigen vorerst die Waffen. Die mit internationaler Hilfe zustande gekommene Feuerpause zwischen der Hamas und Israel scheint Bestand zu haben. Die Einigung ist vor allem dem diplomatischen Einsatz Ägyptens zu verdanken, außerdem haben die Bemühungen der USA zu einem Zustandekommen der Waffenruhe beigetragen. Als wirklichen Gewinner des Abkommens bezeichnen die Tageszeitungen die Hamas. Allerdings wird die Vereinbarung auch als diplomatischer Triumph für Ägypten und dessen Präsident Mohammed Mursi gewertet.

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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sieht die Einhaltung der Waffenruhe auf Seiten der Palästinenser für einen Beweis der Fähigkeit zur Kontrolle und damit auch der Verantwortung der Hamas: "Die Hamas ist durchaus in der Lage, die Raketenangriffe auf Israel zu unterbinden. Sie hat offenbar auch die Fähigkeit, radikale Organisationen wie den Islamischen Dschihad zu kontrollieren - selbst wenn das mit den brutalen Methoden geschieht. Anders gesagt: Die Hamas trägt selbst einen Großteil der Verantwortung dafür, dass in den vergangenen acht Tagen in Gaza mehr als hundert Palästinenser ums Leben gekommen sind, die meisten davon vermutlich Zivilisten. Die Opfer wurden in Kauf genommen, weil die Hamas aus diesem Konflikt mit einem diplomatischen Erfolg hervorgeht: Im internationalen Konfliktmanagement ist sie nicht mehr zu umgehen. Der bisher als einzig legitimierter Vertreter der Palästinenser anerkannte Mahmud Abbas im Westjordanland ist stark abgewertet.

"Als der große politische Gewinner dürfte sich die Hamas erweisen", schreibt auch der General-Anzeiger und begründet: "Israel, das nicht mit dem gemäßigten Mahmud Abbas und seiner Westbank-Regierung verhandelt, tat dies sehr wohl - wenn auch indirekt - mit den Gazastreifen-Islamisten. Auch andere Regierungen wie Katar, die Türkei und auch die USA haben die de facto-Regierung unter Ismail Haniyeh ebenso de facto anerkannt und verhandelten mit ihr, via ägyptischer Vermittlung. Der Gazastreifen wird erstmals von vielen im Ausland als politische Einheit wahrgenommen. Zwar nicht als Staat, aber als eine Art halbstaatliches Gebilde, Hamastan."

Der Münchner Merkur zur Rolle der Hamas im Nahostkonflikt: "Das zwischen Israelis und Palästinensern mündlich getroffene Abkommen bietet immense Chancen. Es legt aber auch offen, wie explosiv die Gemenge- und Interessenlage im gesamten Vorderen Orient ist. Entscheidend für die kommenden Tage wird sein, ob die Hamas fähig und willens ist, die versprochene Öffnung der Gaza-Grenzen für Hilfsmaßnahmen und zum Wohle der Bevölkerung zu nutzen, statt nur neue Waffen in die Enklave zu schaffen. Ist Letzteres der Fall, dann waren die vergangenen Tage nur die Ouvertüre zum nächsten Krieg."

Der Mannheimer Morgen betont die Bedeutung Ägyptens als Vermittler in der Region: "Während Netanjahu und die Hamas sich selbst feiern, gibt sich Ägyptens Präsident Mursi bescheiden. Dabei hat er (mit Unterstützung der USA) die Feuerpause vorangetrieben. Ägypten ist auch nach Mubaraks Sturz als Vermittler eine feste Größe." Das Land werde nicht wie von vielen befürchtet in das Lager der Radikalen wechseln: "Die Vorbehalte gegen die Muslimbrüder haben sich bislang als falsch erwiesen."

Auch Der neue Tag legt den Fokus auf die Rolle des ägyptischen Präsidenten Mursi als Mittelsmann im Nahostkonflikt und kommentiert: "Der Demokrat Barack Obama und der Muslimbruder Mohammed Mursi haben erfolgreich an einem Strang gezogen, um einen Waffenstillstand zwischen Israel und Hamas zu erzwingen. Davon profitieren beide Vermittler. Denn weder der amerikanische noch der ägyptische Präsident können einen weiteren, offen auflodernden Konflikt im Nahen Osten gebrauchen. In Mursi hat Obama einen Partner, der ebenfalls verhindern will, dass die Salafisten die Agenda bestimmen: weder in Ägypten noch in Gaza, wo die den Muslimbrüder nahe stehende Hamas regiert."

"Die Einigung zwischen Hamas und Israel ist ein diplomatischer Triumph für Ägypten, dessen Präsident Mohammed Mursi während der acht Tage Luftkrieg mit klarem Kopf einen klaren Kurs hielt", schreibt der Tagesspiegel und zeigt sich voller Lob für den ägyptischen Präsidenten: "Er hat das außenpolitische Prestige seines Landes nicht durch schäumende Solidaritätsrhetorik an eine Handvoll Hamas-Hitzköpfe ausgeliefert. Er hat seinen Premierminister im Raketenhagel nach Gaza geschickt und so die Empörung in Ägypten unter die Aufruhrschwelle gedämpft. Wüste Sprüche aus der eigenen Muslimbruderschaft hat der fromme Ingenieur staatsmännisch ignoriert. Gleichzeitig machte Mursi unaufgeregt klar, dass Israels jahrzehntelange Politik der Isolierung, Drangsalierung und Unterdrückung gegenüber den Palästinensern eine Sackgasse ist. Ägypten hat für Frieden gesorgt, zusammen mit den USA."

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Quelle: n-tv.de