Reise

Als Tourist im Kim-Reich "Ein Fehler kann lebensgefährlich sein"

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Eine Baustelle in Pjöngjang

(Foto: Gregor Keitel)

Der RTL-Journalist Gregor Keitel will 2012 seine Mutter besuchen, die in Nordkorea für die deutsche Botschaft arbeitet. So gelingt ihm, was nur wenige schaffen: Er bekommt ein Einreisevisum nach Nordkorea - und das sogar als Journalist. Vor Ort ist er immer mit Menschen unterwegs, die dem Machtapparat der Kim-Dynastie nahestehen. Die Überwachung findet überall statt, mehr oder minder auffällig. Im Interview mit n-tv.de erzählt er, wie schwierig es ist, mit Einheimischen in Kontakt zu treten und warum alle Angst haben, etwas falsch zu machen. 16 Tage war er im Reich der Kim-Familie unterwegs.

n-tv.de: Sie sind als Journalist nach Nordkorea gekommen, weil Ihre Mutter dort in der Botschaft gearbeitet hat. Wie war das für Sie?

Gregor Keitel: Die nordkoreanischen Behörden wussten, dass ich Journalist bin. Das hat erstmal für ein leicht mulmiges Gefühl gesorgt. Nichtsdestotrotz konnte ich dann ohne Probleme einreisen und die 16 Tage dort überstehen. Das hängt aber auch damit zusammen, dass wir die meiste Zeit auch mit Angehörigen der Botschaft unterwegs waren und damit nicht in Situationen gekommen sind, wo man mit leichten Fehltritten etwas auslösen konnte.

Wie haben Sie den Alltag der Menschen dort erlebt?

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Gregor Keitel unterwegs in der demilitarisierten Zone.

(Foto: Gregor Keitel)

Ich kann wirklich sagen: Es ist eine andere Welt. Es ist ein so was von nach innen abgeschottetes Land, ohne jeglichen Eindruck von außen. China ist zwar noch mehr oder weniger ein Partner des Landes, aber die Nordkoreaner haben es schon geschafft, ihre eigene kleine Kultur und ihren Personenkult aufzubauen. Es gibt ein, maximal zwei Radiosender, die nur Propagandamusik und -texte spielen.

Und wie muss man es sich dort vorstellen - wie sieht es dort aus?

Es ist ein Grau in Grau in der Hauptstadt, zum größten Teil Plattenbau, mit wenigen Ausnahmen in der Pjöngjanger Innenstadt - was die Nordkoreaner dann auch stolz präsentieren. Außerdem sieht man Parolen für das Militär und das Volk und natürlich die Porträts von der Kim-Dynastie. Alles andere ist einfach grau. Es gab auch kleine Minibusse, die mit Lautsprechern ihre Propaganda verbreiten - auch so ein echter Klassiker. Man hat eine ständige Beschallung der eigenen kreierten Welt, sodass die Bürger immer wieder daran erinnert werden.

Und wie ist die Infrastruktur?

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Alltag in Nordkorea: Minibus mit Propaganda-Durchsagen.

(Foto: Gregor Keitel)

Für Außenstehende ist es schwierig, sich überhaupt zurechtzufinden. Man bekommt auch wenig Hilfe, weil es für die Einheimischen kritisch ist, sich mit Ausländern zu unterhalten. Man gerät dann schnell in den Verdacht, dass Informationen weitergegeben werden. 

Und wie funktioniert der Kontakt mit den Einheimischen?

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Soldaten sind allgegenwärtig.

(Foto: Gregor Keitel)

Der Kontakt ist schwierig. Wenn man Offizielle dabei hat, ist er sogar untersagt. Und wenn überhaupt, dann sprechen wenige Einheimische ein bisschen Chinesisch, sonst sprechen sie nichts anderes als Koreanisch. Wir hatten bei uns nur Kontakt zu einem offiziellen Dolmetscher und einer Verwaltungshilfe der deutschen Botschaft, beide Nordkoreaner, die ausgesucht sind. Da ist natürlich jedem klar, dass diese Leute eine klare Einordnung haben. Da muss man dann auch vorsichtig sein.

Fühlten Sie sich bei dieser ganzen Propaganda zu einem Zeitpunkt bedroht?

Ich habe mich überhaupt nicht bedroht gefühlt. Die Offiziellen sind einem gegenüber auch eher distanziert; kritischen oder unangenehmen Fragen weichen sie einfach aus. Vorsichtig muss man sein, wenn man niemanden dabei hat. In der Hauptstadt konnten wir in unserer Situation auch alleine unterwegs sein. Wenn aber beispielsweise die Pauschalreise-Touristen ins Land kommen, dann haben sie immer jemanden an der Seite, der sofort jeglichen Fehltritt unterbindet. Sei es ein Foto von Militärs, von Baustellen oder Kraftwerken. Alles wird sofort unterbunden.

Und was passiert sonst?

Beim Fotografieren kann schnell etwas passieren und das ruft dann die nordkoreanischen Behörden auf den Plan, die die Fotos kontrollieren und löschen und einen im Zweifelsfall auch festnehmen. Da spielt es auch erstmal keine Rolle, ob man zum Beispiel von einer Botschaft, den UN oder anderen Hilfsorganisationen ins Land eingeladen wurde. Man zieht als ausländischer Gast auch immer die Blicke auf sich.

Sie sind ja auch noch weiter herumgereist. Wie sieht das Leben denn außerhalb der Hauptstadt aus?

Jede Reise außerhalb der Hauptstadt bedarf einer Reisegenehmigung, es sind überall Militärkontrollpunkte am Rande der Hauptstadt und auf den Routen im Land und da ist man auch unter ständiger Beobachtung. Das gilt für alle Menschen im Land. Außerhalb gibt es da zum Beispiel das wunderschöne Diamantgebirge. Wir waren auch an der Demarkationslinie, wo sich das nordkoreanische und südkoreanische Militär gegenüberstehen.

Gibt es da ein besonderes Erlebnis?

Ja, es war einer meiner absurdesten Momente in diesem Land, es war in einer kleinen Grenzstadt. Wir schauten uns da einen Souvenirshop im Hotel an, als wir auf das Zimmer warteten. Auf einmal sprachen die drei Angestellten dort ziemlich perfektes Deutsch und selbst als wir kurz das Hotel verließen, sprach uns der kleine Hotelmann am Eingang auf einmal auf Deutsch an: "Ohne Reiseführer dürfen Sie das Hotel nicht verlassen." Die Leute wurden also offensichtlich dort platziert, um uns zuhören zu können und uns im Zweifel auch anzusprechen. Wir standen also immer unter Beobachtung.

Wie stehen Sie denn insgesamt zu den Pauschalreisen nach Nordkorea - so wie es der amerikanische Student gemacht hat?

Es ist natürlich eine Faszination. Denn es ist eines der ganz wenigen Länder, die diesen Personenkult so lange - 70 Jahre lang - aufrechterhalten. Vor mehreren Jahren war es auch noch nicht mal möglich, über diese Angebote ins Land zu reisen. Ich kann den Reiz verstehen, auch wenn so gut wie alles, was man dort zu sehen bekommt, reine Fassade ist. Und wenn man diese Geschichte wie die von Warmbier hört, dann muss man sich immer im Klaren sein, dass dort schon ein kleiner Fehler lebensgefährlich werden kann.

Mit Gregor Keitel sprach Sonja Gurris

Quelle: ntv.de

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