Pressestimmen

Proteste in Ägypten "Region ginge in Flammen auf"

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Die Ägypter wollen ihre Regierung fallen sehen.

(Foto: dpa)

Der Funke aus Tunesien springt auf Ägypten über. Doch die Presse warnt, Kairo ist nicht Tunis, Mubaraks Systsem viel fester verankert als das von Ben Ali. Daher werden sich am Nil keine raschen Folgen der Proteste einstellen. Und wenn doch, wer siegt? Die Islamisten lauern auf ihre Chance. Das wünscht sich nicht nur Jerusalem nicht. 

"Viele Ägypter können ihn nicht mehr sehen, im Westen aber geht die Angst um, dass er plötzlich verschwindet; denn Husni Mubarak, seit 1981 ununterbrochen an der Macht, war bislang Garant für die Berechenbarkeit dieser Schlüsselnation im Nahen Osten", erinnert der Nordbayerischer Kurier. Dass es schon länger im Staat am Nil brodelt, ist bekannt. Doch nun gehen insbesondere jungen Menschen für Gerechtigkeit und Freiheit auf die Straße. "Zugleich lauern die Islamisten auf ihre Chance. Wer wird siegen? Mit Polizeigewalt will Mubarak den Aufstand abwürgen. Gegen Massenarmut hilft eine gute Wirtschaftspolitik, aber kein Schlagstock."

Die Westfälische Nachrichten gehen weiter und fragen: "Was geschieht, wenn Mubarak von der Protestwelle weggespült wird? In einem brennenden Ägypten werden die von den Geheimdienst-Schergen bekämpften Muslimbrüder Lunte riechen. Deren Verbündete, die Hamas, sitzt im Gazastreifen." Darin liege für das Blatt aus Münster das Dilemma: "Wenn das Land am Nil ­ bisher Mittler im Nahost-Konflikt ­ im Chaos versinken sollte, ginge die gesamte Region in Flammen auf. Das mag sich niemand wirklich vorstellen ­ nicht in Berlin, Washington, Moskau und schon gar nicht in Jerusalem."

"Wenn Mubaraks Regime fällt, verändert sich die Lage im Nahen Osten fundamental", meint auch die Märkische Oderzeitung. Israel habe dann wahrscheinlich "keinen wohl gesonnenen Nachbarn mehr an seiner Grenze". Abseits von Jerusalem wäre auch die Unruhe in den Hauptstädten weltweit groß. "Es klingt grotesk, wenn nach beinahe bedingungsloser Tolerierung eines Regimes plötzlich mehr Demokratie gefordert wird. Bei Ägypten handelt es sich um ein muslimisches Land, das anders tickt als westliche Staaten. Das sollte man aus Afghanistan gelernt haben. Veränderungen sind nur im Rahmen des bestehenden Kulturkreises möglich und lassen sich nicht von außen oktroyieren. Ein Aufstand der Hungernden kann ebenso wenig ausgeschlossen werden wie ein islamistischer Umsturz. Der seit 1981 herrschende Mubarak hat mit seinem erstarrten System selbst die Lunte dafür gelegt."

Auch wenn sich in Kairo derzeit ähnliche Bilder wie jüngst in Tunis abspielen, erinnert das Hamburger Abendblatt erinnert, dass "das System Mubarak ist weitaus tiefer verankert als es das des verjagten tunesischen Autokraten Ben Ali je war" Ein paar jugendliche Demonstranten reichen da nicht aus, um es zu entwurzeln. Dennoch, das Stündlein "des offenbar krebskranken, fast 83-jährigen Ex-Generals Mubarak" habe bald geschlagen. Ob sein Sohn Gamal bereit sei, den Vater zu beerben, stellt das Baltt in Frage. "Politiker und Militärs des Regimes werden sich angesichts der Unruhen sehr sorgsam überlegen, ob sie die Volkswut mit einer dynastischen Lösung weiter anfachen wollen."

"Allerdings sollten die Erwartungen an einen tiefgreifenden Wandel in Ägypten nicht übersteigert werden", mahnt die Mitteldeutsche Zeitung und zieht denselben Vergleich mit Tunis. Die geostrategische und politische Bedeutung Kairos sichere Ägypten "wohl auch zukünftig die Unterstützung der westlichen Großmächte. Denen ist - an der Nahtstelle zu Israel - eine stabile, parlamentarisch verbrämte Diktatur absehbar genehmer als eine labile Demokratie."

Quelle: ntv.de, Zusammengestellt von Julia Kreutziger