Pressestimmen

Koran-Verbrennung in Afghanistan "Unglaubliche Ignoranz von Soldaten"

US-Soldaten verbrennen in Afghanistan einen Koran. Die Einwohner sind empört, entsetzt, außer sich. Es kommt zu Protesten, Gewalttaten und Toten. Die Presse zeigt sich schockiert - sowohl von den gedankenlosen, dummen Westlern als auch von der grausamen Gewaltbereitschaft des afghanischen Volkes.

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(Foto: dpa)

"Die vielfältigen gesellschaftlichen Verbesserungen von schulischer Ausbildung bis Infrastruktur, vor allem aber die durchaus erkämpften Freiheitsräume vor dem Unterdrückungsanspruch inhumaner religiöser Fanatiker - was sind sie wert angesichts der Leichtigkeit, mit der die Taliban auf breiter Front Hass und Gewalt mobilisieren können, wann immer ihnen ein gedankenloser Westler den Vorwand dazu liefert?", fragt das Mindener Tageblatt. Die Zeitung sieht das Engagement in Afghanistan "endgültig vor dem Scheitern". Am bittersten sei dabei "die Machtlosigkeit des Westens gegenüber der perfiden Kombination von politischer Niedertracht, fundamentalistischem Terrorismus, geschickter Propaganda und eigenem Unvermögen".

Der Kölner Stadt-Anzeiger sieht den Einsatz bereits als gescheitert. Afghanen und Westler würden einander einfach  nicht verstehen. Jetzt dürfte die Verbrennung des Korans durch US-Soldaten die Anstrengungen um Stabilität und Frieden von Washington, Berlin und Paris weit zurückgeworfen haben. Das sei bitter, konstatiert das Blatt aus Nordrhein-Westfalen. "(...) man wird davon ausgehen müssen, dass mit dem Abzug der Nato-Soldaten in Afghanistan Frauen wieder weggesperrt und Mädchen aus den Schulen gezerrt werden, dass religiöse Extremisten und Kriegsführer wieder die Oberhand gewinnen." Damit habe die westliche Staatengemeinschaft am Hindukusch zwar zehn Jahre Zeit gewonnen, "aber die Schlacht um die Herzen und Hirne hat (sie) verloren".

Der Münchner Merkur ist schockiert, und zwar sowohl von der "unglaubliche(n) Ignoranz der Soldaten, die doch bis zum allerletzten Dienstgrad seit vielen Jahren wissen müssten, dass die Schändung des Korans nicht nur Fundamentalisten als blasphemische Straftat gilt", als auch von der damit einhergehenden "Eruption von Wut und Hass aus der Mitte jener Bevölkerung, zu deren Befreiung von der grausamen Tyrannei der Taliban die ausländischen Truppen 2001 angetreten waren". Das Blatt fragt, ob dem Land angesichts dessen überhaupt noch zu helfen sei, "wenn größere Teile der afghanischen Öffentlichkeit sofort bereit sind, sich von grausamen Massenmördern, die Kinder mit Bombengürteln in den Tod schicken, zu blutigen Gewalttaten gegen Ausländer aufhetzen zu lassen."

Wie dumm müsse man eigentlich sein, wenn man nach Jahren des Engagements in Afghanistan und der generellen Auseinandersetzungen zwischen der westlichen und arabischen Welt mitten am Hindukusch einen Koran verbrennt, fragt Der Tagesspiegel. Denn "jeder, der einen Fuß in dieses Land setzt, selbst ein GI ohne Schulabschluss, muss wissen, muss gelernt haben, was Religion hier bedeutet, wie sensibel der Umgang mit dem heiligen Buch der Muslime ist. Leider treffen viele von ihnen bis heute kaum je einen Afghanen und sehen doch in jedem von ihnen einen Feind. Die ganze Welt kennt den erbitterten Streit um den US-Prediger und seine Koranverbrennung."

Die Rhein-Zeitung wundert es kaum, dass die einstigen Helfer heute - trotz aller Hilfsprojekte und kleiner Erfolgsgeschichten - inzwischen das Bild des arroganten Besatzers inne haben: "Weil es immer wieder Vorfälle wie die Koranverbrennung gibt, die jahrelange Aufbauarbeit mit einer Geste zunichtemachen. Bis heute hat der Westen nicht begriffen, dass die Bilder und Gesten in Afghanistan viel größere Auswirkungen haben als jede Rede, diplomatische Absichtserklärung oder nachträgliche Entschuldigung eines US-Präsidenten."

Quelle: ntv.de

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