Pressestimmen

Krisenmanager Guttenberg "Plötzlich wirkt er hilflos"

Dass Verteidigungsminister Guttenberg wegen der Plagiatsvorwürfe so unter Druck steht, hängt mit seinem Ruf zusammen, kommentiert die Presse. "Jetzt steht der smarte Verteidigungsminister urplötzlich vor der Herausforderung, die hohen Maßstäbe auf sich selbst anzuwenden." Die Leser von n-tv.de sind da allerdings geteilter Meinung.

Die Berliner Morgenpost spielt die Affäre herunter: "Nur mal angenommen, die Dissertation eines nachrangigen Kabinettsmitglieds, Dirk Niebel etwa oder Ilse Aigner, wiese die gleichen Mängel auf wie die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg ­ was wäre geschehen?", fragt das Blatt. "Vermutlich nicht viel. Eine Meldung hier und da, ein paar höhnische Bemerkungen. Und fertig. Aber der Freiherr ist nicht irgendein Minister. Er genießt außergewöhnliche Beliebtheit und verfügt über die rare Ressource Charisma. Seine Herkunft verheißt Würde und Integrität, er predigt Anstand, das Tadellose bildet den Kern dieses Politikers. Fraglich bleibt, ob die Deutschen ihrem Lieblingspolitiker nachhaltig grollen oder die Causa Doktorarbeit als eine Art Jugendsünde verzeihen. Am Ende jedenfalls steht die wohltuende Erkenntnis, dass es Märchenprinzen ebenso wenig gibt wie lebenslange Überflieger. Übers Wasser laufen konnte eben nur einer. Guttenberg kann nicht mal unauffällig schummeln."

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(Foto: dpa)

Die Stuttgarter Zeitung hält dagegen: "Seit Guttenberg Ressortchef im Bendlerblock geworden ist, hat er stets mehr Sorgfalt darauf verwandt, als Person einen guten Eindruck bei den Wahlbürgern und den Soldaten zu machen, als seine eigentliche Arbeit als Minister gut zu erledigen. Den schönen Schein stellt Guttenberg eindeutig über das wahre Sein."

Ähnlich argumentiert das Flensburger Tageblatt. "Über 'schlechte Presse' kann sich Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg selbst jetzt, da ihm die Doktorarbeit um die Ohren fliegt, nicht beklagen. Er war stets  mit rigorosen Konsequenzen bei der Hand, wenn bei anderen auch nur der Verdacht einer Verfehlung bestand. Bei den Plagiatsvorwürfen muss Guttenberg schnell reagieren.Hier hilft keine prächtige Medieninszenierung, die er glänzend beherrscht.  Jetzt geht es um die Wahrheit. Und plötzlich wirkt der beliebteste deutsche Minister hilflos."

Mit dem Erscheinungsbild befasst sich auch der Münchner Merkur. "Für den Medienstar Guttenberg ist die Angelegenheit überaus fatal. Denn er hat sich von einer des politischen Mittelmaßes überdrüssigen Öffentlichkeit sehr bereitwillig zur Ikone des deutschen Parlamentsbetriebs stilisieren lassen, Eigenschaften, die Menschenmaß zu übersteigen drohen, inbegriffen. Sein größtes politisches Kapital, jene strahlende Aura aus Unabhängigkeit, Anstand und Bescheidenheit, verträgt sich so gar nicht mit dem bösen Verdacht, er habe es sich um eines begehrten Titels willen allzu leicht gemacht. Jetzt steht der smarte Verteidigungsminister urplötzlich vor der Herausforderung, die hohen Maßstäbe, die er in den Augen der Bevölkerung verkörpert wie kein Zweiter in dieser Republik, auf sich selbst anzuwenden. Sollte er die peinlichen Vorwürfe nicht ausräumen können, dürfte künftig ein gewaltiger Ballast die Bahn des Überfliegers hemmen."

"Die Plagiatsvorwürfe sind eindeutig und sehr peinlich" stellt die Westdeutsche Zeitung klar. "Karl Theodor zu Guttenberg reagiert auf seine spezielle Art, indem er nur kurz auf sie eingeht und dann für 24 Stunden nach Afghanistan reist. Damit drückt er aus: Ich habe Wichtigeres zu erledigen, als mich lange darum zu kümmern. Das mag taktisch klug sein. Dennoch ist die Karriere des bisher als makellos geltenden Politikers, den sich viele als Bundeskanzler wünschen, gefährdet. Denn erstmals wird Guttenbergs Glaubwürdigkeit ernsthaft bezweifelt. Zudem weiden sich viele Menschen gerne am raschen Absturz von Personen, die zuvor kometenhaft aufstiegen. Die Heftigkeit, mit der sich derzeit halb Deutschland mit Textvergleichen beschäftigt, lässt zudem die Vermutung zu, dass sich nicht nur die politischen Gegner über die Demontage dieser Unions-Lichtgestalt freuen würden."

"Nachdem immer neue Passagen von Guttenbergs Doktorarbeit anderen Autoren zugeordnet wurden, geht es nun nicht mehr darum, ob er abgekupfert hat, ohne die Quellen zu nennen. Er hat!", kommentiert das Badische Tagblatt. Die Folge: "Sein politisches Überleben hängt von einer anderen Frage ab: Sind die fehlenden Fußnoten das Ergebnis von Schlampigkeit ­ oder hat er sich ganz bewusst Texte aus fremden Federn zu eigen gemacht? So oder so: Der einstige Überflieger befindet sich im steilen Sinkflug. Im Moment deutet vieles darauf hin, dass diese Affäre das Ende seiner Laufbahn bedeutet. Wer den moralischen Aspekt beiseite lässt, wird das bedauern, denn an Guttenbergs sonstigen Qualitäten als Politiker gibt es keinen Zweifel."

Quelle: n-tv.de, tis

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