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Bei Streiks und Annullierungen sollten Flugreisende ihre Rechte einfordern.
Bei Streiks und Annullierungen sollten Flugreisende ihre Rechte einfordern.(Foto: picture alliance/dpa)
Mittwoch, 12. September 2018

Tenhagens Tipps : Wie Flugreisende für ihre Rechte kämpfen

Streiks, Annullierungen, Verspätungen und Ärger mit Entschädigungszahlungen trüben die Urlaubsstimmung von Flugreisenden. Diese sollten immer ihre Rechte im Blick haben. Finanztip-Chefredakteur Tenhagen erklärt, worauf es ankommt.

n-tv.de: Derzeit gibt es wieder massive Streiks und Flugannullierungen. Welche Rechte haben Flugreisende in diesen Fällen?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn der Flug gestrichen wird, kann man das Ticket entweder voll erstattet bekommen oder anderweitig befördert werden. Das heißt, wenn ich doch nicht die Familie in München besuchen will, lasse ich mir das Geld zurückgeben oder wenn ich woanders bin, versuche ich anders befördert zu werden. Ich wende mich zunächst an die Fluggesellschaft, die bestreikt wird. Die könnten dann unter Umständen einen Flug organisieren. Oder ich lasse es mir von denen freizeichnen, wenn ich mir selbst einen anderen Flug oder Transfer organisiert habe.

Angenommen, man sitzt am Urlaubsort in Spanien fest. Was steht einem dann zu?

Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur von Finanztip.
Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur von Finanztip.

Man hat grundsätzlich erstmal ein Recht auf Verpflegung und Erfrischungen. Zudem hat man ein Anrecht auf ein Telefonat und E-Mails. Im Zweifel zählt dazu auch eine Übernachtung. Man muss auch da vor Ort auf die Fluggesellschaft zugehen. Bei der Verpflegung ist das nicht so ein Problem, eher bei den Übernachtungen. Man muss dokumentieren, wenn die Airline keine Unterkunft anbietet. Dann sollten Urlauber ein Hotel mit angemessenem Preis nehmen.

An wen können sich die Reisenden wenden? Bei Billigairlines ist es mit der direkten Ansprache oftmals problematisch.

Die Erfahrung ist nicht besonders gut. Bei Ryanair war der Streik beispielsweise angekündigt. Sie hat die Passagiere vorher angeschrieben. Dann muss man einfach versuchen, eine Rückmeldung zu Transportalternativen zu bekommen. Gelingt das nicht, würde ich selbst einen anderen Transport wählen und vorher dokumentieren, dass die Airline nicht reagiert hat. Dann würde ich die Belege einreichen und erstatten lassen.

Aber wie sieht es denn bei Streiks mit den Entschädigungen aus?

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Die EU hat Fluggästen bei Streichungen und Verspätungen ein Recht auf Entschädigung verschafft, außer bei außergewöhnlichen Umständen. Streik gilt normalerweise als außergewöhnlicher Umstand. Das heißt, die Fluggesellschaft müsste keine Entschädigung zahlen. Aber der Kunde kann trotzdem versuchen, einen Anspruch anzumelden. Denn hier haben ja nicht die fremden Fluglotsen gestreikt und die Airline am Abheben gehindert. Ryanair trägt für den Streik ein gerüttelt Maß an Verantwortung. Ich melde also einen Anspruch an, in dem ich zum Beispiel einen Musterbrief von Finanztip an die Airline schicke. Egal, wie die Fluglinie dann reagiert, der Kunde kann dann entspannen. Das EU-Recht lässt drei Jahre Zeit, Ansprüche anzumelden. Kunden können in aller Ruhe  abwarten, wohin vor Gericht die Reise geht. Denn die Frage wird vor Gericht gehen.

Nach Verspätungen gibt es oft Streit um Entschädigungszahlungen. Sind Fluggastrechte-Portale aus dem Internet empfehlenswert?

Ich empfehle sie für diejenigen, die sich nicht selbst streiten wollen. Man kann sich selbst beispielsweise mit einem Musterbrief an die Airline wenden. Und wenn das gut klappt, dann bekommt man das komplette Geld von der Fluggesellschaft. Wenn das nicht gut klappt oder es dauert ewig, dann kann man so ein Fluggastportal nutzen. Die nehmen auch eine Provision, aber dafür muss man sich nicht selbst damit herumschlagen.

Manche buchen in ihrer Not eigenständig Flüge bei anderen Airlines. Ist das sinnvoll?

Wenn es nicht anders geht und es dringend ist, dann ja.

Haben Sie für Flug-Dramen jeglicher Art ein paar Notfall-Tipps für Reisende zur Hand?

  1. Man sollte in jedem Fall so schnell wie möglich an die Airline herantreten und kommunizieren, sodass diese etwas organisiert.
  2. Grundsätzlich entspannt bleiben. Aufregung ist nicht hilfreich.
  3. Wenn nichts vorangeht, dann konstruktiv bleiben, sich selbst etwas organisieren und die Fluggesellschaft informieren.
  4. Wenn man mit Kindern unterwegs ist, sollte man zudem immer genug Zeit bei allem einplanen.
  5. Man kann ärgerliche Verspätungen auch in seinen alten Reise-Unterlagen mal durcharbeiten. Denn viele haben noch Ansprüche aus den vergangenen Jahren und könnten diese noch anmelden. Damit könnte man die nächste Reise schon bezahlen.

Mit Hermann-Josef Tenhagen sprach Sonja Gurris

Quelle: n-tv.de