Pressestimmen

1027 Palästinenser für Gilad Schalit "Israel ist jetzt erpressbar"

Nach mehr als fünf Jahren in den Händen der radikal-islamischen Hamas ist der israelische Soldat Gilad Schalit frei. Die "Islamische Widerstandsbewegung" hatte den heute 25-Jährigen im Jahr 2006 entführt. Für seine Freilassung setzt Israel 1027 palästinensische Häftlinge auf freien Fuß – ein Deal, der auf der einen Seite große Hoffnungen auf baldige Fortschritte im Nahost-Friedensprozess weckt, auf der anderen Seite aber auch eine Debatte über die Verhältnismäßigkeit auslöst.

1318964198.jpg5456500495957176023.jpg

Gilad Schalit nach seiner Rückkehr mit seinem Vater Noam.

(Foto: AP)

"Kann ein Mann es wert sein, dass sich Israel erpressbar macht? Wiegt das beendete Leiden einer Familie die Leiden künftiger Terror- und Entführungsopfer auf?", fragt die Landeszeitung aus Lüneburg. Nach klassischer Staatsräson, so die Kommentatoren, müssten beide Fragen mit Nein beantwortet werden. "Doch die war im Fall des Soldaten Gilad Schalit längst außer Kraft. Ausgehebelt durch die quasi nationalreligiöse Bedeutung, die sein Schicksal erhielt. Schalit belebte den Gemeinschaftssinn und die Opferbereitschaft wieder". Von daher sei dieser "Deal für Israel ein Erfolg - trotz drohenden neuen Terrors".

Das Thema "Erpressbarkeit" beschäftigt auch den Mannheimer Morgen: "Premierminister Benjamin Netanjahu hat mit dem Deal genau das getan, was zum Beispiel Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt nach der Schleyer-Entführung ablehnte! Israel ist jetzt erpressbar für weitere Geiselnahmen". Und auch wenn Netanjahu um dieses Risiko wisse, so beweise er mit dem Tausch eines Soldaten gegen mehr als tausend Palästinenser moralische Stärke: "Israel lässt seine Söhne und Töchter, die in der Armee dienen, nicht im Stich. Dies ist existenziell für ein Land, das ja praktisch im permanenten Ausnahmezustand lebt und deshalb auch die Reservisten immer wieder einzieht, damit niemand vergisst, dass man notfalls zur Verteidigung des Landes zur Waffe greifen muss".

Die Heilbronner Stimme wirft einen Blick auf den ihres Erachtens offenbar heimlichen Gewinner der Aktion: die Hamas. Die "Islamische Widerstandsbewegung" hat sich nach Ansicht der Kommentatoren aus Baden-Württemberg aus drei Gründen mit dem Todfeind Israel an den Verhandlungstisch gesetzt: "Ihre Vertreter mussten über ihren Schatten springen, weil die Gefahr besteht, vom arabischen Frühling überrollt zu werden. Zweitens setzt man darauf, dass die Gaza-Blockade durch das israelische Militär mit dem Abkommen ein Ende findet. Und drittens ist das Gefangenen-Geschäft 1027:1 als Propagandasieg nicht mit Gold aufzuwiegen".

Die Zeitung Neues Deutschland aus Berlin bewertet die Freilassung des israelischen Soldaten Gilad Schalit vor dem Hintergrund zukünftiger Friedensgespräche: Auch wenn "keines der grundsätzlichen Probleme zwischen Israel und den Palästinensern durch diesen spektakulären Austausch gelöst" werde, so zeige die Aktion doch eines: "Man kann zu Resultaten im beiderseitigen Interesse kommen, wenn wirklich ernsthaft verhandelt wird. Nach mehr als einjähriger Unterbrechung sollen in der nächsten Woche erstmals wieder indirekte Friedensgespräche beginnen. Sie könnten einen positiven Impuls sehr gut gebrauchen".

Einen ähnlichen Standpunkt vertreten die Nürnberger Nachrichten. Auch für sie ist das Grundproblem zwischen Israel und den Palästinensern durch die außergewöhnliche Aktion nicht gelöst. Dennoch gibt sich das Blatt aus Mittelfranken optimistisch – könnte die "vorsichtige Annäherung" doch "als Katalysator für kommende Gespräche dienen": Der Umstand, dass sich Mitglieder des Nahost-Quartetts am 26. Oktober getrennt mit Vertretern Israels und der Palästinenser treffen wollen, um zu klären, ob und unter welchen Bedingungen beide Seiten wieder direkt miteinander verhandeln könnten sei "nicht viel, aber schon weit mehr als das, was man aus den vergangenen Monaten vorzuweisen" habe, ist hier zu lesen. Und: "Käme dabei etwas heraus, wäre das eines Tages auch ein wenig das Erbe von Gilad Schalit. Dann wäre sein Martyrium nicht umsonst gewesen".

Die Eßlinger Zeitung bleibt indes misstrauisch. Für sie  bleibt "abzuwarten", ob der größte Gefangenenaustausch im Nahen Osten seit einem Viertel Jahrhundert den Weg zu Erfolg versprechenden Nahost-Friedensgesprächen ebnen kann: "Die Geste Israels gegenüber den Palästinensern ist jedenfalls groß", schreiben die Kommentatoren der rheinland-pfälzischen Zeitung. "Sollte sich die Hamas zu neuen Geiselnahmen ermutigt fühlen, konterkariert sie ihren selbst ernannten Freiheitskampf und dürfte in den Augen der Weltöffentlichkeit mehr denn je als kriminelle Organisation angesehen werden".

Quelle: n-tv.de, zusammengestellt von Susanne Niedorf-Schipke

Mehr zum Thema